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Black Friday-Kaufrausch oder Chouf-Nüt-Tag?

Der heutige Freitag wurde von vielen Läden zum „Black Friday“ ausgerufen. Es winken teilweise massive Rabatte (oft nicht nur heute, sondern gleich das ganze Wochenende hindurch). Die Versuchung ist gross, sich zum Start der Weihnachts-Einkaufs-Saison ein paar Schnäppchen zu sichern…

Seid ihr heute in einen „Black-Friday-Kaufrausch“ geraten? Oder ist dieser Aktionstag mehr oder weniger unbemerkt an euch vorbei gegangen?

Ich staune jedes Jahr wieder darüber, wie immer mehr Läden auf diesen eigentlich amerikanischen „Brauch“ (wenn man die Konsumschlacht denn als Brauch bezeichnen möchte) aufspringen. In Amerika wird der Black Friday jeweils nach dem Feiertag Thanksgiving (der amerikanischen Variante des Erntedankfests) begangen. Er besteht aus nichts anderem als aus einer regelrechten Rabatt-Schlacht, mit der der Handel den Beginn der Weihnachtseinkaufssaison einläutet. In der Schweiz ist dieser Black Friday in den letzten Jahren auch immer mehr in Mode gekommen, dieses Jahr wurden teilweise ganze Aktionswochen ausgerufen.

Ich beobachte mich selber dabei, wie diese Rabatt-Schlacht etwas in mir auslöst. Schliesslich ist die Weihnachtszeit jeweils nicht grade billig - allein bei den Geschenken für vier Kinder und zwei Patenkinder kommt schliesslich ganz schön was zusammen. Da lohnt es sich schon, von Sonderangeboten zu profitieren. Also sass ich gestern Abend vor dem Computer und wollte anfangen, zu googlen. Wo finde ich welches Produkt am günstigsten?

Bevor ich so richtig mit meiner Recherche angefangen hatte, kam mir aber mein letztjähriger Advent wieder in den Sinn. Dort hatte mein Schnäppchen-Jagdfieber irgendwie überhand genommen. Ich habe Stunden über Stunden und Abend über Abend damit verbracht, ausfindig zu machen, welches Geschenk ich wo am günstigsten besorgen konnte. Das beeinhaltete auch einige Rechenarbeit (bei Amazon ist dieses und jenes Geschenk biliger, auch wenn ichs in Schweizer Franken umrechne - allerdings hat Migros ja noch ihre 30%-Aktion, dafür aber ganz schön happige Preise, und dann gibts noch diesen und jenen Onlineshop, der günstiger ist, bei dem dafür aber noch Versandkosten anfallen…), und der Aufwand war riesig. Am Ende habe ich zwar sicher weniger bezahlt als ohne diese ganze Vergleicherei - aber ob das die vielen Stunden wert war, die ich eingesetzt habe? Jedenfalls fand ich es im Nachhinein ganz schön unverhältnismässig, so viel Zeit für die paar Weihnachtsgeschenke vergeudet zu haben.

Das soll mir dieses Jahr nicht passieren. Deswegen kaufe ich heute, am Black Friday, rein gar nichts. Und lebe mit dem Gedanken, unter Umständen mehr als nötig für ein Produkt bezahlen zu müssen.

Als Gegengewicht zum Black Friday wurde inzwischen übrigens international der „Buy Nothing Day“ ins Leben gerufen. Er wird auch in der Schweiz unter dem Namen „Chouf-Nüt-Tag“ begangen, allerdings nicht am Freitag sondern morgen, am Samstag. Der Chouf-Nüt-Tag ruft uns dazu auf, an diesem Tag 24 Stunden lang komplett auf Einkäufe zu verzichten. Er soll dazu anregen, sich Gedanken zum eigenen Konsumverhalten und den weltweiten Auswirkungen der Konsumwut zu machen (dazu hab ich mir hier auch schon mal Gedanken gemacht).

In der Heiliggeistkirche und auf dem Bahnhofplatz in Bern gibts dazu morgen einen Anlass unter dem Titel: „Wenig ist das neue Viel“ (Infos hier). Die Veranstalter stellen auf ihrem Flyer die Frage: „Was kostet nichts und macht dich reich?“. Ein Frage, über die es sich nachzudenken lohnt. Ich habe vor, mich darüber morgen auch mit meinen Töchtern zu unterhalten. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit laufen auch sie Gefahr, Materielles zu wichtig zu nehmen („Aber Mami gäll, denk an meine Wunschliste!“, „Der X und die Y bekommen einen Playmobil-Adventskalender, ich will dann im Fall nicht nur Schöggeli!“). Da kann es nicht schaden, wenn wir gemeinsam mal einen Gegenpol setzen. Ich glaub, ich geh gleich doch noch Brot und Milch besorgen - damit wir morgen einen echten „Chouf-Nüt-Tag“ veranstalten können…

Für Konsumkritische lohnt sich übrigens ein Besuch in der
Stägetritt-Kleiderbörse Buntspächt. Indem ihr in einer Börse/einem Secondhand-Shop einkauft, helft ihr schliesslich mit, dass keine Kleider oder Gegenstände, die noch bestens brauchbar wären, unnötig im Abfall landen.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 4einhalb und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet Einkaufen grundsätzlich ziemlich anstrengend...