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Arbeiten wird mit Schulkindern nicht einfacher

Die Vereinbarkeit von Job und Familie wird in Schweizer Blogs und Medien immer wieder heiss diskutiert. Oft wird bemängelt, wie teuer die Kinderbetreuung in der Schweiz ist, wie unflexibel die Arbeitgeber sind, zu welchen organisatorischen Höchstleistungen kranke Kinder führen und wie schwierig Schulferien und freie Tage aufgrund fehlender Betreuungsangebote zu organisieren sind.  Alles Probleme, die ich kenne. Für mich fehlt in der öffentlichen Diskussion aber ein anderes, für mich wesentliches Problem. Ein Problem, welches erst auftauchte, seit ich Kinder im Schulalter habe.

Als alle unsere Töchter noch klein waren, habe ich sehr bewusst nur sehr wenig gearbeitet. Wenn doch die Sehnsucht aufkam nach einer anderen Beschäftigung, nach mehr Anerkennung, nach dem „aus-dem-Haus-kommen“, nach anderen Themen als Babybrei und Sauberkeitserziehung, dann tröstete ich mich stets mit dem Gedanken: „Wenn dann alle Kinder im schulpflichtigen Alter sind, dann kommt dann wieder meine Zeit.“

Ich habe mich getäuscht. Inzwischen ist mir klar: In der Zeit vor Kindergarten und Schule wäre es für mich viel einfacher gewesen, arbeiten zu gehen. Das liegt zum einen an den oben schon erwähnten organisatorischen Problemen. Hinzu kommt aber bei uns ein ganz anderes Problem: Nicht alle meine Töchter sind extrovertiert. Ich habe Kinder, die sehr viel Zeit für sich brauchen und für die grosse Ansammlungen von Kindern eher anstrengend sind. Eine meiner Töchter kann sich zusätzlich nur schlecht abgrenzen, wäre also aus Angst etwas zu verpassen stets mitten im grössten Trubel und würde sich damit restlos überfordern. Seit die Maxis drei Nachmittage in der Woche Schule haben, ziehen sie sich in ihrer freien Zeit oft zurück, wollen in aller Ruhe ein Buch lesen, eine CD hören, oder einfach vor sich hin träumen, sich treiben lassen.

Diese Möglichkeit hätten sie in einem Hort nur sehr begrenzt. Einen Tag in der Woche würde das bestimmt gehen, mit mehr würde ich sie allerdings klar überfordern. Wir erleben immer mal wieder Zeiten, in denen eines der Kinder sich sozial schwertut, sich ausgeschlossen fühlt. In diesen Phasen wäre es für das jeweils betroffene Kind ganz schön brutal, sich auch noch in der Freizeit mit nicht frei gewählten Beziehungen herumschlagen zu müssen, sich unter Umständen ein weiteres mal unwohl zu fühlen. Ich staune immer wieder darüber, welche enorme Anstrengung soziales Lernen für die Kinder bedeuten kann!  

In sozialer Hinsicht kommt noch ein anderes Problem hinzu: Aus zeitlichen Gründen ist es oft schwierig für die Mädchen, Kontakte mit ihren Freundinnen zu pflegen. Neben den Hausaufgaben bleibt schon jetzt, in der zweiten Klasse, nur noch an freien Nachmittagen Zeit. Und da sehr viele Kinder einerseits mehrere Hobbys pflegen, andrerseits oft fremdbetreut werden, gibt es viele Gspänli, die nur an einem bestimmten Wochentag Zeit haben. Manche können nur Mittwochs abmachen, anderen geht nur der Donnerstag, für wieder andere ist der Freitag die einzige Möglichkeit. Bei manchen Kindern existieren regelrechte Wartelisten, weil sie sich mit so vielen Kindern gerne mal treffen möchten. Meine Töchter geniessen es sehr, dass sie da einigermassen flexibel sind und sich nach den verplanteren Kindern richten können - und ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihnen diese Möglichkeit nehmen würde.

Ein weiteres, grosses Thema: Die Hausaufgaben. Ich habe ein Kind, welches sich schwer tut und ziemlich viel Begleitung benötigt. In einem Hort die Hausaufgaben zu machen, wäre für sie aus Konzentrationsgründen absolut undenkbar. Auch einer Tagesmutter wäre die Hausaufgabenbegleitung nur begrenzt zumutbar (insbesondere, wenn diese noch weitere, eigene Kinder zu betreuen hätte), da das Kind unter Druck oft explodiert und dann kaum mehr in die Spur zu bringen ist. Selbst die Grosseltern haben die Übung schon abgebrochen, weil einfach gar nichts mehr ging. Das würde also bedeuten, dass wir an solchen Tagen die Hausaufgaben jeweils nach dem Abendessen noch nachholen müssten. Ganz ehrlich, ich weiss nicht, wie das Kind und ich das schaffen sollten (schliesslich ist dann bei beiden die Energie auf dem Nullpunkt).

Würde ich also mehrere Tage in der Woche arbeiten, wäre ein Hort für uns keine gute Lösung (oder maximal einen Tag in der Woche). Das ist selbstverständlich keine für alle Familien gültige Aussage - ich weiss von vielen Familien, in denen alle Beteiligten absolut glücklich sind mit dieser Lösung! Aber ich kenne meine Töchter gut genug um zu wissen, dass sie nicht so ticken. Eine Tagesmutter oder Nanny wäre schon eher praktikabel, manche Probleme würden aber auch da bestehen bleiben (ganz abgesehen davon, dass es ziemlich schwierig wäre, eine Person zu finden, die bereit wäre, gleich auf vier Kinder aufzupassen, und die gleichzeitig bezahlbar wäre. Und die Kinder aufzuteilen wäre organisatorisch dann definitiv nicht mehr stemmbar für mich).

Und dann ist da auch noch dies: Seit Kindergarten und Schule habe ich ganz stark das Gefühl, dass ich zu Hause als Anker, Leuchtturm, Fels in der Brandung gebraucht werde (insbesondere natürlich in Krisenzeiten, aber auch wenn es unseren Kindern grade allen richtig gut geht, scheinen sie das zu brauchen). Das braucht unglaublich viel Energie. Energie, die ich beim Arbeiten schon tagsüber verbrauche und von der Abends oft nicht mehr so viel übrig bleibt. Oft frage ich mich, ob ich bei einem höheren Arbeitspensum noch in der Lage wäre, meine Rolle noch so auszufüllen, wie ich das in unseren familiären Situation sollte. (Übrigens: Selbstverständlich könnte auch der Papa diese Rolle genau so gut ausfüllen! Wir sind aber zur Zeit aus verschiedenen Gründen in der Situation, dass der Papa als Haupternährer unserer Familie wochentags nur wenig zur Verfügung steht.)

So stehe ich vor der grossen Herausforderung, zu entscheiden, was für unsere Familie das Beste ist. Wie stark ist mein Bedürfnis, mich zu verwirklichen, aus dem Haus zu kommen, bei der Arbeit Dinge zu tun die ich leidenschaftlich gerne tue (und die ich gut kann!)? Bringt mehr Arbeit für mich in einem Ausmass mehr Befriedigung, dass die Nutzen die Kosten übersteigen, und ich genug Energie für zu Hause übrig habe? Und wie stark sind die Bedürfnisse meiner Kinder zu werten? Mache ich aus Mücken Elefanten? Würden sie sich viel rascher und problemloser an Manches gewöhnen, als ich mir das vorstelle? Oder stimmt mein Gefühl, und ich würde uns allen keinen Gefallen tun, wenn ich noch mehr Unruhe in unseren Alltag bringe?

Kennt ihr solche Fragen? Und wie beantwortet ihr sie für euch persönlich? Stecken eure Kinder die in diesem Blog geschilderten Schwierigkeiten locker weg, oder habt ihr einen Weg gefunden, die Probleme zu entschärfen?





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 3einhalb und 8einhalb Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch, hat seit kurzem ihr altes Lieblingshobby Reiten wieder für sich entdeckt.

2 Kommentare

Dienstag, 10.04.2018, 22:56

Liebe Michelle Ich kann deine Gedanken und Bedenken absolut nachvollziehen. Die ultimative Lösung gibt es wohl für dich und deine Familie - wie auch für alle anderen Mütter mit ihren Familien nicht. Folgende Gedanken sind mir gerade in den Sinn gekommen: - Wer seinem Kind Gutes tun will, kümmere sich (auch) um sein eigenes Glück. - Probieren geht über Studieren (wenn du deine Situation verändern möchtest)... - im Hort wie bei der Tagesmutter kannst du auch nur einen Mittagstisch haben, wenn du nur bis Schulschluss am Nachmittag arbeiten kannst. - verändere deine Jobsituation und arbeite hauptsächlich von zuhause aus... LG, Rachel

Montag, 16.04.2018, 16:40

Redaktion

Hoi Rachel Homeoffice klingt ja immer so gäbig, und ich hab mir das auch schon öfters überlegt. Würde ja organisatorisch schon vieles erleichtern und wohl auch den Stresslevel etwas niedrieger halten. Andrerseits geniesse ich es gerade auch sehr, aus meinen vier Wänden rauszukommen, mit anderen (erwachsenen!) Menschen in Kontakt zu kommen und über andere Themen als Kindererziehung reden zu können... Aber man kann ja auch nicht alles haben (am liebsten wäre mir ja die "eierlegende Wollmilchsau" mit flexiblen Arbeitszeiten, Möglichkeit zu Homeoffice und trotzdem vielen Herausforderungen ;-) Nur bedingt realistisch...). Und du hast schon recht, auch hier wird man nie wissen, wie es wäre, so lang man es nicht ausprobiert hat... Danke für deine Anstösse! LG Michelle