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Reif für den Kindergarten?

Was unsere Mini betrifft, stehen wir grade vor einer wichtigen Entscheidung. Mini wird Mitte Juli 4, und der Stichtag für die Einschulung ist im Kanton Zürich dieses Jahr genau Mitte Juli. Mini kommt also entweder schon dieses Jahr in den Kindergarten - vermutlich als Allerjüngste. Oder wir geben ihr noch ein Jahr, und sie wird nächstes Jahr so ziemlich die Älteste unter den Erst-Kindergärtnern sein.

Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, wäre meine Meinung zu dieser Frage eindeutig gewesen: In jedem Fall noch ein Jahr länger zu Hause behalten, dem Kind noch ein Jahr länger unbeschwerte Kindheit ermöglichen, es als „altes“ Kind in den Kindergarten schicken und ihm damit optimale Startbedingungen schaffen.

Inzwischen ist die Sache für mich längst nicht mehr so eindeutig. Unsere Mini ist das vierte Kind in der Familie, und das merkt man ihr an. Sozial ist sie sehr weit. Sie ist sich gewöhnt, Meinungsverschiedenheiten auszutragen, kann sich durchsetzen, es stürzt für sie aber auch keine Welt ein, wenn sie mal den Kürzeren zieht. Sie spielt gerne ausgeklügelte Rollenspiele und ist Gleichaltrigen diesbezüglich oft weit voraus, weswegen sie bevorzugt eher mit etwas älteren Kindern spielt.

Da sie zu Hause drei grosse Vorbilder hat, denen sie tagtäglich nacheifert, ist sie auch ansonsten in ihrer Entwicklung weiter als es beispielsweise die Maxis im selben Alter waren. Sie ist ausgesprochen selbständig, liebt es, wenn viel Betrieb herrscht, kann sich aber auch gut länger mit einer Sache beschäftigen. Mit einem Wort: Sie ist kindergartenreif, eindeutig. Das bestätigen sowohl die Spielgruppenleiterin als auch viele andere Bezugspersonen, die sie näher erleben.

Nun bedeutet die Tatsache, dass sie in den Kindergarten gehen könnte nicht auch automatisch, dass sie in den Kindergarten gehen sollte. Um mit Sicherheit zu wissen, welche Entscheidung im besten Interesse meines Kindes ist, müsste ich so viele Fragen beantworten können. Wird sie weiterhin so frühreif bleiben, oder stagniert sie plötzlich in ihrer Entwicklung - oder macht sie in den nächsten Monaten gar nochmal einen Entwicklungsschub? Würde sie es geniessen, in einem Jahr die Älteste zu sein und für einmal nicht immer die Jüngste - oder würde es ihr stinken, wenn ihre Gspänli für ihr Empfinden viel kleiner wären als sie selber?

Ich bin nicht der Meinung, dass mit dem Eintritt in den Kindergarten die unbeschwerte, freie Kindheit vorüber ist. All meine Töchter sind stets mit Begeisterung in den Kindergarten gegangen, haben es geliebt dort zu basteln, zu singen und spannende Dinge zu lernen - und hatten mit den freien Nachmittagen dennoch viel Zeit zur freien Verfügung. Midi freut sich jedesmal, wenn die Ferien vorüber sind und sie endlich wieder zu ihren geliebten Gspänli und ihrem ebenfalls sehr geschätzten Kindergartenlehrer zurückkehren darf. Wohl auch deshalb wartet Mini sehnsüchtig darauf, bis sie ebenfalls in den Kindergarten darf.

Was mir allerdings Sorgen macht: Immer wieder höre ich, die jüngeren Kinder wären immer etwas im Rückstand, müssten sich mehr anstrengen, hätten auch in der Schule mehr Mühe. Ich habe nicht den Anspruch, dass Mini einst zu den Besten in ihrer Klasse gehört - aber wenn ich ihr mit einem Jahr länger zu Hause dazu verhelfen kann, dass ihr die Schule später leichter fällt - sollte ich das dann nicht tun?

Ein wenig Recherche zeigte mir dann allerdings, dass diese Aussage wohl doch zu pauschal ist: Der bekannte Entwicklungsspezialist Remo H. Largo schreibt in seinem Buch „Schülerjahre“, 7jährige Kinder könnten sich in ihrem Entwicklungsalter um mindestens 3 Jahre unterscheiden. Während das eine 7jährige Kind ein Entwicklungsalter von 8 bis 9 Jahren habe, sei das andere erst auf dem Entwicklungsstand eines 5 bis 6jährigen. Ein weit entwickeltes 6jähriges Kind kann demnach durchaus sogar bereits weiter sein als ein eher unreifes 7jähriges. Das Alter allein ist also doch nicht so ausschlaggebend. Zudem ist es nun mal vom Gesetzgeber so gewollt, dass künftig bereits Kinder in den Kindergarten kommen, die grade erst 4 geworden sind. Daran werden Kindergarten und Schule sich anpassen müssen. Es können ja künftig nicht alle Kinder, die zwischen April und Juli geboren wurden, zurückgestellt werden.

Die Vorstellung, ab dem Sommer plötzlich fünf freie Morgen zur Verfügung zu haben, hat natürlich ihren Reiz für mich. Sie macht mir aber auch etwas Angst. Was fange ich an mit so viel freier Zeit? Werde ich es nicht furchtbar vermissen, „Vollzeit-Mami“ zu sein? Zumal die Situation mit nur einem Kind morgens eine gänzlich neue Erfahrung für mich ist - da unsere ersten Kinder Zwillinge waren, hatte ich das bisher noch nie erlebt. Und ich geniesse es sehr, mich exklusiv mit nur einem Kind beschäftigen zu können. Will ich das wirklich bereits diesen Sommer aufgeben?

Andrerseits - wenn Mini mir jetzt schon täglich in den Ohren liegt, sie wolle in den Kindergarten, und ein spannendes Programm von mir erwartet (das möglichst andere gleichaltrige Kinder beinhaltet), wie wird das dann im kommenden Jahr erst werden, wenn ich sie noch länger zu Hause behalte? Werde ich irgendwann nervlich so angeschlagen sein, dass ich das letzte Jahr vor dem Kindergarten nur noch hinter mich bringen möchte?

Fragen über Fragen, so viele Unbekannte, so Vieles, das ich nicht vorhersehen kann. Vielleicht gibt es auch gar nicht die absolut richtige Entscheidung. Am Ende werde ich wohl auf mein Bauchgefühl hören müssen.

Und nun wird es Zeit für ein ehrliches Geständnis: Einer der Hauptgründe, weswegen es mir schwer fällt, unsere Mini schon dieses Jahr in den Kindergarten zu schicken, ist der, dass ich mich davor fürchte, was andere Mütter dann von mir halten. Werden sie in mir die egoistische Mutter sehen, die ihr Kind möglichst bald „loswerden“ möchte? Bin ich in ihren Augen die Versagerin, die nicht noch einmal ein Jahr zum Wohle ihres Kindes auf sich nehmen wollte? Oder wirke ich gar wie die überehrgeizige Mutter, die beweisen will, wie unglaublich frühreif ihr Sprössling doch ist? Zumindest in meinem Umfeld ist die „Lehrmeinung“ schon grundsätzlich die, dass es immer besser ist, ein Kind erst so spät wie möglich in den Kindergarten zu schicken.

Ich habe mir tatsächlich gründlich überlegt, ob ich diesen Text überhaupt posten soll - aus Angst vor negativen Kommentaren. Diese Erkenntnis erschreckt mich. Und sie macht mir einmal mehr klar: Wenn es um Kindererziehung geht, darf ich nicht nach links und rechts schauen. Manchmal macht mich vielleicht genau das zur guten Mutter, dass ich eine Entscheidung treffe, die nach allgemeiner „Lehrmeinung“ eher verpönt ist. Und dann dazu stehe, davon überzeugt zu sein, dass ich diese Entscheidung allein zum Wohl meines Kindes getroffen habe.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 5 und 3einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Hat nach wie vor keine definitive Entscheidung getroffen, was die Einschulung ihrer Jüngsten angeht.

1 Kommentar

Freitag, 2.02.2018, 17:15

Cooler Beitrag - Du sprichst mir aus dem Herzen! Merci!