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Faul sein ist ok!

Faulheit ist in unserer Leistungsgesellschaft ziemlich unpopulär. Dabei entschleunigt und entlastet kaum etwas so sehr, wie wenn man sich bewusst erlaubt, faul zu sein. Das gilt gerade auch für Eltern.

Seit ich viel Zeit in diesen Blog investiere, lese ich selbst auch viele Blogposts, um auf dem Laufenden zu sein. Manche fand ich wahnsinnig spannend, lehrreich, informativ, manche auch inspirierend. Hin und wieder stolpere ich auch über einen Text, der mir in der Seele gut tut, mich entlastet oder ermutigt. Eine dieser Perlen habe ich erst kürzlich entdeckt. Nachzulesen im wireltern-Blog.

Der Artikel befasst sich mit einem neu erschienen Buch, welches Tipps gibt für ein „einfaches Leben mit Kindern“. Ich habe das Buch selber auch gelesen, fand es inspirierend. Gleichzeitig machte es mir Druck. Denn ein „einfaches“ Leben zu führen, oder um das Trendwort zu gebrauchen, „slow“ zu leben, ist alles andere als leicht. Auch dieses „Slow“ muss man sich bewusst vornehmen. Wenn da zum Beispiel vorgeschlagen wird, möglichst oft in den Wald zu gehen, dann ist das sicher eine schöne Idee. Wenn man erst mal da ist und die Kinder sich darauf einlassen mögen, ist es bestimmt toll da. Aber was, wenn man dazu erst mal einen weiten Weg hinter sich bringen muss? Wenn die Kinder es hassen, zu Fuss unterwegs zu sein, wenn sie Stubenhocker sind, wenn sie lieber mit ihren Freunden spielen wollen? Dann macht man sich bereits einen Stress draus, „einfach“ zu leben.

Die Autorin des oben erwähnten Blog-Artikels fragt sich deswegen auch, wozu man es «auf Fahrplan» langsam angehen sollte. Auch sie findet es hauptsächlich stressig, möglichst wenig zu machen, möglichst achtsam zu leben und «Zauber» in das Leben der Kinder zu bringen.

Und dann folgt ihr persönliches Erfolgsrezept, um den Alltag zu entschleunigen, ein Rezept, welches eigentlich keines ist: Sie ist schlicht faul. Dieses simple Eingeständnis war für mich entlastend wie selten ein Text, den ich bisher gelesen habe. Denn wenn man eines in unserer Leistungsgesellschaft nicht sein darf, dann doch wohl faul. Wer die «Slow Family» propagiert, der ist in der Regel alles andere als faul.

Mir war das bis zur Lektüre dieses Artikels nicht so richtig bewusst - aber genau diese Angst vor dem „Faulsein“ löst einen Grossteil des Drucks aus, den ich mir oft mache. Ich kann mich doch nicht einfach faul auf den Liegestuhl legen, wenn die Kinder friedlich spielen? Wir können uns doch nicht einfach einen Samstag lang faul im Haus einigeln, wenn es Draussen so vieles zu erleben gäbe? Wir können unseren Töchtern doch nicht all die tollen Erlebniswege, Kindermuseen und Erlebnisparks vorenthalten? Und selbst wenn ich für mich selbst zum Schluss komme, das dieses faul sein total ok ist, dann kommt bei mir ehrlicherweise stets die Frage auf: „Aber was denken die Anderen?“. Eine Frage, die als Mutter (und eigentlich auch in jeder anderen Rolle) definitiv niemals zielführend ist.

Also mache ich es jetzt kurz und schmerzlos und oute mich ein für allemal. Ich bin total faul! Ehrlich! Ich mag zwar durchaus Action und bin unternehmungslustig, finde es auch toll, ab und zu einen Familienausflug zu unternehmen - aber gerade mit den Kindern geniesse ich es auch, einfach mal nur zu sein. Ich funktioniere super gut unter Druck - aber wenn kein Druck von Aussen da ist, na ja, dann fehlt bei mir manchmal auch etwas die Motivation. Dass man mir meine Faulheit oft nicht ansieht, liegt hauptsächlich am äusseren Druck, wie man als „gute“ Familie seine Zeit verbringen sollte.

Die Sache ist nur die: Unsere Kinder haben oft überhaupt nichts dagegen, wenn wir uns einen faulen Tag erlauben. Ich muss ihnen nicht permanent Programm bieten, sie sind es sich gewöhnt, sich auch mal selber zu beschäftigen (und geniessen und brauchen das auch). Die Maxis sind bereits jetzt totale Leseratten. Und wenn sie Bewegung brauchen, toben sie miteinander oder mit Freunden in unserem Garten oder Quartier herum, unternehmen auf eigene Faust Entdeckungstouren durchs Dorf oder freuen sich über einen simplen Schwimmbad- oder Spielplatzbesuch. Solche faule Wochenenden sind für uns alle meist total entspannend. Wir sollten sie uns wieder häufiger gönnen!





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und bald 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet "faul sein" zugegebenermassen vor allem dann verlockend, wenn sie dazu eigentlich keine Zeit hat.

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