>

Als Eltern das „alte ich“ wiederfinden

„Fang doch auch wieder mit einem Hobby an“, forderte mein Mann mich vor ein paar Jahren auf, als wir unsere Agenden abglichen und er mir die Termine seiner Fussball-Matches durchgab.
Die Aufforderung hinterliess mich ratlos. Ich hatte das dringende Bedürfnis danach, wieder mal rauszukommen und etwas für mich zu tun - nur was? In den sechs Jahren zwischen unserer Hochzeit und der Geburt der Maxis hatte ich studiert, viel gearbeitet und nur wenig Zeit gehabt für Hobbys. Das einzige Hobby, welchem ich die ersten Jahre nachging, war das Reiten gewesen. Damit hatte ich irgendwann aus Zeitgründen aufgehört - und jetzt, mit kleinen Kindern, sah ich da weiterhin schwarz. Zudem hatte ich nach mehreren Jahren Pause auch etwas Respekt davor, dieses nicht ganz ungefährliche Hobby wieder aufzunehmen - immerhin trug ich als Mutter ja nun nicht mehr nur für mich selber Verantwortung. Reiten kam also nicht in Frage, und andere Ideen hatte ich nicht so richtig - um etwas von Grund auf Neues auszuprobieren fehlte mir zu diesem Zeitpunkt schlichtweg auch die Energie.

Als vor etwa einem Jahr Maxi1 ein damit begann, uns damit in den Ohren zu liegen, Reitstunden nehmen zu wollen, stand für mich fest: Falls sie irgendwann damit anfangen würde, könnte ich ihr nicht einfach nur dabei zusehen, sondern wollte dieser alten Leidenschaft auch selbst wieder nachgehen.

Inzwischen haben wir eine finanzierbare und dennoch seriöse Reitlehrerin in vernünftiger Distanz gefunden, und Maxi1 hat ihre ersten Reitstunden mit Begeisterung absolviert. Als wir vor Weihnachten an der Sportbörse die dazu benötigte Kleidung besorgten, deckte auch ich mich wieder mit Helm und Stiefeln ein - und „testete“ die gefundene Reitlehrerin gleich voraus.
Was soll ich sagen - alte Liebe rostet nicht. Zu meiner Überraschung war der Pferdevirus auf der Stelle wieder da, ich wäre am Liebsten gleich am nächsten Tag wieder in den Stall gegangen. Meine Tochter und ich teilen nun also ein Hobby - und ich geniesse diese gemeinsame Zeit mit ihr jeweils sehr. Während es mich einiges kosten würde, meine Kinder beispielsweise an Fussballspiele zu begleiten, stellt die Zeit im Stall absolut kein Opfer für mich dar. Und Maxi1 (und ihre Schwestern, die uns ab und zu auch gerne begleiten) erlebt mich von einer ganz anderen Seite.

Noch mehr geniesse ich allerdings meine eigene Reitstunden. Zeit, die ich ganz alleine für mich habe. Gespräche über so ganz andere Themen als Kinder und Haushalt (wobei man auch bei Pferden irgendwie schnell beim Thema Erziehung landet…), körperliche Arbeit, die ich nur deswegen verrichte, weil ICH das so möchte (und weil das zum Hobby Reiten halt einfach dazugehört - aber ich habe tatsächlich auch Spass daran). Die Zeit im Stall hilft mir tatsächlich dabei, aufzutanken und neue Kräfte zu sammeln.

Als Teenager habe ich meine gesamte Freizeit im Pferdestall verbracht. Ich bin in meinen Ferien jeweils um 6 Uhr morgens aufgestanden um Ställe zu misten, habe im Winter den ganzen Tag der Kälte getrotzt und im Sommer trotz grösster Hitze nie ernsthaft ein Schwimmbad vermisst. Die Wiederaufnahme des Hobbys „Reiten“ fühlt sich also tatsächlich so an, als sei ein lange verschollener Teil meiner selbst zu mir zurückgekehrt. Und ich frage mich, wie ich so lange ohne ihn auskommen konnte…

Diese Erfahrung mache ich nun, da auch meine Jüngste so langsam aus dem Kleinkind-Alter rauskommt, immer mal wieder. Während mir in den ersten paar Jahren als Mutter die Energie (und auch die Zeit) zum Lesen fehlte, habe ich nun meine Liebe zu Büchern wieder entdeckt. Ich lese wieder Abende lang durch, wie ich es früher so oft tat. Und zwar keine Erziehungsratgeber, sondern Krimis, Thriller, Historische Romane - gerne auch mehrere Bücher gleichzeitig. Erlebe wieder die Faszination, durch Bücher in andere Welten abzutauchen und mit der letzten Buchseite etwas wehmütig von lieb gewonnenen Helden Abschied zu nehmen. Ich fange wieder damit an, beim Putzen die Musik (MEINE Musik, keine Schwiizergoofe und kein Andrew Bond!) laut aufzudrehen und mitzusingen (kürzlich merkte ich beim Fensterputzen erst nach einer ganzen Weile, dass Maxi2 mich mit offenen Mund anstarrte, wie ich da so gedankenverloren vor mich hin sang und mehr tanzte als putzte).

Das alte ich, welches kein Vorbild sein musste, es war in manchen Punkten anders als das „Mutter-ich“. Meine nicht ganz so seriösen Seiten habe ich zwar die letzten Jahre etwas vernachlässigt, aber sie gehören ebenfalls zu mir. Vielleicht sogar mehr als die „seriöse Mutter“, der vor lauter Verantwortung und dem Versuch, stets alles richtig zu machen, hin und wieder die Leichtigkeit abhanden kommt. Ich möchte diese verschütteten, alten Leidenschaften wieder an die Oberfläche kommen lassen. Sie tun mir gut, geben mir den so dringend benötigten Ausgleich. Und ausserdem: Dieses „alte Ich“, welches in den letzten Jahren ein Schattendasein fristete, es stellt keinen Widerspruch zu meiner Rolle als Mutter dar. Im Gegenteil, auch dieses andere ich sollen meine Töchter kennenlernen!





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8einhalb, 8einhalb, 5 und 3einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Seit Kurzem wieder des öfterem im Pferdestall anzutreffen.

0 Kommentare