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Schultüte - muss das sein?

In Deutschland ist es Tradition, Erstklässlern an ihrem allerersten Schultag eine Schultüte zu schenken. Der Brauch wird auch von immer mehr Schweizer Familien übernommen. Vor dem Schulstart stellt sich nun also die Frage - springen wir auf diesen Trend auf, oder ignorieren wir ihn und riskieren enttäuschte Kinder?

Das Schultüten langsam auch in Schweizer Familien ankommen, weiss ich erst seit einem Jahr, als meine Maxis das Abenteuer „Schule“ in Angriff nahmen. Kurz vor dem ersten Schultag machte mich freundlicherweise die Mutter eines befreundeten Kindes darauf aufmerksam, ihr Kind werde eine Schultüte bekommen - „weil ich gehört habe, dass die anderen Familien das auch so machen.“

Ich geriet kurz ins Grübeln, mein Mann und ich waren uns aber schnell einig, dass wir nicht vorhatten, diesen Brauch zu übernehmen. Ich finde Bräuche eine tolle Sache, aber ich sehe ehrlich gesagt nicht ganz ein, wieso wir all diese Bräuche aus anderen Ländern übernehmen sollten. Halloween gehört in den USA fest dazu - bei uns wurde der Brauch aber wohl eher von geschäftstüchtigen Detailhändlern gepusht. St. Patrick’s Day ist ein schöner irischer Feiertag, der auch in Amerika fleissig gefeiert wird, weil dort ja auch sehr viele Menschen mit irischen Wurzeln leben - weshalb bei uns an diesem Tag der Rheinfall grün beleuchtet wird, leuchtet mir allerdings nicht ein. Und die Schultüte ist ein richtig schöner deutscher Brauch - aber eben kein schweizerischer.

Dabei gehts mir absolut nicht um Abschottung. Nur fangen wir langsam an, derart viele Bräuche zu übernehmen, dass sie letztlich alle nichts Besonderes mehr sind. Und zudem besitzen unsere Töchter ohnehin schon so Vieles und werden so oft beschenkt - da finde ich es schlicht nicht nötig, sie für ein grosses Ereignis mit einem Geschenk zu belohnen. Und schon gar nicht mit Süssigkeiten - bei uns stapeln sich eh schon all die Tüten mit geschenkten Süssigkeiten von Kindergeburtstagen, auf die die Mädels im Nachhinein meist gar keine Lust mehr haben…

Der erste Schultag ist unbestritten ein ganz grosser Tag. Er wird auch bei uns gebührend gefeiert - mit Fotos vom ersten Schulweg, mit dem Lieblingsessen der Erstklässlerinnen, mit ganz viel Aufmerksamkeit. Aber eben nicht mit Schultüte. Letztlich ist doch auch der innere Stolz, die Freude darüber, nun auch zu den Schülern dazuzugehören, die allergrösste Belohnung - und so sollte es meiner Meinung nach auch sein.

So lautete die Theorie. Als dann nach dem ersten Schultag die Mutter eines Schulgspänlis ihr Kind mitten auf der Strasse fröhlich mit einer Schultüte winkend in Empfang nahm und meine Töchter infolgedessen in Tränen aufgelöst vom ersten Schultag nach Hause kamen, bröckelte meine Überzeugung dann doch. Waren wir zu hart gewesen? Hatten wir unsere Prinzipien über das Wohl unserer Töchter gestellt? Hätte es uns denn so viel gekostet, über unseren Schatten zu springen und den Mädchen zumindest eine kleine Schultüte zuzugestehen?

Im Rückblick bin ich nach wie vor der Meinung, dass Schultüten bei uns unnötig sind - und dass ich mich nicht dem „Gruppendruck“ beugen möchte. Ich habe mir dann aber immerhin einen Trost einfallen lassen: Die Mädchen bekamen nachträglich je einen Schlüsselanhänger mit Kuscheltier, der seither am Thek baumelt und die Maxis begleitet. So einen hatten sie sich nämlich sehnlichst gewünscht. Als der erste Frust dann überwunden war, zeigte sich im übrigen, dass eigentlich wirklich kein Geschenk nötig war: Die Begeisterung und der Stolz über den geglückten Start waren ohnehin riesig. Ich bin mir sicher, dass eine Schultüte da auch keinen Unterschied mehr gemacht hätte.

Ich denke, wenn Midi in die Schule kommt, werden wir das ähnlich handhaben. Vielleicht passt für sie dann auch was ganz anderes - ein neues Freundesbuch (sie hat von ihrem Gotti jetzt eines zum Kindergartenstart gekriegt, und das war die Idee des Jahres!), neue Stifte, die sich auch zum Schreiben eignen… wir werden sehen. Ich bleibe jedenfalls dabei: Die grösste Belohnung sollten Freude und Stolz sein.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Kann sich noch vage dran erinnern, wie stolz sie damals bei ihrem allerersten Schultag war...

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