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Kaiserschnitt - trotz allem ein Segen

Frauen, die mittels Kaiserschnitt entbinden, fühlen sich oft minderwertig und werden von anderen Müttern nicht selten auch so behandelt. Dabei sind Kaiserschnitte meist nicht „der einfachere Weg“ - viele Frauen erleben ihn als traumatisch.
Nichtsdestotrotz - ein Glück gibt es den Kaiserschnitt!


In ihrer jüngsten Ausgabe berichtete die SonntagsZeitung, das britische Royal College of Midwives nehme Abstand von der seit 12 Jahren vertretenen Lehrmeinung, eine „normale“ Geburt (womit eine natürliche, vaginale Geburt ohne medizinische Hilfe gemeint war) sei erstrebenswert. Diese Wortwahl hätte dazu geführt, dass Frauen, die nicht normal entbinden könnten, sich minderwertig fühlten. Ein lesenswerter Artikel übrigens, zu finden hier.

Ich kenne dieses Thema nur zu gut. Zu meiner grossen Enttäuschung endeten all meine Geburten in Kaiserschnitten. Nächste Woche feiern meine Ältesten ihren 8. Geburtstag. Das bedeutet, seit 8 Jahren trauere ich einem von mir sehr gewünschten Erlebnis nach und fühle mich in der Tat minderwertig, weil ich eine normale Geburt nie „zu Stande brachte“.

Bei der Geburt der Maxis stand ich kurz davor. Die Geburt war seit Stunden im Gange, die Chefärztin schiente bereits mit ihren Händen meinen Bauch (wie man mir sagte, geschieht das präventiv, damit sich nach Geburt des ersten Babys das zurückbleibende Baby nicht vor lauter Begeisterung über den vielen freien Platz nicht noch dreht) - alles wartete auf die Presswehen. Die nicht kamen. Die beiden Babys steckten im Becken fest - vermutlich hatte die hintere Maxi die weiter unten liegende Schwester überholen wollen. Schliesslich wurden die Herztöne einer der beiden schlecht, man entschloss sich zum Kaiserschnitt.

Seltsamerweise war das Einzige, was mich in diesem Moment interessierte, mein T-Shirt. Die Anästhesistin wollte es in der Eile mit einer Schere zerschneiden, wogegen ich mich vehement wehrte - das T-Shirt gehörte doch gar nicht mir, es war nur geliehen! Ich verlor den Kampf (und löste einen Lachkrampf bei meiner Freundin aus, als ich mich später kleinlaut für das zerstörte Shirt entschuldigte). Danach ging alles sehr schnell, man rollte mich in den OP und holte die beiden Babys.

In den folgenden Stunden überwog die Erleichterung und Freude über meine beiden zwar noch sehr kleinen, aber doch gesunden Neugeborenen. Erst in den nächsten Tagen und Wochen folgte der Schmerz. Ich war zutiefst unglücklich darüber, dass mir das Erlebnis einer Spontangeburt genommen worden war. Hinzu kamen die Schmerzen an der Operationsnaht. Ich weiss noch, wie ich mich ein paar Tage nach der Geburt nur unter grossen Schmerzen ans Frühstücksbuffet im Spital schleppte. Die junge Mutter neben mir am Tisch hüpfte quasi um die Tische herum, hielt ihr Baby im Arm und wirkte putzmunter. Als sie mir dann erzählte, sie hätte erst vor ein paar Stunden geboren, hätte ich vor Neid platzen können. Ich brauchte mehrere Wochen, bis ich meinen Alltag wieder ohne Schmerztabletten bewältigen konnte, und spürte die Naht auch Monate später noch bei jedem Wetterumschwung (von meinen späteren Kaiserschnitten her weiss ich, dass das eher ungewöhnlich ist. Oft sind die Schmerzen viel früher wieder weg).

Wenn ich später mit anderen Müttern über Geburten redete (Mütter tun das gerne und oft!), versuchte ich möglichst zu verbergen, dass ich „nur“ mit Kaiserschnitt geboren hatte. Ich schämte mich dafür, fühlte mich als Versagerin. Erzählten Väter in unserem Umfeld davon, wie sie die Geburt ihrer Kinder erlebt hätten, war ich immer neidisch auf den Stolz in ihrer Stimme. Wie schade, dass mein Mann keinen Grund hatte, stolz auf mich zu sein… (nicht, dass er sowas je geäussert hätte! Das Problem fand definitiv nur in meinen Kopf statt.)

Im Rückbildungsturnen erklärte die Kursleiterin, Probleme mit dem Beckenboden hätten nur Frauen nach Spontangeburten, bei Kaiserschnitten sei das kein Thema. Sie hatte unrecht, ich litt sehr wohl unter denselben Problemen wie alle anderen Mütter im Kurs (die alle spontan geboren hatten). Ich sprach später meine Frauenärztin darauf an, fragte sie woran das läge, schliesslich hätte ich „doch gar nicht richtig geboren“. Sie schaute mich irritiert an und meinte: „Wieso, sind Ihre Babys denn noch immer in Ihnen drin?“.

Als ich mit Midi schwanger wurde, war für mich völlig klar, dass ich nochmal eine Spontangeburt versuchen wollte. Doch dann erlitt ich einen Bandscheibenvorfall, musste während der Schwangerschaft notfallmässig operiert werden. Alle Ärzte waren sich einig darin, dass eine Spontangeburt ein viel zu grosses Risiko für meinen Rücken darstellen würde. Ich kämpfte lange mit mir, ob ich das Risiko nicht doch eingehen würde. Schliesslich musste ich mir aber eingestehen, dass mich dabei egoistische Gründe leiteten. Ein erneuter Bandscheibenvorfall wäre für unsere Familie eine Katastrophe gewesen, war ich doch in der Schwangerschaft deswegen schon fast 4 Monate ausser Gefecht gesetzt gewesen. Schweren Herzens entschied ich mich also für einen geplanten Kaiserschnitt, welcher diesmal auch ziemlich problemlos verlief. Maxi hatte allerdings ein paar Anlaufschwierigkeiten, weinte viel, war sehr anhänglich und hatte grosse Probleme mit dem Trinken. Immer wieder fragte ich mich, ob der geplante Kaiserschnitt an diesen Problemen schuld sei, und hatte ein schlechtes Gewissen deswegen.

Bei Mini war für die Ärzte von Beginn weg klar, dass nur ein Kaiserschnitt in Frage kam. Nach zwei Kaiserschnitten hielten sie die Gefahr eines (in vielen Fällen tödlichen) Gebärmutterrisses unter der Geburt für zu gross. Erschwerend kam dazu, dass zwischen den beiden letzten Schwangerschaften nur 9 Monate lagen - ein zusätzliches k.o.-Kriterium. Wieder kämpfte ich mit mir. Wieder erwog ich, dass Risiko in Kauf zu nehmen. Bis mein Mann mir klar machte, dass er es vor Angst wohl nicht aushalten würde, bei einer Spontangeburt dabei zu sein. Erst da wurde mir bewusst, wie egoistisch es von mir war, meinen Tod (oder den Tod des Babys) in Kauf zu nehmen, bloss um endlich eine Spontangeburt erleben zu dürfen. Ich entschied mich also für einen geplanten Kaiserschnitt, liess den Termin aber so nahe wie möglich an den errechneten Geburtstermin legen. Die Freude war gross, als am Tag des geplanten Eingriffes tatsächlich früh morgens spontan die Wehen einsetzten. Zumindest den Zeitpunkt der Geburt hatte meine Mini also selbst bestimmen dürfen.

Dennoch überlegte ich mir im Nachhinein oft, ob ich nicht einfach der Natur ihren Lauf hätte lassen können. Aufgrund anderer Notfälle war der Kaiserschnitt nämlich letztlich erst etwa 7 Stunden später erfolgt, als ich bereits zweiminütlich Wehen hatte. War er also wirklich so dringend notwendig gewesen? Wenn ich dann in Blogs las, wie Frauen auch nach drei Kaiserschnitten noch spontan gebaren oder wie Frauen von ihren wunderschönen, unkomplizierten Hausgeburten berichteten, war ich oft den Tränen nahe. Ich trauerte dem verpassten Erlebnis nach, und kämpfte mit meinem Selbstwertgefühl, das durch meine Unfähigkeit zu einer „normalen“ Geburt schwer beschädigt war.

Inzwischen ist dieser letzte Kaiserschnitt drei Jahre her. Es wird keine weitere Geburt mehr geben, unsere Familienplanung ist abgeschlossen. Ich habe mich mit meiner Kaiserschnittsgeschichte einigermassen abgefunden. Trotzdem werde ich immer noch traurig, wenn andere Frauen ihre Geburten als schönes Erlebnis beschreiben. Ich habe meine Geburten allesamt als traumatisch, kalt (im wahrsten Sinne des Wortes - zitternd vor Adrenalin und Kälte in einem stark klimatisierten OP-Raum zu liegen, ist eine ausgesprochen unangenehme Erfahrung), schmerzhaft (bei Midi musste die Ärztin viermal zur Epiduralanästhesie ansetzen, was ausgesprochen schmerzhaft war, von den Schmerzen die schon sehr bald nach der Geburt einsetzen, ganz zu schweigen), beängstigend (ich habe mich nie an das Gefühl gewöhnt, wie an mir bei vollem Bewusstsein herumgeschnitten, -gezerrt, und -gedrückt wird. Auch wenn das alles nicht wirklich schmerzhaft ist, spüren tut man es sehr deutlich. Bei Mini war zudem die Anästhesie zu stark dosiert worden, weswegen ich Atemprobleme bekam) und traurig (das frisch geborene Baby nicht mal mit den Händen berühren zu können, sondern es nur kurz neben das Gesicht gehalten zu bekommen, fand ich jedes Mal furchtbar). Ich kenne Frauen, die auch ihren Kaiserschnitt (vor allem wenn er geplant war) als ein schönes Erlebnis in Erinnerung haben. Sie haben geschafft, wozu ich nicht fähig war: Sich bereits im Voraus mit dem Eingriff zu versöhnen.

Denn auch wenn ein Kaiserschnitt definitiv nicht der „einfachere Weg“ ist: Es ist ein wahrer Segen, dass es ihn gibt. Gäbe es die Möglichkeit eines Kaiserschnitts nicht, wäre ich vermutlich schon bei der ersten Geburt gestorben, und meine Töchter mit mir. Der Kaiserschnitt rettet Leben! Es wird Zeit, seinen guten Ruf wieder herzustellen.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 3 und demnächst 8 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Ist glücklich, dass ihre vier Töchter letztlich alle unversehrt das Licht der Welt erblickten.

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