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Mutterschaft - warum man tatsächlich hinein wächst

Jede Mutter von mehreren Kindern kennt die Frage: „Wie machst du das nur?“. Die Standardantwort „da wächst man rein“ mag zwar abgedroschen klingen - sie stimmt aber.

„Wie machst du das nur? Ich weiss schon mit einem Kind kaum, wie ich das schaffen soll…“ Die Frage stellte mir kürzlich eine junge Mutter in der Badi, während Sie ihr etwa einjähriges Kind davon abhielt, kopfüber ins Babybecken zu kriechen. Ich war an diesem Tag mit meinen vier Töchtern sowie dem Gspänli einer der Maxis in der Badi (eine bis jetzt einmalige Angelegenheit!) und muss wohl entspannter gewirkt haben, als ich tatsächlich war.

Ich weiss nicht mehr genau, was ich geantwortet habe - aber die Frage dieser jungen Mutter ging mir nach. Ich kann mich noch so gut an meinen ersten Sommer als Mutter erinnern. Wie meine Freundinnen sich mit ihren Kindern in der Badi trafen, und ich mit meinen Maxis im besten Krabbelalter mitging, um nicht aussen vor zu sein. Wie furchtbar ich es fand, wie nervenaufreibend, wie anstrengend. Und ich habe mir genau diese Frage oft gestellt - wie machen das nur all diese Mütter, die noch mehr als zwei Kinder beaufsichtigen müssen?

Heute weiss ich aus eigener Erfahrung: Mit den Jahren kommt die Routine, und die macht alles einfacher. Ich bin keine Supermom, wahrlich nicht. Ich gehöre nicht zu diesen Müttern, die von Anfang an intuitiv wissen, was zu tun ist. Meinen Start als Mutter würde ich als ausgesprochen holprig beschreiben. Nur zu gut erinnere ich mich daran, dass ich jahrelang nur spätabends duschte, wenn mein Mann anwesend und die Kleinen im Bett waren. Dass ich Abends bereits alles am richtigen Ort bereitlegte, was ich am nächsten Tag brauchen würde (den Wäschekorb mit Schmutzwäsche vor der Maschine, die gepackte Wickeltasche bei den Schuhen oder möglichst sogar schon im Auto, der Frühstückstisch wurde gedeckt und nicht selten habe ich sogar bereits das Mittagessen für den nächsten Tag vorgekocht), weil ich mich ansonsten nicht in der Lage sah, denn nächsten Tag zu überstehen. Ich erinnere mich daran, dass ich jeden Morgen nach dem Aufwachen als erstes im Kopf einen „Schlachtplan“ zurechtlegte, wie ich den Tag überstehen sollte. Dass ich mir möglichst für jeden Tag eine „Insel“ schaffen musste, um mir den Alltag zu erleichtern - sei das nun eine Verabredung mit Freunden und deren Kindern, ein Besuch bei den Grosseltern oder zumindest ein minutiös durchgeplanter Ausflug zum nächsten Spielplatz.

In meinem ersten Jahr als Mutter habe ich mich oft gefragt, ob ich besser nicht Mutter geworden wäre. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich meine Töchter nicht mehr geniessen konnte („du hast dich doch so sehr auf sie gefreut - jetzt geniesse dein Leben als Mutter gefälligst!“). Und ich habe mir selber und auch meinem Mann gegenüber oft geäussert, ich sei doch gar keine „richtige“ Mutter, weil ich so viel Hilfe benötigte. Aus heutiger Sicht eine merkwürdige Einstellung - ist man nur eine richtige Mutter, wenn man alles alleine bewältigen kann?

Dann aber geschah, was ich Anfangs kaum für möglich gehalten hatte. Die Routine stellte sich ein, alles wurde einfacher. Ich fühlte mich nicht mehr so angespannt, brauchte kaum noch Hilfe, fing an, das Leben als Mutter zu geniessen. Und konnte mir plötzlich sogar ein drittes Kind vorstellen. In der Schwangerschaft mit Midi war ich wegen einer notfallmässigen Rückenoperation gezwungen, so viel Hilfe wie nur irgend möglich zu beanspruchen. Nach der Geburt hatte ich wohl das Gefühl, mir selbst und aller Welt beweisen zu müssen, dass ich durchaus alleine zurechtkam.

Und das tat ich - sogar ziemlich problemlos. Ich habe die Babyzeit meiner Midi sehr genossen, weil ich um ein Vielfaches entspannter war als drei Jahre zuvor bei den Maxis. Zudem konnte ich von all den gemachten Erfahrungen profitieren, habe Vieles nicht mehr so strikt nach Lehrbuch gemacht und verliess mich viel mehr auf mein Gefühl. Und ja, ich ging mit meinen drei Kindern in die Badi und fand es zwar anstrengend, aber auch schön.

Mini lief dann tatsächlich irgendwie nebenher. Ich habe einfach gemacht, ohne viel zu überlegen, und die Zeit verging wie im Flug. Als Mini drei Monate alt war, ging ich allein mit allen vier Mädels eine Woche in die Ferien - etwas, was ich damals mit den Maxis nie und nimmer getan hätte!
Heute fällt mir mein Alltag als Mutter tatsächlich erheblich leichter als vor ein paar Jahren. Das liegt natürlich einerseits am Alter der Kinder, Vieles wird automatisch leichter, wenn die Kinder nicht mehr ganz so klein sind. Für mich persönlich ist das aber nicht der wichtigste Punkt. Ich glaube tatsächlich, dass ich selbst die grössere Rolle spiele. Ich bin um ein Vielfaches entspannter, traue mir selber mehr zu, höre auf mein Bauchgefühl. Ich bin auch nicht mehr so ängstlich, habe gelernt meine Kinder einzuschätzen und ihnen etwas zuzutrauen. Und ich habe wieder und wieder die Erfahrung gemacht, dass schwierige Phasen dazugehören, dass sie aber nicht endlos andauern. Deswegen fällt es mir leichter, sie auszuhalten.

Dennoch: Auch heute noch fühle ich mich punktuell überfordert, weiss manchmal nicht, wie ich mit einer Situation umgehen soll. Auch heute noch habe ich meine Grenzen und tue gut daran, diese ernst zu nehmen.

Auf die zu Beginn dieses Textes geschilderte Frage hätte eine ehrliche, durchdachte Antwort also in etwa so lauten können: Das hat die Zeit für mich gemacht. Es kam ganz von alleine, einfach dadurch, dass ich Tag für Tag mit meinen Kindern zusammengelebt habe und an ihnen gewachsen bin. Lass dir einfach Zeit, vertrau auf dich selbst und sei nicht verzweifelt, wenn du dich überfordert fühlt. Es ist ok, Hilfe zu benötigen, es ist auch ok, manche Dinge schlicht noch nicht zu bewältigen (wer sagt denn, dass man mit kleinen Kindern zwingend in die Badi gehen muss?). Du wächst da schon noch rein! Und wenn du etwas erfahrenere Mütter siehst und denkst, die hätten alles im Griff, dann lass dir gesagt sein: Der Schein kann auch trügen! Ich kenne kaum eine Mutter, die nicht manchmal ratlos, genervt oder erschöpft wäre. Wir sind alle nur Menschen. Und das ist auch gut so!





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 3 und bald 8 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Staunt öfters darüber, wenn Aussenstehende sie für souveräner halten, als sie sich fühlt.

1 Kommentar

Dienstag, 17.10.2017, 09:08

super & genial :-)