>

Ein Hoch auf den Schulweg

Auf dem Schulweg machen Kinder nicht nur einen grossen Schritt in Richtung Selbständigkeit, sie meistern auch viele Herausforderungen und verbessern ihre sozialen Fähigkeiten. Und sie erleben eine ganze Menge…

Pünktlich zum Schulstart mehrten sich in den letzten Wochen wieder die Artikel über all die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto in die Schule chauffieren. Abgesehen davon, dass dadurch erwiesenermassen für alle anderen der Schulweg umso gefährlicher wird, wird in der Regel in solchen Artikeln darauf hingewiesen, welch wichtige Erlebnisse Kinder auf dem Schulweg machen, und wie wichtig er für ihre Selbständigkeit ist.

Ich habe in den letzten paar Jahren tatsächlich immer wieder darüber gestaunt, welche Erfahrungen unsere Kinder auf dem Schulweg machten und welchen Herausforderungen sie gegenüberstanden.
Bereits in den Kindergartenjahren der Maxis galt es immer mal wieder soziale Probleme zu lösen - obwohl die beiden mit dem Schulbus ins Nachbardorf transportiert wurden und ihr Schulweg dadurch lediglich aus 100 Metern Fussmarsch und einer kurzen gemeinsamen Wartezeit bestand.

Da war zum Beispiel der Junge, der meiner Tochter androhte, er werde ihr am nächsten Morgen den Arm brechen. Meine Tochter traute sich darauf nicht mehr allein auf den Bus. Ich organisierte eine kurze Aussprache, und es stellte sich heraus: Die Gewaltandrohung war eine hilflose Reaktion auf die spitze Zunge meiner Tochter gewesen (worauf beide sich entschuldigten und die Sache erledigt war). Darüber stolperten meine Töchter mehrmals: Wenn sie im Übermut Andere - hauptsächlich Jungs - ärgerten und hochnahmen, dann folgte darauf unweigerlich eine für sie unangenehme Reaktion. Eine wichtige Lektion!

Und dann war da die Phase, als andere Mütter ihre Kinder vor dem „bösen Mann“ warnten, diese den Maxis davon berichteten und die Maxis plötzlich panische Angst hatten vor jedem Mann, der aus einem roten Auto ausstieg. Es stellte uns vor eine schwierige Frage: Wie bleibe ich meinen Kindern gegenüber ehrlich, erkläre ihnen, dass es tatsächlich hin und wieder Menschen gibt, die ihnen Böses wollen - und nehme ihnen gleichzeitig die panische Angst? Wie bringe ich ihnen bei, nicht in fremde Autos einzusteigen und mit niemandem mitzugehen, ohne sie noch mehr zu verängstigen?

Dennoch war ich überrascht, um wie viel grösser die Herausforderungen wurden, als die Maxis dann zur Schule kamen und einen 1 Kilometer langen Schulweg zu bewältigen hatten. Plötzlich gab es endlose Diskussionen, wer nun mit wem laufen würde, wie man mit Streit umgehen solle, wie endlos auf dem Weg getrödelt werden durfte respektive wie lange wir als Familie mit dem Mittagessen auf sie warten würden.

Was tue ich, wenn meine Gspänli mir davonrennen? Und was, wenn ich unterwegs eine andere Freundin treffe, mit der ich spontan laufen möchte - kann ich dann einfach mit ihr davongehen und meine angespannten Laufgspänli stehen lassen? Was, wenn ich am Treffpunkt warte und warte, das andere Kind taucht aber einfach nicht auf? Warte ich auf Biegen und Brechen, oder laufe ich einfach los? Und wenn ich zu spät zum Unterricht komme, weil ich vergeblich gewartet habe - darf ich das der Lehrerin sagen? Was tue ich, wenn eine meiner Freundinnen unterwegs geärgert und gehänselt wird - und was, wenn ich selber das Opfer bin? Fragen wie diese haben sich meinen Töchtern immer mal wieder gestellt. Manchmal kamen sie weinend von der Schule nach Hause, oft aber auch hüpfend und singend. Für den eigentlich nicht übermässig langen Schulweg benötigen sie im Durchschnitt 35 Minuten - alleine diese lange Dauer zeigt, wie viel auf dem Schulweg passiert.

Neben all den sozialen Interaktionen waren da ja auch immer wieder spannende Erlebnisse. Der Welpe, den sie unterwegs streicheln durften. Die Schafe, die zum Zaun gerannt kamen und sich füttern liessen (und die zum Schreck der Maxis um ein Haar von einem kleinen Frechdachs mit Kaugummi gefüttert worden wären). Die Baustelle, die von Tag zu Tag Fortschritte machte. Die Lehrerin, die sie unterwegs antrafen und die plaudernd ein Stück Weg mit ihnen ging. Der Starkregen, der ganze Bäche die Strassen hinunter trieb. Der Wind, der die Schirme umstülpte, oder der plötzliche Hagel, der sie zwang, sich unterwegs unterzustellen. Der Nebel, der so dicht war, dass man das Trottoir nicht mehr erkennen konnte.

Seit den Sommerferien hat nun auch meine Midi einen Fussweg. Und auch bei ihr gab es schon Tränen - weil ihr Gspänli davon gerannt war, weil sie den Kindergartenbändel im Kindergarten nicht hatte finden können, weil sie nicht sicher gewesen war, ob sie nach Hause oder zu den Grosseltern hatte gehen sollen. Sie kam schon tropfnass oder nassgeschwitzt nach Hause. Sie kam aber auch sehr oft schon strahlend und erzählte, mit wem sie alles unterwegs gespielt hatte, was sie mit ihren Freundinnen besprochen hatte. Sie staunt über die tief stehende Morgensonne und die langen Schatten, überlegt sich morgens, ob sie wirklich die warme Jacke nehmen soll, obwohl sie weiss, dass sie Mittags darin schwitzen wird. Voller Stolz bewältigt sie ihren Fussweg komplett selbständig und besteht bereits darauf, auch andere Wege auf eigene Faust zu gehen. In den letzten Wochen ist sie ein grosses Stück selbständiger und auch selbstbewusster geworden.

Der Schulweg ist für die Mädchen eine Herausforderung, und auch für mich oft anstrengend. Er beschert mir immer mal wieder unglückliche Töchter, Probleme, die ich helfen muss zu lösen. Und ja, er löst auch Ängste aus. Da ist diese gefährliche Kreuzung, die sie überqueren müssen. Da sind Nachrichten über Männer, die angeblich Kinder versucht haben ins Auto zu locken (ich frage mich zwar immer, wie viel Wahrheitsgehalt diese Erzählungen wohl haben - aber ein bisschen Zweifel bleibt eben doch). Da sind die Mittage, an denen eines der Kinder selbst nach 45 Minuten nicht zu Hause ist und ich mich beunruhigt auf die Suche mache.

Und dennoch: Ich bin glücklich, dass wir in einem Land leben, in dem Kinder diese wichtige Erfahrungen machen dürfen. Und ich würde sie ihnen auf gar keinen Fall vorenthalten wollen.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 4einhalb und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Kann sich bis heute an manche Auseinandersetzungen auf ihrem damaligen Schulweg erinnern.

0 Kommentare