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Endlich allein - und jetzt?

Dass der Augenblick kommen würde, war ja von Anfang an klar. Manchmal habe ich mich danach gesehnt, hatte das Gefühl, er würde nie kommen - und dann ging es doch plötzlich viel zu schnell. Nun also ist es soweit: Meine jüngste Tochter geht in den Kindergarten, Vormittags sind also alle Kinder „versorged“. Michelle allein zu Haus!

«Was ist das für ein Gefühl?» wurde ich in der letzten Woche öfters gefragt. Und weiss nicht so recht, was ich darauf antworten soll. Die Nostalgie, die mich in den letzten Wochen vor den Sommerferien gepackt hatte, ist nun so ziemlich verschwunden. Ich freue mich mit meiner Mini, dass sie nun diesen wichtigen Schritt machen durfte. Loslassen fiel mir leichter als erwartet - auch wenn mich hin und wieder dann doch ein etwas merkwürdiges Gefühl beschleicht, wenn ich ihr beim Tor nachwinke und zusehe, wie sie im Kindergarten verschwindet.

Es ist wundervoll, meinen Zeitplan ganz frei gestalten zu können; auch wirklich das zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe. Ich geniesse die Stille, finde es fantastisch, die Gedanken schweifen lassen zu können. Kürzlich habe ich von einer Mutter gehört, sie freue sich darauf, nach den Sommerferien wieder „die eigenen Gedanken hören zu können“. Treffender könnte man das Gefühl, welches ich letzte Woche am allermeisten genoss, kaum beschreiben. Und andrerseits ist es auch eine Wohltat, endlich mal wieder laut MEINE Musik anstellen zu können, ohne dass jemand protestiert. Wie viel mehr Spass die Arbeit mit Musik macht, hatte ich fast vergessen.

Ich komme aber trotzdem nicht jubelnd zurück ins leere Haus und lasse Champagnerkorken knallen. Denn die neue Freiheit birgt auch ihre Herausforderungen. Schon früher machte es mir als Mutter und Hausfrau manchmal zu schaffen, dass ich mir meine Arbeit komplett selber einteilen muss. Nun kommt dazu, dass letztlich ich alleine entscheide, welchen Anspruch ich an meine Arbeit stelle. Erwarte ich von mir selber nun, da ich Zeit habe, einen perfekten Haushalt? Muss stets alles blitzblank geputzt und aufgeräumt sein? Muss ich den bislang ziemlich minimalistisch unterhaltenen Garten auf Vordermann bringen, und künftig mein Gemüse selber anpflanzen? Müssen die Menus aufwändiger werden? Darf ich einen Teil der Arbeit auf Nachmittags verschieben oder muss ich nun, da ich die Vormittage für mich habe, Nachmittags vollumfänglich und uneingeschränkt für meine Töchter verfügbar sein?

Und wie stets mit den Ansprüchen an mich selber - soll ich nun täglich Kraftübungen machen, regelmässig Schwimmen und Joggen gehen? Kürzere Wege nur noch zu Fuss und längere nur noch mit dem Velo zurücklegen, um mich fit zu halten? Eine anspruchsvolle Tageszeitung abonnieren und endlich dafür sorgen, dass ich täglich up-to-date bin was die weltweite Nachrichtenlage angeht? Eine onlinebasierte Weiterbildung in Angriff nehmen?

Die To-Do-Liste in meinem Kopf ist ellenlang. Da sind die Küchenschränke, die ich dringend ausmisten und putzen müsste. Überhaupt - Ausmisten wäre vom Estrich bis zum Keller in so ziemlich jedem Zimmer ein grosses Thema. Dann wären da all die Fotoalben, die ich digital erstellen wollte - von Mini existiert noch kein einziges, die anderen enden bestenfalls irgendwo im Jahr 2013! Wieder mal meine Fremdsprachen auffrischen, oder sogar eine neue Sprache lernen, wäre auch so eine Idee.

Und dann sind da all die Beziehungen, die in den vergangenen Jahren so oft gelitten habe. Gerade mit anderen Müttern ist es schwierig geworden, Zeit zu finden, seit wir alle schulpflichtige Kinder haben und nicht mehr so flexibel sind. Nun könnte ich die Vormittage nutzen, um solche Beziehungen wieder etwas ausgiebiger zu pflegen. Ich könnte auch Hobbys, die ich bisher auf die Abende gelegt hatte, vermehrt auf die Vormittage schieben um so Abends wieder mehr zu Hause zu sein. Und dann ist da ja auch noch der Blog, für den ich nun ja mehr Zeit habe. Und wieder mehr arbeiten möchte ich eigentlich auch…

Logisch - alles ist nicht möglich. So lang sind die fünf Vormittage auch wieder nicht. Ich muss auch aufpassen, nicht sämtlich Energie für die Vormittage aufzuwenden, denn die Nachmittage sind anstrengend und fordern mich heraus. Nachdem ich letzte Woche tagelang mit mir gekämpft habe, ob ich mir den lange erträumten Besuch im Schwimmbad (ganz allein!) tatsächlich gönnen sollte, und ihn schliesslich auf 20 Minuten Schwimmen beschränkt habe, kam ich zum Schluss, dass ich meine Erwartungen an mich selber klären muss.

Dieser Prozess wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Wie perfekt soll mein Haushalt sein? Wie viel Zeit darf ich nur für mich aufwenden - und was tut mir gut? Wie viel Zeit soll ich „sinnvoll“ nutzen - und was verstehe ich darunter? All diese Fragen beschäftigen mich. Und ich bin mir sicher, so schnell werde ich keine definitiven Antworten darauf finden.

Irgendwie ist aber auch gerade das schön und aufregend: Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen, und ich habe die Möglichkeit, wieder ganz neue Weichen zu stellen!





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 4 und bald 9 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Pferdeliebhaberin, Beziehungsmensch. Ist gespannt, wie sich ihr "neues Leben" in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird.

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