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Advent mit Kindern - nicht wie im Bilderbuch, aber unvergesslich

Wir wünschen uns eine Adventszeit wie im Bilderbuch - besinnlich und gemütlich, voller Zauber und mit bleibenden Erinnerungen. Mit Kindern wird es sehr schwer werden, eine solche Adventszeit zu erleben. Unvergesslich kann der Advent auch mit kleineren Kindern dennoch werden - wenn wir uns darauf einlassen.

Ich weiss nicht wieso, aber jedes Jahr unterscheidet sich in der Adventszeit meine Vorstellung davon, wie die Stimmung zu Hause sein sollte, stark von der Realität. Ich träume von Guezliduft und Weihnachtsliedern, Kerzenschein und Gemütlichkeit, von gemeinsamem Kuscheln auf dem Sofa und staunendem Spaziergang durch die wunderschön beleuchtete Altstadt.

Stattdessen: Chaos in allen Zimmern, Winterjacken im Flur und Stiefel über den Küchenboden verteilt, stickige oder zu kalte Räume, künstliches Lampenlicht - auch in Räumen, in denen schon seit Stunden niemand mehr war. Hetzen von der Probe für die Flötenaufführung zum Samichlaus-Anlass, Kämpfe um Hausaufgaben und andere Pflichten. Die Kinder sind dünnhäutig und gereizt, ich reisse mich entweder mit aller Macht zusammen und falle Abends um acht förmlich auf dem Sofa zusammen oder keife und schimpfe mit den Mädels um die Wette.

Liegt es an den übersteigerten Erwartungen? Dabei habe ich die doch schon so stark heruntergeschraubt. Ich plane grundsätzlich keine nicht absolut zwingenden Aktivitäten im Advent mehr fix ein, sondern lasse alles offen. Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt? Wäre schön - wenn wir irgendwann genug Zeit haben und alle gut genug gelaunt sind. Gemeinsames Guezli-Backen? Ich besorge mal den Teig (ja, zur Zeit kaufe ich den fertigen!), behalte mir aber vor, ihn zur Not einzufrieren. Schlittschuhlaufen? Ich verspreche den Mädels lieber nichts. Wer weiss, ob nicht plötzlich eine Magen-Darm-Grippe alle Pläne über den Haufen wirft - oder ob wir aus anderen Gründen dringend einen ruhigen Nachmittag zu Hause benötigen.

Von all den tollen Möglichkeiten, die sich im Advent bieten (dazu habe ich letztes Jahr mal ausführlich geschrieben: Wenn der Adventszauber zum Stress wird), lasse ich mich inzwischen kaum mehr verführen. Weniger ist mehr, so viel habe ich in den letzten Jahren gelernt. Da sind ja immer noch all die Termine, die ich nicht steuern kann: Weihnachtsessen im Geschäft, Tanz- und Flötenaufführungen, Adventsfenster-Aperos in Spielgruppe, Kindergarten oder Schule, Familienfeiern, all die „normalen“ Alltagstermine, die weiterhin stattfinden, und nicht zu vergessen die Hausaufgaben, die auch während der Adventszeit erledigt werden müssen.

Und dann ist da ja auch einfach die Jahreszeit nicht zu unterschätzen. Die kurzen Tage, das knappe Tageslicht - das macht müde. Die Kälte und das oft graue Wetter setzen vielen von uns zu, nagen an der Motivation. Schnupfen und Erkältungen mehren sich und laugen zusätzlich aus.

Es ist also wohl normal, dass wir im Dezember eher am Limit laufen. Von einer entspannten Adventszeit zu träumen mag schlicht unrealistisch sein.
Vielleicht haben wir aber auch einfach den falschen Blick auf unser alltägliches Chaos. Vielleicht definieren wir Adventszauber und Besinnlichkeit zu „erwachsen“.

Ich hatte kürzlich eine Aha-Erlebnis bei der Lektüre des Facebook-Blogs «Julia - der Weg mit unserem „Angel“». Melanie Della Rossa beschreibt in diesem Blog das Leben mit ihrer Tochter, die unter dem Angelman-Syndrom leidet (ein sehr lesenswerter Blog übrigens! Ihr findet ihn hier) . Ihr Eintrag vom 1. Dezember hat mich sehr berührt:
«Die Zeit der heruntergerissenen Lichterketten. Die Zeit der aufgeschrenzten Adventskalenderpäckchen. Die Zeit der angesengten Haarsträhnen. Die Zeit der verschlungenen Schokolade samt Alupapier. Tagtäglich. 24 neue Überraschungen bis Weihnachten. Unvergesslich. Die Adventszeit in einer Angelman-Familie.»

Noch könnte dies auch eine Beschreibung unserer Adventszeit sein, schliesslich sind meine Kinder noch klein (Mini zumindest könnte für alle der beschriebenen Überraschungen durchaus sorgen). Doch so wird es nur für einen begrenzten Zeitraum sein. Ein paar Jahre, und unsere Adventszeit könnte schon ganz anders aussehen. Diese Hoffnung hat Familie Della Rossa nicht - und dennoch gelingt es der Mutter, die schwierigen Dinge umzudeuten. All die beschriebenen „Unfälle“ sind für uns in der Regel Ärgernisse. Sie zerstören unsere Vorstellung davon, wie die Adventszeit sein sollte (und zumindest ich reagiere meist heftig darauf, wenn meine schöne Vorstellung von etwas so brutal zerstört wird). Aber vielleicht hilft es, solche Vorkommnisse aus einer anderen Warte zu sehen. Von einer „Überraschung“ statt von einem „Ärgernis“ zu reden, mag ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Die Adventszeit mit kleineren Kindern mag chaotisch und wild sein, es mag an Besinnlichkeit und Gemütlichkeit fehlen - aber vielleicht finden wir ihre Schönheit an einem ganz anderen Ort? Wer sagt denn, dass der Advent sich abspielen muss wie im Bilderbuch? Gerade die Dinge, die ganz anders laufen, als wir sie uns vorgestellt haben, werden uns wohl noch Jahre später in Erinnerung bleiben. Und das ist es doch, was wir uns für unsere Kinder (und auch für uns selber) wünschen, oder? Unvergessliche Adventszeiten…





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, fast 5 und 3einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Freut sich sehr, dieses Jahr zumindest ohne Angst grosse Kerzen auf dem Adventskranz anzünden zu können.