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Wie billig darf Kinderkleidung sein?

Kinderkleidung schlägt ganz schön zu Buche - schliesslich wachsen Kinder rasend schnell. Die Versuchung ist gross, Kleider so günstig wie möglich zu erstehen. Aber: Darf man das überhaupt, oder sollte man aus ethischen Gründen lieber tiefer ins Portemonnaie greifen?

Letzten Sonntag las ich einen ausführlichen Artikel über die sogenannte „Fast Fashion“: Weltweit hat sich die Produktion in den letzten Jahren verdoppelt - heute werden mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke jährlich verkauft. Wir Konsumenten kaufen also immer mehr Kleider, dennoch gibt der Einzelne insgesamt kaum mehr aus als früher. Viele Modeketten befeuern diesen Trend der schnellen Mode mit immer neuen Kollektionen, die immer weniger kosten.

Auf wessen Kosten dieser Trend zu immer billigeren Kleidern geht, ist uns eigentlich ja allen klar. Nur: Berichte über Umweltschäden, Ausbeutung, Hungerlöhne und lebensgefährliche Brände in asiatischen Kleiderfabriken schocken uns zwar - sie ändern aber nichts an unserem Einkaufsverhalten.

Deswegen liegt es nicht im Interesse von Billigketten, das Konsumverhalten zu verändern. Ihre Rechnung geht allerdings nur auf, wenn sie ihre immer billiger werdende Kleidung in möglichst grossen Mengen möglichst günstig beschaffen können. So werden laufend mehr Fabriken und Näherinnen benötigt. Neue Produktionsstandorte sind gefragt - im Trend ist zurzeit Äthiopien. Dort kann noch günstiger produziert werden, und die Kleider landen erst noch schneller in den europäischen Läden. Ob die Produktion in Äthiopien allerdings wie versprochen sozialverträglicher und erst noch umweltfreundlicher als in Asien ist, bleibt zumindest fraglich.

Mir hat der Artikel zu denken gegeben - auch wenn mir diese Fakten ehrlicherweise nicht neu sind. Aber wenn ich mein eigenes Konsumverhalten ehrlich überdenke: Bin ich nicht selber einer dieser „Billigkonsumenten“? Wenn Lidl oder Aldi Skihosen für weniger als 15 Franken im Angebot haben, frage ich mich zwar oft, wie solche Preise möglich sein können. Die Versuchung, von solchen Angeboten zu profitieren, ist allerdings riesig. Und selbst wenn ich widerstehe - Ketten wie H&M oder C&A sind wohl kaum besser.

Gerade diese Woche habe ich die Wintergarderobe meiner Töchter überprüft und aufgestockt. Sie alle mit Winter- und Skijacken auszurüsten (sofern diese nicht schon von älteren Schwestern her vorhanden waren), hat mich ein kleines Vermögen gekostet. Und dennoch vermutlich viel zu wenig. Hätte ich noch mehr für die Jacken bezahlen müssen, hätte das unser Budget arg überstrapaziert. Dann hätten wir irgendwo anders den Gürtel enger schnallen müssen. Wenn ich allerdings ehrlich vergleiche - was ist denn schlimmer: Wenn wir als Familie wegen teurerer Kleider auf eine Woche Ferien verzichten müssen - oder wenn mehrere Familien in Bangladesh oder Äthiopien wegen zu billiger Kleidung nur mit Mühe und Not eine Einzimmerwohnung ohne eigenes Bad und ohne Küche leisten können?

Andrerseits: Nur weil ich für Kleidung mehr ausgebe, bedeutet das noch lange nicht, dass dieses Geld auch tatsächlich dort ankommt, wo es benötigt wird. Teurere Kleiderläden lassen leider auch viel zu oft billig produzieren - tatsächlich fair produzierte Kleider sind gar nicht so leicht zu finden.

Der Artikel hat mir allerdings noch einen anderen Aspekt als den Preis wieder in Erinnerung gerufen: Die Menge. Ist es tatsächlich notwendig, dass meine Töchter jeweils zwei Winterjacken besitzen, nur weil ich es oft nicht rechtzeitig schaffe komplett verdreckte oder nasse Jacken rechtzeitig zum nächsten Schultag hin zu waschen und zu trocknen? Könnte man in solchen Fällen nicht auch mit mehreren Schichten improvisieren? Und auch sonst benötigen wir die Menge an Kleidern, über die wir verfügen, hauptsächlich deswegen, weil ich sonst mit Waschen nie schnell genug wäre. Bin ich einfach zu faul, müsste ich mich mehr bemühen?

Und weswegen gehe ich nicht konsequenter in Second Hand-Läden und an Kleiderbörsen, um die Kleider für meine Kinder zu besorgen? Würde ich regelmässig alle solchen Läden in unserer Umgebung abklappern, könnte ich mir den Gang zu H&M und Co wohl grösstenteils sparen. Habe ich das Recht, den Aufwand zu scheuen und aus Bequemlichkeit eben doch die meisten Kleider neu zu besorgen?

Es gibt auf diese Frage wohl keine einfache Antwort. Meine zeitlichen Ressourcen sind beschränkt, und auch meine Energie muss ich weise einteilen. Ich habe mir aber dennoch vorgenommen, dieses Thema wieder mehr im Hinterkopf zu haben, und auch meine Töchter dafür zu sensibilisieren. Vielleicht hilft es ihnen auch dabei, zu begreifen, weswegen manchmal nur eine von ihnen ein neues Kleidungsstück bekommt, die anderen aber nicht ohne Not ebenfalls mit eingedeckt werden…






Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 4einhalb und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Kauft inzwischen häufiger für ihre Kinder als für sich selber ein.

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