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Förder-wütige Eltern - ein häufiges Phänomen?

Ihr kennt bestimmt die TV-Werbung von PostFinance: „Die Supermom schaut voraus“. Darin zählt eine Mutter diverse Förderkurse auf, in welche sie ihr Kleinkind schickt. Die Werbung bedient ein überaus beliebtes Klischee: Die übertrieben ehrgeizige Mutter, die ihr Kind so früh und so breit wie möglich fördern möchte.

So tickt eine grosse Mehrheit der heutigen Eltern. Könnte man zumindest meinen, wenn man auf das geht, was in den Medien so berichtet wird. Scheinbar wolle ein grosser Teil der Eltern auf keinen Fall verpassen, das Beste aus dem eigenen Nachwuchs herauszuholen. Das Kind von heute habe deswegen eine randvolle Agenda und hetze vom Frühenglisch zum Schachunterricht, vom Ballett zur Geigenstunde.

In meiner achteinhalbjährigen Karriere als Mutter habe ich inzwischen sehr viele Eltern kennengelernt. Manche entsprechen durchaus gängigen Klischees, auf diesen Typus der Super-Förder-Eltern allerdings bin ich bisher höchst selten getroffen.

Es mag sie durchaus geben, die Eltern die ihre Kinder pushen, sie zu Hobbys zwingen, die ihnen kaum Freude bereiten, die ihre Kinder von A bis Z verplanen. Aber so häufig wie uns manche Journalisten glauben machen wollen können sie nicht sein. Zumindest nicht in meinem Umfeld.  

Der Punkt scheint mir ein anderer zu sein: Das Angebot an Freizeitaktivitäten für Kinder ist schier grenzenlos. Sie alle sind in gewisser Hinsicht sinnvoll, und sie alle können Kindern total viel Spass machen. Besonders wenn die eigenen Kinder unternehmungslustig und vielseitig interessiert sind, ist es unglaublich schwierig, sich zu entscheiden und die Freizeitgestaltung auf ein vernünftiges Mass zu beschränken. Wenn die Kinder doch so viele Sachen gerne machen - ist es dann nicht unfair, sie einzuschränken? Kann ich mein Kind beispielsweise auf zwei Hobbys wöchentlich beschränken, wenn es sich für 5 verschiedene Angebote begeistert und diese sich auch noch ideal ergänzen würden? Wenn das Kind sich für ein Instrument begeistert, in der CEVI Zeit in der Natur verbringt, sich im Malkurs kreativ auslebt, im TV Energie los wird und die eigene Körperwahrnehmung und -beherrschung schult und im Reitunterricht den Umgang mit Tieren erlernt und Selbstbewusstsein erlangt, dann ist das doch grundsätzlich toll, oder? Durch die vielseitige Freizeitgestaltung ist das Kind ausgeglichen und zufrieden, und ganz nebenbei können auch noch ein paar Stärken weiter ausgebaut und ein paar Schwächen ausgemerzt werden.

Das Problem ist ja auch uns Erwachsenen nicht fremd: Es ist nicht einfach, sich zu entscheiden - aber man kann nicht alles haben. Als Mutter möchte ich für meine Kinder da sein, ihnen alles geben was sie brauchen, zugleich aber auch mich selber nicht völlig aufgeben. Ich möchte beruflich zumindest nicht den Anschluss verlieren, mich körperlich fit halten, meine Ehe pflegen und Zeit mit Freundinnen verbringen - und dann hätte ich durchaus einige Ideen für Hobbys, die ich gerne ausüben würde. Alles zugleich ist schlicht nicht möglich. Ich würde innert kürzester Zeit komplett ausbrennen, wenn ich mich nicht bewusst einschränken und Prioritäten setzen würde.

Was mir schon bei mir selber schwer fällt, ist als Mutter umso mehr eine Herausforderung. Meine Töchter haben tolle Ideen, was sie alles mit ihrer Freizeit anfangen könnten. Ich sehe, wie sie in ihren Hobbys aufgehen, und diese Hobbys machen ja vielfach nicht „nur“ Spass (obwohl das meiner Meinung nach ganz klar das primäre Ziel eines Hobbys ist) sondern haben tatsächlich auch einen praktischen Nutzen für die Kinder. Und sei es nur, dass sie dabei neue Freundinnen gewinnen.

Zugleich bin ich absolut überzeugt davon, dass meine Töchter auch freie Zeit benötigen. Sie sollen Zeit mit Freundinnen verbringen können, Zeit haben um sich in eine Bastelarbeit zu vertiefen, in einem Buch zu lesen oder auch mal einfach nur „herumzuhängen“. Diese freie Zeit ist wichtig für ihr Wohlbefinden, sie hilft ihnen dabei, immer wieder herunterzufahren und sich zu erholen. Zudem finde ich es wichtig, dass die Mädels schon in ihrer Kindheit lernen, sich zu begrenzen. Wenn sie heute schon lernen, abzuwägen und sich zu entscheiden, auch mal zu etwas „nein“ zu sagen und auf etwas zu verzichten, fällt ihnen das hoffentlich auch als Erwachsene etwas leichter. Das Einschränken kindlicher Hobbys stellt vielleicht einen kleinen Beitrag zur Burnout-Prävention dar.

Soviel zur Theorie. In der Praxis stehe ich dennoch immer wieder vor der Frage, wo ich die Grenzen setze. Ich hatte mal den Grundsatz, maximal zwei wöchentliche Hobbys zu „genehmigen“. Aber zählt das Erlernen eines Instrumentes nun auch zu diesen zwei Hobbys? Und  der saisonale Schwimmkurs, den ich auch aus Gründen der Sicherheit wichtig finde (an dem bisher alle Kinder allerdings viel Spass hätten - sonst würde ich nicht darauf bestehen)? Was, wenn ein Hobby besonders teuer ist - muss das Kind dann auf ein zweites Hobby verzichten? Und gelten für alle Kinder dieselben Regeln, oder darf das introvertierte Kind, welches viel Zeit für sich benötigt (sich aber dennoch für viele Hobbys interessiert) weniger machen als das extrovertierte, energiegeladene Kind dem permanent langweilig ist? Sollen wir dem ängstlichen, unsicheren Kind zusätzlich den sehnlichst gewünschten Karateunterricht ermöglichen, weil wir glauben, dass er für das Kind wertvoll wäre? Oder bestehen wir darauf, dass es dafür eines der beiden angestammten und heiss geliebten Hobbys aufgeben muss?

Kinder, die einen sehr vollen Terminkalender haben, sind also längst nicht immer die „Opfer“ von förderungswütigen Eltern, die ihr Kind nicht Kind sein lassen wollen. Sie (respektive ihre Eltern) leiden höchstens unter dem selben Problem, unter dem sehr viele Erwachsene in unserer Wohlstandsgesellschaft leiden - unter der Schwierigkeit, aus einem Überangebot das Richtige herauszupicken und auch unbestritten tolle Angebote links liegen zu lassen.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8einhalb, 8einhalb, 5 und 3einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Staunt immer wieder, wie viele wirklich tolle Freizeitangebote es für Kinder gibt.

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