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«Achtung Mütter!» - einmal mehr kritisieren Mütter sich gegenseitig

Gestern Abend strahlte SRF den ersten Teil der Doku-Serie „Achtung Mütter!“ aus (könnt ihr hier nachschauen). 4 Mütter mit unterschiedlichen Familienmodellen geben einen Einblick in ihren Alltag. So weit so gut. Zum Konzept der Sendung gehört allerdings auch, dass die Mütter miteinander über ihre verschiedenen Vorstellungen vom Dasein als Mutter diskutieren - und in Einzelinterviews zusätzlich die übrigen Mütter kommentieren und vor allem kritisieren.

Was wir Zuschauer zu sehen bekommen, ist dann tatsächlich genau das, worunter wir Mütter ständig leiden: Die „Mommywars“. Mütter, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit nicht gegenseitig stehen lassen können, sondern sich permanent ein Urteil übereinander anmassen. Und dieses Urteil fällt oft ganz schön scharf aus!

Als Journalistin ist mir klar, dass vermutlich ausgerechnet die schärfsten Äusserungen für die Sendung verwendet wurden - vermutlich wurden die Frauen auch explizit nach Kritik gefragt. Womöglich war ein Grossteil des Gesagten erheblich verständnisvoller und versöhnlicher - das werden wir als Zuschauer nie erfahren. Es geht mir also nicht darum, diese Frauen für ihre Äusserungen zu kritisieren (auch wenn ich Einiges schon ziemlich heftig fand).

Trotzdem fand ich die Sendung ziemlich deprimierend. Als Mutter wissen wir doch alle, dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt. Dass unser Alltag daraus besteht, immer wieder neue Wege zu finden. Dass wir unser Bestes geben - und manchmal trotzdem versagen. Wir sind in einem gewissen Sinn Leidensgenossinnen (obwohl Muttersein natürlich nicht hauptsächlich aus Leiden besteht!). Wo also bleibt unsere Solidarität, unser Verständnis füreinander? Und wieso betont eine Fernsehsendung über Mütter einmal mehr die Unterschiede und das Unverständnis, statt Brücken zu schlagen? Ähnliche Fragen hat übrigens Bloggerin Andrea Jansen der zuständigen Produzentin gestellt - das Interview findet ihr hier.

Was mich am meisten zusammenzucken liess, war folgender Satz, geäussert von einer der Mütter: „Ich glaube nicht, dass ihre Kinder in 20 Jahren so glücklich sein werden wie meine!“ Zack. Knockout. Schärfer können wir eine andere Mutter wohl kaum aburteilen. Und stärker können wir uns selbst und unsere Erziehung wohl auch nicht überschätzen.

Mal ehrlich: Glauben wir tatsächlich, wir könnten mit unserer Erziehung dafür sorgen, dass unsere Kinder als Erwachsene glücklich sein werden? Klar, wir können ihnen wichtiges Rüstzeug mitgeben, wir können wunderschöne Erinnerungen vermitteln, die sie für immer begleiten werden. Aber ist das eine Garantie für ein glückliches Leben?

Mir scheint, was unsere Kinder angeht, verfallen wir ab und zu in einen regelrechten Machbarkeitswahn. Wir bilden uns ein, alles beeinflussen zu können. Das fängt damit an, dass wir uns ausführlich Gedanken machen, wann der richtige Zeitpunkt da ist, um Eltern zu werden. Ist es besser, jung Eltern zu werden, noch viel Energie zu haben und unkompliziert zu sein? Oder kümmert man sich besser erst mal um sich selber, stösst sich die Hörner ab, treibt die Karriere voran, und profitiert dann als Eltern von Lebenserfahrung und Gelassenheit? Dann planen wir akribisch die Abstände unter Geschwistern. Besser möglichst kleine Abstände, damit die Geschwister dann sicher ein gutes Verhältnis zueinander haben? Oder lieber länger warten, um den Stress für uns als Eltern zu reduzieren und für jedes Geschwisterkind genug Energie zu haben?

Ganz abgesehen davon, dass sich Vieles ja dann doch nicht so genau planen lässt wie wir uns das vorstellen: Wir können nicht alles beeinflussen. Junge Eltern können das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben. Ältere Eltern können Mühe haben, wenn sich ihr gewohntes Leben total auf den Kopf stellt. Geschwister, welche im Alter nahe beieinander liegen, können so komplett verschiedenen sein, dass sie sich permanent in den Haaren liegen, und bei Geschwistern mit grossem Abstand kann unerwartet eine Krankheit, eine Lernbehinderung oder ein anderes Problem auftreten, welches dann doch für viel mehr Stress als erhofft sorgt. Wenn wir glauben, mit der richtigen Planung, dem richtigen Familienmodell, der richtigen Erziehung sicherstellen zu können, dass mit unseren Kindern alles perfekt läuft, dann haben wir meiner Meinung nach das Leben nicht recht verstanden.

Natürlich ist es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, was unsere Kinder brauchen. Wie wir sie lebenstauglich machen können. Aber da sind so unglaublich viele Faktoren, die wir nicht beeinflussen können: Welche Freunde unser Kind finden wird, welche erwachsenen Bezugspersonen (Lehrer etc) es prägen werden, welche tragischen Ereignis es unter Umständen wird verarbeiten müssen, ob es in der Schule erfolgreich sein wird und Spass am Lernen haben wird, ob seine Träume sich erfüllen… Wir können nicht mal komplett vorhersehen, was unsere Art der Erziehung in unserem Kind auf lange Sicht bewirken wird. Wer weiss - womöglich wirft es uns später genau das vor, was wir für besonders gut und wichtig hielten?

Deswegen scheint mir die Aussage, dass ich mit meiner Erziehung sicherstellen kann, dass mein Kind einst glücklich wird, schlicht eine Anmassung. Ich wünsche mir, dass mein Mann und ich unseren Kindern die Fähigkeiten vermitteln können, die sie brauchen, um lebenstauglich zu sein. Um mit Rückschlägen umgehen zu können und sich nicht unterkriegen zu lassen. Um Freude am Leben zu haben. Um für andere Menschen da sein zu können. Und ja, auch um glücklich zu werden - zumindest hin und wieder.

Genau das wünschen sich so gut wie alle Väter und Mütter. Und sie tun dafür das, was sie für richtig halten. Zumindest das sollten wir anerkennen. Auch wenn der Weg, den sie wählen, uns eher suspekt ist - er kann genau so zum Ziel führen wie unserer.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 3 und demnächst 8 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Hat sich beim Schauen der Sendung auch selbst beim vorschnellen Urteilen ertappt.

1 Kommentar

Dienstag, 12.12.2017, 07:37

Danke, ich habe mir ähnliche Gedanken gemacht. Ich habe die Sendungen zweimal gesehen und nachdem ich beim ersten Mal, vor allem die harsche Kritik hörte, nahm ich später auch die Zwischentöne, Verständnis und Bewunderung wahr. Die Sendung gab mir viel zu denken, warum findet diese Art Diskussion fast ausschliesslich unter Frauen statt? Wiedo geht man davon aus, dass jeder Familie die Wahl offen steht, wie sie es machen wollen? Wieso gibt es so klare Wertungen für irgendwelche Entscheidungen wie Kuchenarten, Stillen, Fernsehgwohnheiten, Schlafensrituale, Arbeitspensen? Woher kommen diese Vorstellungen und wieso sind sich einige dieser Leute so sicher, dass sie das richtige machen? Ich empfinde in meinem Alltag im Moment weder Familie und Haushalt noch Beruf als so stressig, wie solche Diskussionen! Als Single wurde ich nie nach Haushalt, Ernährung, Arbeitspensum usw. Befragt und wenn, blieb es meist kommentarlos. Seit der Schwangerschaft sind Fragen an der Tagesordnung, meist gefolgt von ungefragten Wertungen oder Ratschlägen sowie einem Rechtfertigungsversuch meinerseits. Ein Stress der nicht sein müsste und von dem ich mir sicher bin, dass er in der Männerwelt nicht existiert.