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Jammern Mütter in den sozialen Medien zu viel?

„Warum müssen Mütter immer jammern?“ las ich gestern in einem Kommentar auf Facebook. Die Verfasserin bemerkte, sie stolpere auf den sozialen Medien regelmässig über Mütter, die sich beklagten, wie furchtbar das Leben als Mutter sei. Und sie fragt sich, ob wir denn nicht mehr fähig seien, einfach für uns selbst mit unserem Leben klarzukommen, ohne uns dauernd darüber zu beklagen. Ich hab mir lange Gedanken gemacht über diesen Vorwurf (der nicht an mich gerichtet war). Jammern Mütter zu oft, zu öffentlich? Jammern sie mehr als andere Menschen?

Mir scheint, das öffentliche zur Schau stellen der eigenen Probleme ist zunächst mal schlicht ein Phänomen, das mit den sozialen Medien zusammenhängt. Wir haben uns daran gewöhnt, unser Leben öffentlich zu machen. Uns passiert etwas richtig Tolles? Müssen wir sofort auf Facebook, Instagram und co verkünden, möglichst mit Bildern des Ereignisses.
Genau so wie wir die Highlights in unserem Leben teilen wollen, soll die Welt auch von allen Missgeschicken und Tragödien erfahren. Ein Unfall, eine Verletzung? Die Community wird sofort informiert (auch hier möglichst inklusive drastischer Bilder). Auch sonstige Tragödien, Todesfälle, Entlassungen, Ärgernisse - sie werden oft sofort öffentlich gemacht. Schliesslich wünscht man sich Mitgefühl, und nirgends wird man davon so schnell so gründlich eingedeckt wie auf den sozialen Medien.

Grundsätzlich ist das also kein spezifisches „Mütter-Phänomen“. Allerdings geben ich der Verfasserin des Kommentars recht - auch ich sehe im Netz wesentlich häufiger Mütter, die sich beklagen, als Mütter, die von ihrem Alltag schwärmen. Vielleicht liegt das auch daran, dass diese negativen Posts mehr Resonanz im Netz erhalten, und Facebook, Instagram und Co uns ja bevorzugt die beliebtesten Posts zeigen. Vielleicht genieren Mütter sich auch, über die positiven Ereignisse mit ihren Kindern zu berichten. Wollen nicht wie stolze Übermütter wirken, die in ihrem Nachwuchs die nächste Beyoncé, den nächsten Roger Federer, die neue Mutter Theresa sehen. Und auch nicht wie das Heimchen am Herd, welches keinen anderen Lebensinhalt hat als die eigene Familie. Vielleicht fühlen sich viele Mütter aber auch schlicht überfordert und allein gelassen mit ihren Nöten? Trauen sich nicht, diese im echten Leben mit anderen Müttern zu teilen (oder haben zu wenig Kontakte dazu) und benötigen deshalb das Internet als Ventil? 

Andrerseits sind wir in unserer verwöhnten Wohlstandsgesellschaft vielleicht auch nicht mehr daran gewöhnt, einfach mal durchzubeissen. Auszuhalten, dass das Leben auch anstrengend und herausfordernd sein kann. Während wir uns in sehr vielen Lebenssituationen zumindest einbilden, aus eigener Kraft etwas ändern zu können, ist das beim Elternsein etwas anders. Der doofe Job lässt sich kündigen, eine schwierige Ehe kann therapiert (oder im Notfall auch geschieden) werden, selbst Krankheiten fühlen wir uns dank unglaublicher medizinischer Fortschritte nicht mehr hilflos ausgeliefert. Fordern unsere Kinder uns heraus, können wir daran aber nur wenig ändern - wir können die Kinder schliesslich nicht einfach wieder zurückgeben (und das wollen wir ja auch gar nicht). Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Mütter zum Jammern neigen - und dabei vergessen, dass auch andere Lebenssituationen eben oft nicht so einfach auszuhalten und auch nicht so einfach zu ändern sind.

Woran auch immer das öffentliche Jammern liegen mag, und was auch immer man davon hält - mir scheint, es hat auch positive Aspekte. Viel zu oft präsentieren Mütter sich in der Öffentlichkeit als perfekt. Und viel zu oft versuchen Mütter, einem Idealbild nachzueifern, welches sie unmöglich erreichen können. Erfolgreiche Businessfrau, hingebungsvolle Mutter, kreative Bastlerin, Köchin, Bäckerin, Innendekorateurin, Sportskanone, Model… kein Mensch kann all diese Rollen perfekt ausfüllen. Ich persönlich bin wahnsinnig dankbar für meinen Freundeskreis, in dem ehrliche Gespräche möglich und erwünscht sind. Zu wissen, dass auch andere Frauen an den vielen Anforderungen scheitern, dass auch andere Mütter von Selbstzweifeln geplagt werden und oft nicht weiterwissen, ist extrem entlastend.

Ich bin mir bewusst, dass dieser Freundeskreis ein grosses Geschenk und nicht selbstverständlich ist. Wer keine Möglichkeit hat, sich mit anderen Frauen auszutauschen, dem bleiben nur die sozialen Medien, Blogs, Erziehungsratgeber. Deswegen finde ich es richtig und wichtig, dass Mütter auf diesen Plattformen echt und authentisch sind. Darüber reden, dass nicht alles nur heiter und fröhlich ist. Ich hatte beispielsweise vor der Geburt der Maxis noch nie etwas davon gehört, das Stillen auch Probleme bereiten kann. Als es mit meinen zu früh geborenen Zwillingen dann unglaublich schwierig war, fiel ich aus allen Wolken. Erst später hörte ich von ganz vielen anderen Müttern, die auch mit Schmerzen, Stillverweigerern, koordinativen Problemen und Anderem zu kämpfen hatten. Es war eine Erlösung! Plötzlich war ich nicht mehr die einsame Versagerin, sondern eine unter Vielen. 

Deswegen: Jammern ist grundsätzlich nicht so meins, und ich finde auch, dass die sozialen Medien kein geeigneter Ort dafür sein. Ehrlich über die Herausforderungen des Mutterseins zu berichten hingegen scheint mir nicht nur legitim, sondern sogar wichtig zu sein. Aber wir Bloggerinnen und Social Media-Userinnen können uns durchaus auch wieder mal bewusst machen, dass wir auch sehr viel Positives zu berichten haben. Denn nach wie vor bin ich der Meinung: Muttersein ist der herausforderndste Job, den ich je hatte - aber auch ganz klar der bereicherndste und schönste!





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 3einhalb und 8 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet, sie hat absolut keinen Grund zu Jammern.

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