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Krank und enttäuscht

Es ist Samstag Nachmittag. Maxi 2 schleicht schon seit Stunden irgendwie bedrückt und schlapp in der Gegend herum, ist für nichts zu motivieren. Den für sie und Maxi 1 geplanten Kinobesuch hat sie völlig unerwartet platzen lassen (da der Rest der Familie sich auf den Weg ins Hallenbad gemacht hat, ist es keine Option, das so plötzlich umentschiedene Kind zu Hause zu lassen), den als Ersatzprogramm ausgesuchten DVD findet sie doof. Plötzlich bricht es aus ihr heraus: „Mir ist schlecht!“.

Nach dem ersten Notfallprogramm (Kind schleunigst zur Toilette begleiten, nach längerem erfolglosen Abwarten davon überzeugen, sich stattdessen mit Kirschsteinkissen auf dem Bauch und Eimer griffbereit neben sich ins Bett zu legen) gehe ich im Kopf das Programm der nächsten Tage durch. Mist - am Sonntag ist eine kleine Familienfeier bei den Grosseltern geplant. Ausserdem findet am Morgen die allererste, lang ersehnte Reitstunde von Maxi 1 statt (die bereits einmal verschoben worden war und deswegen ausserplanmässig am Sonntag stattfinden sollte). Mein Mann hat zeitgleich einen Termin, den er nicht verschieben kann, zu dem er aber Midi und Mini mitnehmen wollte. Nur - ein Kind mit Magenvirus kann er auf keinen Fall auch noch mitnehmen. Und in die Reitstunde kann ich das kranke Kind ebenfalls schlecht mitschleppen. Was nun? Familienfeier verschieben (wobei es schwierig werden könnte, bald wieder einen Termin zu finden, der allen passt)? Reitstunde absagen (was für Maxi 1 doppelt gemein wäre, weil sie selber ja gesund ist)?

Solche Probleme sind für mich inzwischen oft der grösste Stressfaktor, wenn meine Kinder krank werden. Klar, ein krankes Kind ist oft anstrengend. Aber je älter die Patienten werden, desto besser wirds. Mit den üblichen Viren und Bakterien komme ich ganz gut klar, zumindest so lange ich selber einigermassen fit bin. So richtig, richtig herausfordernd allerdings ist ein krankes und obendrein enttäuschtes Kind. Und das kommt nur zu oft vor.

In den letzten 8 1/2 Jahren sind uns Grippe, Magen-Darm-Virus, Bindehautentzündung und anderes schon oft in die Quere gekommen. Besonders gemein ist das, wenn einmalige Ereignisse deswegen ins Wasser fallen, die sich nicht wiederholen lassen. Als letztes Jahr genau zum Zeitpunkt der grossen Jubiläums-Ballettaufführung alle drei daran teilnehmenden Töchter an der Grippe erkrankten und mit über 39 Grad Fieber im Bett lagen, war der Frust riesig (Midi knabbert selbst nach einem Jahr noch daran, dass sie nicht im Hasenkostüm und geschminkt auf die Bühne durfte…). Dramatische Szenen spielten sich bei uns auch ab, als der allererste Besuch des Schulpolizisten im Kindergarten anstand und eine unserer Maxis krank wurde. Und nur zu oft reicht  bei durch Krankheit ohnehin emotional angeschlagenen Kindern bei uns schon ein ausfallender Schul-Schwimmunterricht, eine ausfallende Handarbeits-, Tanz- oder Flötenstunde für ein tiefes Tal der Tränen.

Nur zu oft sind ja zudem nicht nur die Kinder selbst enttäuscht, wenn ein lange herbeigesehntes Ereignis letztlich nicht oder ohne uns stattfindet. Auch wir Mütter oder Väter hatten uns schliesslich auf den Ausflug, das Fest oder auch schlicht das Treffen mit Freunden gefreut. Oder das Kind freut sich auf die Spielgruppe (deren Ausfallen bei uns schon gewaltige Dramen verursacht hat!), wir uns auf den freien Morgen. Wir müssen also einerseits unsere eigene Enttäuschung verarbeiten - so rasch wie möglich - und andrerseits all die Emotionen unserer Kinder auffangen. Die sich mangels Alternativen erst noch häufig gegen uns richten („du blödes Mami, ich kann zwar kaum stehen, aber NATÜRLICH kann ich auf diesen Ausflug!“).

Vor 16 Jahren absolvierte ich in Peru einen längeren Sozialeinsatz. Wenn die Menschen dort über ihre Pläne sprachen, fügten sie stets hinzu: „So Gott will und wir leben“. Ich fand das damals ziemlich übertrieben. Heute kommt mir das nicht mehr ganz so dumm vor. Es zeigt eine demütigere und auch realistischere Haltung. Das Leben mit Kindern hat mich gelehrt: Nur zu oft sind Dinge schlicht nicht planbar. „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt“ - ich glaube, den Satz hab ich von meiner Mama. Sie hat diese Erfahrung wohl genau so mit uns Kindern machen müssen - wir haben längst nicht alles in der Hand.

Ich mache mir selber immer wieder klar - es könnte bei all meinen tollen Plänen auch was dazwischen kommen. Und ich weise auch meine Töchter öfters darauf hin. Gerade wenn sie sich unbändig auf etwas freuen, erinnere ich sie hin und wieder daran, dass sie unter Umständen eine Enttäuschung erleben könnten. Ich bilde mir ein, eine allfällige Enttäuschung dadurch ein kleines bisschen schmälern zu können.

Als die Maxis kleiner waren, habe ich ihnen oft gar nicht erst im Voraus von Bevorstehendem erzählt - um Enttäuschungen auf jeden Fall zu vermeiden. Davon bin ich inzwischen wieder weggekommen. Denn ich bringe sie damit um eine nicht unwesentliche Freude: Die Vorfreude. Ich lese meinen Maxis im Moment den Jugendbuchklassiker „Anne auf Green Gables“ von Lucy Maud Montgomery vor. Darin sagt Anne folgenden wunderbaren Satz: „Auch wenn man manches am Ende dann doch nicht bekommt - nichts und niemand kann einem das Vergnügen nehmen, sich darauf gefreut zu haben.“ Das ist so wahr! Nicht selten war im Nachhinein die Vorfreude tatsächlich schöner als das Ereignis selber. Bei der nächsten Enttäuschung versuche ich mal, mich und meine Töchter mit diesem Gedanken zu trösten. Vielleicht hilfts ja…

Übrigens: Das Familienessen haben wir nicht abgesagt, mein Mann blieb aber mit Maxi 2 zu Hause. Für die Reitstunde hatten wir eine prima Lösung - meine Eltern hatten sich bereit erklärt, während dieser Zeit auf die Patientin aufzupassen. Als wir grade aus dem Haus gehen wollten, erhielt ich allerdings eine SMS: Die Reitlehrerin musste die Stunde verschieben. Sie hatte die Magen-Darm-Grippe…





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 5 und 3einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Entdeckt durch ihre Tochter gerade ihr altes Herzenshobby Reiten wieder neu.

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