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Kleinkindphase: Wird es später besser?

Kürzlich bei der Dentalhygiene. Meine Dentalhygienikerin weiss um meine vier Töchter, sie selber hat zwei kleine Kinder, kam erst kürzlich aus dem Mutterschaftsurlaub zurück. Während sie sich meinen Zähnen widmet, berichtet sie vom anstrengenden Alltag mit Kleinkind und Baby. Dazwischen eingestreut klingt immer wieder die Frage an: «Gälled sie, es wird mit de Ziit besser?». Da es mir mit geöffnetem Mund und sich darin befindenden Instrumenten eher schwer fällt, zu reden, erübrigt sich eine Antwort. Ich bin nicht traurig darüber, denn so aus dem Stegreif finde ich es schwierig, die Frage zu beantworten, ohne allzu weit auszuholen.

Wenn ich mir anhöre, was die Dentalhygienikerin berichtet, und mich zurückerinnere an diese Zeit, in der kaum Zeit blieb für mich selber, in der ich quasi permanent ein Kind im Tragtuch, auf dem Arm oder zumindest am Hosenbein hatte, dann kann ich klar und eindeutig sagen: Ja, es wird besser.
 
Wenn ich in den Ferien beim Essen die Familie am Nachbartisch beobachte, deren jüngeres Kind permanent versucht aus dem Hochstuhl zu klettern und deren älteres Kind seit 20 Minuten einen Tobsuchtsanfall hat - dann bin ich schon echt froh, dass diese Phase bei uns vorbei ist.
Die körperliche Belastung nimmt ab. Trotzanfälle werden weniger – auch wenn sie nicht, wie ich früher gedacht hatte, mit drei bis vier Jahren gänzlich verschwinden. Die Kinder werden selbständiger, brauchen nicht mehr permanent Begleitung oder Überwachung.
 
Inzwischen komme ich durchaus mal wieder dazu, eine Zeitschrift zu lesen, kann Mails auch tagsüber beantworten oder in aller Ruhe duschen und meine Haare waschen, während die Kinder sich selbst beschäftigen. Ich weiss sogar wieder, wie sich Langeweile anfühlt. Die erlebe ich immer dann, wenn unerwartet alle Kinder friedlich am Spielen sind, ich mich aber nicht so recht traue, eine länger dauernde Tätigkeit in Angriff zu nehmen, weil erfahrungsgemäss die Ruhe meist genau in dem Moment endet, in dem ich darauf angewiesen bin, dass sie noch etwas anhält. Diese punktuelle Langeweile ist fast schon ein Anreiz für mich, mit Stricken oder Häkeln anzufangen – obwohl ich ein ausgewiesener Handarbeitsmuffel bin…

Und bald werde ich sogar noch mehr freie Zeit zur Verfügung haben: Wenn auch meine jüngste Tochter in den Kindergarten kommt, und die Vormittage plötzlich mir ganz allein gehören.

ABER: Während die physische Belastung klar abnimmt, nimmt die psychische und mentale Belastung zu. Da sind all die Termine, welche es zu koordinieren und organisieren gilt. Für die aktuelle Woche zeigt mir der Blick in die Agenda momentan 12 Termine an – und da wird kurzfristig garantiert noch Einiges dazukommen. Selbst wenn die Kinder irgendwann in der Lage sind, solche Termine alleine wahrzunehmen und auch den Weg selbständig zu bewältigen, werde ich doch noch lange mitdenken und sie rechtzeitig losschicken müssen.

Dann werden die Sorgen der Kinder für mich belastender. Ein Kleinkind, welches unglücklich war über eine besetzte Schaukel, konnte ich trösten, ohne emotional allzu involviert zu sein. Wenn sich ein Schulkind aber ausgeschlossen und alleine fühlt, mit der Lehrperson nicht klarkommt oder sich grundsätzlich bereits Samstags verzweifelt und unter Tränen wünscht, die neue Schulwoche möge noch lange nicht beginnen, dann schmerzt mich das zutiefst.
 
Und während ich mir früher Gedanken darüber machte, ob wir den grossen Spielplatz besuchen sollen, auf dem Midi und Mini noch sehr viel Hilfe benötigen, oder ob wir zum kleinen Spielplatz gehen, den die Kleineren heiss lieben, auf dem sich aber die Maxis eher langweilen, sitze ich heute mit den Grossen manchmal buchstäblich stundenlang an den Hausaufgaben. Überlasse die Kleinen sich selber und verdränge den Gedanken, ob sich ein Spielplatzdefizit wohl auf die Grobmotorik niederschlagen könnte.
 
Während ich beim Essen früher nicht recht wusste, wie ich den Grossen Essmanieren beibringen sollte, wenn ich damit beschäftigt war, Mini daran zu hindern ihren gesamten Teller zu Boden zu werfen, kämpfe ich heute damit, jedem Kind in etwa gleich viel Zeit einzuräumen um von seinem Tag zu erzählen.

Insgesamt würde ich sagen: Es wird besser. Ich finde mein Leben nicht mehr gleich anstrengend wie in der Kleinkindphase. Aber stressfrei ist das Leben mit Kindern nach wie vor nicht. Wir Eltern tun gut daran, unser Leben als Marathon zu sehen. Wenn wir uns unser Leben so einrichten, dass wir mit Kleinkindern nur haarscharf überleben, dann wird uns wohl über kurz oder lang die Puste ausgehen. Es schadet nichts, sich schon früh bewusst zu machen, dass wir unsere Kräfte gut einteilen sollten und sich frühzeitig nach Möglichkeiten zur Entlastung und zum Wieder-Auftanken umzusehen.

Genau solche Möglichkeiten zur Entlastung will übrigens der Verein Stägetritt bieten. Alle Angebote finden sich unter www.staegetritt.ch.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8einhalb, 8einhalb, 5einhalb und bald 4), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Pferdeliebhaberin, Beziehungsmensch. Mag Zahnarztbesuche eigentlich gar nicht, und ist deswegen umso glücklicher über die nette Dentalhygienikerin.

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