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Geschwisterpositionen - für jedes Geschwister ist das Leben ungerecht

Für Erstgeborene ist das Leben oft ungerecht. Was die Kleinen schon alles dürfen - davon hätten sie damals ja nur träumen können! Doch auch das Leben als mittleres oder jüngstes Kind ist kein Zuckerschlecken…

Mein Kind trägt Schuhe, die blinken. Mein Kind trägt Schuhe, die blinken! Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen Satz jemals sagen würde. Wenn ich eins nicht begreifen konnte, dann wieso Eltern ihren Kindern solche Schuhe kaufen. Es war einer meiner eisernen Grundsätze - solche Schuhe kommen mir nicht ins Haus.

Also habe ich regelmässig im Schuhgeschäft Kämpfe mit meinen Töchtern ausgefochten. Und nun ist es doch passiert. Es war eine Art Unfall: Mini brauchte neue Turnschuhe. Sie probierte mehrere Modelle an, fand alle unbequem. Dann wollte ich ihr ein alternatives Paar Schuhe vorschlagen, sah aber im letzten Moment, dass sie blinkten. Also liess ich sie unauffällig am Rand des Regals verschwinden und präsentierte ihr relativ neutrale, dunkelblaue Turnschuhe. Die meiner Tochter tatsächlich gefielen! Und was noch erstaunlicher war - sie fand sie sogar bequem. Erst als der Kaufentscheid bereits gefallen war und Midi auf die Kasse zumarschierte, bemerkte ich, dass auch diese Schuhe blinkten.

Jetzt noch einen Rückzieher zu machen, dazu hatte ich nicht das Herz. Und um ehrlich zu sein auch nicht die Nerven, denn das hätte bedeutet, noch ein weiteres Schuhgeschäft aufsuchen zu müssen. Mini bekam also ihre Blink-Schuhe - und eine der Maxis einen ausgeprägten Tobsuchtsanfall. Zu Recht! Schliesslich hatte sie so ziemlich bei jedem Schuhkauf um solche Schuhe gekämpft. Da half dann auch der vernünftige Hinweis der anderen Maxi wenig, für blinkende Schuhe seien sie doch inzwischen ohnehin zu alt, die wären ja voll peinlich. Egal. Dass Mini nun welche bekam, war ungerecht.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich einstmals in Stein gemeisselte Grundsätze über Bord werfe. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich eines Tages beim Grosseinkauf mit Midi und Mini beschloss, dass der Grundsatz, den Kindern während des Einkaufs kein Brötchen zu geben, eigentlich unsinnig war. Ab sofort gab es jeweils beim Grosseinkauf (aber immerhin nur dann) ein Brötchen nach Wahl. Und meine Einkäufe wurden damit ungleich stressfreier.

Andere Grundsätze wurden nicht einfach von einem Moment auf den anderen über Bord geworfen - die Grenzen verschoben sich einfach. Ich wurde mit jedem Kind und mit jedem Jahr Muttererfahrung etwas unkomplizierter, hinterfrage meine eigenen Glaubenssätze und Regeln. Diese Entwicklung geschah oft unbemerkt, ohne mein Zutun. Nicht selten fällt mir dann irgendwann ein, dass die Grossen dieses oder jenes damals nicht oder noch nicht durften. Aber ich kann keine Regeln durchziehen, die mir aus heutiger Sicht unsinnig erscheinen. Und ja, ich geb’s zu - hin und wieder fehlt mir auch schlicht die Energie, um an gewissen Dingen festzuhalten, obwohl ich mich nicht unbedingt für weniger konsequent als früher halte. Nur habe ich inzwischen die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, mir genau zu überlegen, weshalb ich bestimmte Regeln aufstelle. Habe ich einen triftigen Grund, stimmen Aufwand und Ertrag, wenn ich sie durchziehe? Wenn nicht, dann streiche ich sie heute grosszügiger als früher.

Davon profitieren Midi und insbesondere Mini natürlich stark. Ich bin selbst eine Erstgeborene, weiss also um die Ungerechtigkeit, unter der meine Maxis leiden. Und ich bemühe mich darum, die Ungerechtigkeiten nicht ausarten zu lassen. Und dennoch - es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Jüngeren gewisse Vorteile geniessen. So hat Mini jetzt als einzige meiner Kinder jeden Morgen Mami für sich alleine (da die Maxis Zwillinge sind, haben sie diesen Vorteil nie gehabt) - ein Bonus, den sie allerdings nicht so recht zu schätzen weiss. Denn da sind wir bereits an einem Punkt, der für Letztgeborene oft schwierig ist: Sie wollen so sein wie die Grossen. Mini ärgert sich jeden Morgen, dass sie nicht auch in den Kindergarten darf. Sie ist traurig, wenn ihre Schwestern Nachmittags Gspänli zu Besuch haben und sie selbst nicht („ich wott au abmache!“ ist zur Zeit einer ihrer häufigsten Sätze…).

Die Kleinen sehen, was die Grossen schon alles dürfen und können. Ihnen wird quasi der Speck durchs Maul gezogen, sie dürfen ihn aber nicht essen. Und wenn Mini noch so quengelt, ich lasse sie nicht ganz alleine quer durchs Dorf zu den Grosseltern marschieren. Sie kriegt auch noch keine Kinder-Geburtstagsparty (einer der Fälle, bei denen ich einen Grundsatz durchziehe bis zum bitteren Ende: Kinderpartys gibts erst ab 5) und darf nicht in den Schwimmkurs (der ist nämlich erst ab 4. Und ein Eltern-Kind-Schwimmen, welches ja hauptsächlich der Gewöhnung ans Wasser dient, wäre bei unserer Ober-Wasserratte herausgeschmissenes Geld). Gleichzeitig kommt es auch oft vor, dass ich sie überschätze, ihr Selbständigkeit zutraue (und sie auch einfordere), wo ich bei den Maxis noch viel mehr geholfen habe.

Und auch wenn Mini oft mit mir alleine ist, bedeutet das nicht, dass ich viel Zeit für sie hätte. Meine Nachmittage sind in den allermeisten Fällen komplett ausgefüllt. Ich bin Akkuladestelle, Timer, Hausaufgabenhilfe, Wegbegleiterin, Zvieriorganisatorin - und damit bin ich jeweils gut ausgelastet. Für einen längeren Spielplatzbesuch Haus und Garten verlassen kann ich an den wenigsten Nachmittagen, weil zu den verschiedensten Zeiten Kinder kommen oder gehen. Und morgens nimmt der Haushalt einen grossen Teil meiner Zeit ein. Ehrlicherweise kommt es nur selten vor, dass ich mit meiner Jüngsten einen Spielplatz aufsuche - wo ich doch mit den Grossen früher fast täglich früher oder später landete. Denn auch wenn sie von Anfang an zu zweit waren, so drehte sich doch Vieles um ihre Bedürfnisse. Das ist bei Mini anders - sie war von Anfang an daran gewöhnt, quasi „nebenher zu laufen“. Dass sie von ihren Schwestern heiss geliebt und oft auch verwöhnt wird, gleicht diesen Nachteil wohl nur bedingt aus.

Insgesamt lässt sich wohl nicht sagen, welches meiner Kinder die vorteilhafteste Position innehat. Sie alle haben sowohl Vorteile, weil sie die Ältesten, die Mittlere oder die Jüngste sind, als auch Nachteile deswegen. So sehr ich mich auch bemühe, ich werde diese Tatsache nicht ändern können. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn so ist das Leben nun mal - alles hat Vor- und Nachteile, und gerecht ist das Leben ohnehin nur selten.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 8, 8, 4einhalb und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet Geschwisterpositionen und ihre Auswirkungen ein spannendes Thema.

1 Kommentar

Donnerstag, 23.11.2017, 20:20

Super lesenswert. Toll geschrieben. Und absolut wahr...