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Müssen alle Mädchen Pippi sein?

«Sei Pippi, nicht Annika!». Der Spruch prangte kürzlich im WhatsApp-Profilbild einer Freundin. Ich hab ihn auch zuvor schon da und dort gesehen. Und jedes Mal ärgert er mich etwas. Denn ich muss gestehen: Ich bin Annika. Jedenfalls zu grossen Teilen. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, mehr wie Pippi zu sein. Mich nicht um Regeln zu kümmern, statt sie selbst dann brav einzuhalten, wenn ich ihren Sinn nicht wirklich sehe. Mich nicht um die Meinung Anderer zu kümmern, sondern einfach unbeeindruckt mein Ding durchzuziehen. Doch da hilft alles wünschen nichts. Ich kann nicht aus purer Willenskraft meine innere Annika zum Verschwinden bringen. Es bleibt eine Tatsache – ich bin zwar temperamentvoll, mag es laut und fröhlich, aber im Inneren bleibe ich dennoch brav und angepasst.

Und diese Eigenschaft habe ich zumindest an einen Teil meiner Töchter weitergegeben. Auch das konnte ich nicht ändern, so wenig wie sie selbst etwas dafür können. In Blogs und Kolumnen beklagen sich Mütter des Öfteren lautstark darüber, von Mädchen werde erwartet, dass sie angepasst und brav seien. Man wolle keine Wildfänge, keine Pippis. Um ehrlich zu sein: Ich erlebe das etwas anders. Mir scheint, die Eltern von heute sind durchaus stolz auf ihre kleinen Wirbelwinde. Mädchen die durchsetzungsfähig und unangepasst sind scheinen mir sehr viel erwünschter zu sein als Jungs mit den gleichen Eigenschaften (soweit ich das von Aussen beurteilen kann, ich habe ja selbst keine Jungs). Schüchterne, introvertierte Mädchen werden oft kritisch beurteilt. Der Satz: «Sei Pippi, nicht Annika!», er wird den Mädchen von heute nur zu oft entgegengeschleudert.

Vor lauter Angst vor Geschlechterfallen tappen wir Erwachsenen ab und zu in eine andere Falle. Wir halten neue Ideale hoch, wie Kinder heute sein sollten. Wir wollen sensible Jungs und starke Mädchen. Weil die Mädchen auf keinen Fall in alte, enge Korsette gepresst werden sollen, geht meiner Erfahrung nach oft vergessen, dass manche Mädchen nun mal ganz von alleine in diese Korsette passen, weil sie sozusagen ihrer natürlichen Form entsprechen. So als seien alle Annikas nur von ihrer Umgebung zu Annikas gemacht worden.

Dabei kann nicht jedes Mädchen eine Pippi sein. Es gibt laute und leise Mädchen, introvertierte und extrovertierte, brave und unangepasste, Mädchen die gerne herumtoben und solche, die eher Bewegungsmuffel sind. Und das ist gut so! Wie langweilig wäre die Welt, wären alle Menschen gleich! Die Pippis dieser Welt können durchaus profitieren von Annikas vernünftigen, angepassten aber auch fürsorglichen Art. Es schadet ihnen nichts, sich ab und zu etwas bremsen zu lassen. Nicht umsonst hat Pippi sich schliesslich keinen zweiten Wirbelwind als beste Freundin auserkoren, sondern die so ganz andere Annika.

Umgekehrt können die Annikas sich immer mal wieder eine Scheibe von Pippis Unbekümmertheit abschneiden. Können von ihr lernen, sich nicht um die Meinung anderer zu kümmern, querzudenken, ganz bei sich zu sein. Gerade dieses voneinander lernen, diese Unterschiedlichkeit macht doch das zwischenmenschliche Miteinander erst so spannend!

Ich wünsche mir die Offenheit, meine Kinder ihre eigene Identität finden zu lassen, ohne sie zu bewerten. Ob sie nun Pippis oder Annikas werden, Annas oder Elsas, ob sie sich mit Prinzessin Lillifee oder mit Käpt’n Sharky identifizieren – ich möchte sie akzeptieren und lieben, wie sie sind.

Und ich wünsche mir von unserer Gesellschaft die Offenheit, Kindern (und auch Erwachsenen!) ihre Eigenheiten zuzugestehen. Auch wenn sie nicht in moderne Rollenbilder passen.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8einhalb, 8einhalb, 5 und 3einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet die Annikas und die Pippis unter ihren Töchtern gleichermassen toll - und staunt immer wieder darüber, wie unterschiedlich die vier sind...

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