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Erziehung ist eine Frage der Werthaltung

Keine Mutter und kein Vater hört gerne, das eigene Kind sei „schlecht erzogen“. Dennoch sind wir oft voreilig im Urteilen über Andere. Wer sein Kind anders erzieht als wir selber, der ist uns schnell mal suspekt. Dabei hat Erziehung viel mit der persönlichen Werthaltung der Eltern zu tun - und die ist nun mal individuell.

Welchen Werten wir Eltern viel Wert beimessen, entscheiden wir individuell, oft abhängig von unserer persönlichen Prägung, von der Art wie wir selbst erzogen wurden. Je nachdem, welche Werte uns Eltern wichtig sind, werden wir in der Erziehung andere Schwerpunkte setzen. In den letzten Jahren ist mir oft aufgefallen, dass selbst enge Freunde von mir andere Werte priorisieren als ich. Das kann dazu führen, dass wir uns gelegentlich gegenseitig etwas wundern darüber, wie wir unsere Kinder erziehen.

Ein möglicher Wert ist beispielsweise das Teilen. Wer diesem Wert hohes Gewicht beimisst, der wird seine Kinder dazu anhalten, seine Spielsachen stets zu teilen - und zwar ausnahmslos. Eigentum wird dann also nicht verstanden als etwas, worüber das Kind selbständig verfügen darf, sondern als etwas, was dem Kind zwar gehört, was es aber jederzeit den Geschwistern und Besucherkindern leihen muss.

Ich persönlich bin nicht so aufgewachsen, und mit den Jahren habe ich bemerkt, dass mir diese ultimative Forderung zu teilen nicht enstpricht. Obwohl mir Teilen auch wichtig ist, gibt es einen Wert, der für mich persönlich noch mehr Wert hat: Das Respektieren von Grenzen. Ich wünsche mir, dass meine Töchter teilen, bin aber der Meinung, dass ihre eigenen Spielsachen (damit meine ich diejenigen Spielsachen, die ihnen persönlich zu Geburtstag oder Weihnachten geschenkt wurden) letztlich ihnen selbst gehören und sie deswegen das Recht haben, selbst zu entscheiden wen sie damit spielen lassen. Umgekehrt habe ich sie auch immer dazu angehalten, zu fragen bevor fremdes Eigentum benutzt wird - und ein Nein ohne wenn und aber zu akzeptieren.
Ich erwarte von ihnen zudem durchaus Grosszügigkeit. Konkret bedeutet das, dass sie jeweils ein paar wenige Sachen für sich beanspruchen durften, den Rest dann aber diskussionslos teilen mussten.

In den allermeisten Fällen hat das problemlos geklappt - und die Maxis und auch Midi teilen heute längst ohne Diskussion und aus eigenem Antrieb so ziemlich alles, was sie haben; sowohl mit ihren kleinen Schwestern als auch mit Freundinnen. Bei Mini stellte sich das Problem gar nie - vermutlich, weil sie von ihren Schwestern das Teilen von Klein auf vorgelebt bekam.

Diese unterschiedlichen Einstellungen zum Thema Teilen lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Jede Haltung hat ihre Berechtigung - und letztlich können Eltern nur für sich herausfinden, was ihnen persönlich entspricht. Die Gefahr besteht, dass Eltern sich gegenseitig für ihre abweichende Haltung kritisieren. Wer Teilen wichtig findet, ist möglicherweise der Ansicht, dass Kinder, die manches Spielzeug vehement verteidigen, ohne von den Eltern dafür gescholten zu werden, schlecht erzogen sind. Und wem die Respektierung von Grenzen wichtiger ist, der ärgert sich über Kinder, die sich fremdes Eigentum ganz selbstverständlich schnappen und den Protest des kleinen Besitzers ignorieren, ohne dass ihre Eltern einschreiten. Beides ist jedoch nicht die Folge von mangelnder Erziehung, sondern zeigt schlicht, worauf die Eltern mehr Gewicht legen.

Ein ähnliches Thema ist die Frage, ob Kinder, die Besuch haben, ihre kleinen Geschwister mitspielen lassen müssen. In manchen Familien ist es ganz selbstverständlich so, dass stets alle Kinder des Hauses das Recht haben, mitzuspielen. In anderen Familien dürfen Kinder sich mit ihrem Besuch zurückziehen. Hier stehen sich die Werte Gemeinschaft/Individualität gegenüber, und auch diese lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Zudem hängt hier sicherlich auch vieles von der Geschwisterkonstellation und der Beziehung der Geschwister untereinander ab. Für meine Zwillinge war es beispielsweise eine zeitlang ganz wichtig, sich auch mal gegeneinander abgrenzen zu können. Ausserdem hatte eine von ihnen die Tendenz, der anderen die Freundin „auszuspannen“, ich musste die andere also schlicht auch schützen. Dazu kommt, dass ich schlecht von einem Kind erwarten kann, alle drei anderen Geschwister mitspielen zu lassen - das würde allein schon die Kapazitäten der Kinderzimmer sprengen. Anders sieht es bei uns aus, wenn die Kinder draussen spielen - dort dürfen sie einander nicht ausschliessen. Ich kann dem Wert „Gemeinschaft“ aber viel abgewinnen und kann sehr gut nachvollziehen, weswegen in anderen Familien andere Regeln gelten.

Grundsätzlich lerne ich je länger je mehr, mir immer wieder klar zu werden darüber, welche Werte meinem Mann und mir wichtig sind. Sie sind unser „Erziehungs-Kompass“. Und sie sind nicht abhängig davon, was andere Familien wichtig finden. Dass andere dann manchmal die Stirn runzeln über meine Erziehung, damit muss ich leben - ich möchte meinen eigenen Werten treu bleiben.

Noch schöner fände ich allerdings, wenn wir alle lernen könnten, zu akzeptieren, dass Erziehung keine exakte Wissenschaft ist. Dass jedes Elternpaar individuell entscheiden muss, welche Werte in der eigenen Familie Priorität haben. Und dass andere Werte genau so ihre Berechtigung haben wie die eigenen. Es kann so bereichernd sein, über diese Werte respektvoll auszutauschen, andere Argumente zu hören, vielleicht auch mal eigene Einstellungen zu überdenken - und nicht immer gleich über die Haltung anderer zu urteilen.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 4einhalb und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet es faszinierend, durch ihre Kinder auch sich selbst und ihre eigene Werthaltung immer besser kennenzulernen.

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