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Halloween - vielen Eltern graut’s!

Halloween wird auch bei uns inzwischen ziemlich selbstverständlich begangen. Während einige Eltern ihre Kinder begeistert im Kostümieren und Süssigkeiten-Sammeln unterstützen, machen andere nur zähneknirschend mit, oder streichen Halloween gleich ganz aus der Familien-Agenda. Wie so oft in der Erziehung gilt es, die Argumente abzuwägen…

Die Zeit Ende Oktober stellt mich in den letzten Jahren regelmässig vor eine grosse Herausforderung: Halloween. Bevor ich Kinder hatte, passierte es mir Jahr für Jahr, dass Kinder an meiner Haustür klingelten und ich rein gar nichts Süsses zu verteilen hatte. Ich kann mich noch genau an das erste Mal erinnern, als ich bewusst wahrnahm, dass auch Schweizer Kinder Halloween feiern. Aus der Gegensprechanlage in unserer Mietwohnung hallte ein mehrstimmiges: „Süsses oder Saures!“. Meine Antwort war nur: „Hä?“. Ich hatte noch nicht mal die deutsche Version von „Trick or Treat“ gekannt. Die Kinder erklärten mir dann - durch die Gegensprechanlage - dass sie gerne etwas Süsses hätten. Und wenn sie nichts kriegen würden, dann gäbe es halt Saures. Was dieses Saure denn sein würden, darauf hatten sie allerdings keine Antwort - und sie machten ihre Drohung auch nicht wahr, als ich ihnen ganz aufrichtig erklärte, ich hätte absolut nichts Süsses im Haus.

In den Jahren darauf wusste ich dann zumindest, was die Kinder von mir wollten. Ein einziges Mal besorgte ich extra eine Menge Süssigkeiten, die mein Mann sogar liebevoll in kleine Säckchen packte. Dieses eine Mal klingelte nur dummerweise so gut wie niemand an unserer Tür und wir sassen hinterher monatelang auf diesen ganzen Schleckwaren, die wir beide gar nicht mochten (ich bin ja mehr so der Schokolade-Typ).

Dann war da das Halloween, als meine Maxis etwas mehr als ein Jahr alt waren und fröhlich die Tür öffneten - um zu ihrem Entsetzen irgend ein Monster vor der Tür stehen zu sehen. Auf dieses Erlebnis hin begann ich, den 31. Oktober in meinem Kalender zu markieren und jeweils frühzeitig die Klingel auszuschalten und die Fensterläden zu schliessen.

Ganz so einfach ist die Sache inzwischen allerdings nicht mehr. Unsere Kinder haben Freunde, die an Halloween um die Häuser ziehen, und möchten selber auch dabei sein. Bisher hab ich ihnen das stets verboten, war mir allerdings Jahr für Jahr nicht so ganz sicher, weshalb eigentlich.

Da wäre zunächst mal meine grundsätzliche Abneigung gegen das Importieren von Bräuchen. Nur weil die Detailhändler entdeckt haben, dass sich mit dem irisch/amerikanischen Halloween viel Geld verdienen lässt, müssen wir Verbraucher doch nicht mitmachen? Wir haben den wundervollen Brauch der Räbeliechtli-Umzüge in dieser Jahreszeit, und für alle Fans von Kostümen gibts schliesslich die Fasnacht. Weswegen können wir also Halloween nicht aus der Ferne bewundern (in Hollywood-Filmen oder US-Serien wirkt dieser Brauch ja wirklich stets wundervoll) und es da lassen, wo es hingehört? Müssen wir denn alles kopieren, was anderswo gemacht wird?

Andrerseits ist es inzwischen nun mal Realität, dass Halloween vielerorts auch bei uns begangen wird. Ist meine Abneigung gegen diese Tatsache Grund genug, meinen Töchtern dieses Vergnügen vorzuenthalten?

Ein weiterer Aspekt, der mir echt gegen den Strich geht, ist das Betteln und Drohen, das an Halloween praktiziert wird. An jeder Haustür zu klingeln, und die Bewohner im besten Fall anzubetteln, im schlimmeren (und häufigeren) Fall zu erpressen, Süssigkeiten herauszurücken - also das ist nichts, was ich meine Töchter tun sehen möchte. Ganz zu schweigen davon, dass es indiskutabel wäre, Drohungen gegen wenig Spendierfreudige in die Tat umzusetzen. Von vielen Kids wird Halloween ja inzwischen dazu missbraucht, vermeintlich ungestraft Streiche zu spielen - analog zum vielerorts abgeschafften Schulsilvester. Und die so oft verteilten Bonbons und Schleckwaren mögen meine Töchter noch nicht mal so besonders - die werden sich danach in meinem Küchenschrank stapeln und höchstwahrscheinlich irgendwann entsorgt werden.

Und dann hab ich auch eher Mühe damit, dass bereits kleine Kinder sich so gruselig verkleiden, dass sie sich vor sich selbst fürchten würden, würden sie sich auf der Strasse begegnen. Und oft machen sie sich ja auch einen Spass daraus, einander zu erschrecken. Ich bin nicht sicher, wie meine Töchter (insbesondere die zwei jüngeren) damit umgehen würden, wenn sie im Dunkeln einer solchen Gruselgestalt begegnen würden. Auf wochenlange nächtliche Alpträume jedenfalls kann ich gut verzichten.

Ich habe also das eine oder andere Argument für meinen Widerwillen gegen Halloween - und doch hinterfrage ich mich auch dieses Jahr wieder. Gehts am Ende nicht doch hauptsächlich darum, dass ich Halloween schlicht „doof“ finde? Und ist das Grund genug, ihn meinen Töchtern zu verbieten? Andrerseits fände ich es auch merkwürdig, meinen Kindern zähneknirschend die Erlaubnis zu etwas zu geben, hinter dem ich persönlich nicht stehen kann (dies ist übrigens nur meine persönliche Ansicht, die ich nicht für allgemeingültig halte!) - schliesslich möchte ich sie zu Menschen erziehen, die sich selbst und ihren Prinzipien treu sind.
Ich finde nicht, dass es den Kindern schadet, auch mal etwas nicht zu dürfen. Und trotzdem möchte ich mir zumindest über meine eigenen Motive im Klaren sein und sie auch ab und zu ehrlich hinterfragen.

Für dieses Jahr zumindest steht mein Entschluss nun fest: Meine Töchter werden nicht um die Häuser ziehen, hauptsächlich, weil ich dieses Betteln und Drohen wirklich nicht unterstützen möchte. Die Maxis haben ohnehin bis Abends Tanzunterricht und werden danach noch Hausaufgaben erledigen müssen. Damit sie doch zu ihren Süssigkeiten kommen, wird es ausnahmsweise einen richtig süssen Znacht geben - wir schwanken noch zwischen Schoggifondue oder Crèpes mit ZimtZucker und Schoggisauce - und meinetwegen gerne ein paar Schleckwaren zum Dessert.





Michelle Boss
, 35, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 4einhalb und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Fühlt sich durch ihre Kinder immer mal wieder herausgefordert, sich selbst zu hinterfragen - und findet das total wertvoll.

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