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Lange Autofahrten für Kinder erträglich machen

Es soll Kinder geben, die setzen sich ins Auto und schlafen direkt ein, um Stunden später am Zielort ausgeschlafen und vergnügt aufzuwachen. Oder sie hören die ganze Fahrt friedlich Hörspiele, schauen aus dem Fenster und ertragen selbst Stau mit stoischer Gelassenheit.
Für all jene, deren Kinder nicht zu dieser seltenen Spezies gehören, hier ein paar Tipps…


„Wie lang gaht’s no?“ Diese Frage hören wir bei längeren Autofahrten in der Regel schon nach der ersten Viertelstunde. Unsere Kinder mögen Autofahren nicht. Entweder ist ihnen langweilig, sie finden es unbequem (Stillsitzen ist nicht die Stärke meiner Töchter), es ist ihnen schlecht oder sie sind müde und können nicht einschlafen.

Als die Maxis noch nicht ganz drei waren, hielten wir uns für besonders schlau. Wir fuhren auf dem Rückweg aus der Toscana um 17 Uhr ab, machten um 19 Uhr eine Znacht-Pause unterwegs. Danach konnten die Kinder dann wunderbar den Rest der Heimfahrt verschlafen. So lautete der Plan. Die Realität sah dann so aus, dass eine der Maxis bis 23 Uhr mehr oder weniger pausenlos schrie. Immer die selben Sätze in Endlosschlaufe: „Ich bin müde! Ich will in mein Bett!!!“

Um 23 Uhr war sie endlich still. Weil sie kotzte. Nachdem wir an einer Raststätte notdürftig das Auto, ihr Kuscheltier und sie selbst gereinigt und aus den Tiefen des Kofferraums halbwegs frische Kleider für sie gesucht hatte, schlief sie dann endlich ein. Dafür war mir dann für den Rest der Heimreise schlecht (ich war mit Midi schwanger und ohnehin anfällig).

Vor einem Jahr knickten wir ein, besorgten uns einen mobilen DVD-Player, den wir für lange Fahrten an den Kopfstützen befestigen können. Das brachte zwar ein wenig Erleichterung. Aber viel weniger als erhofft. Unbequem war das Auto dennoch immer noch, und schlafen können unsere Töchter im Auto nach wie vor nur sehr schlecht (sie haben alle schon als Babys höchst selten geschlafen im Auto).

Unsere Familiengeschichte mit dem Autofahren ist also alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Dennoch ein paar Tipps, mit denen wir zumindest temporär gute Erfahrungen gemacht haben:

  • Gegen Reiseübelkeit gibts Medikamente. In nicht ganz so stark ausgeprägten Fällen mögen die üblichen Tipps wie durch die Frontscheibe schauen (wobei ich das Kind gerne erleben möchte, welches das freiwillig über Stunden hinweg durchzieht), lüften und keine Bücher anschauen genügen. Bei uns reichte das nicht, und da inzwischen drei von unseren vier Kindern im Auto erbrechen, sind Medikamente für uns ein Muss. Euer Kinderarzt kann euch sicher weiterhelfen, wenn euch das ähnlich geht. Super wirken daneben auch Ingwerbonbons oder -Kaugummis. Wir verabreichen die unseren Töchtern, wenn die Tablette nicht ausreicht (kommt öfters vor!). Leider schmecken die Dinger teilweise recht scharf, manche Kinder lutschen oder kauen die um keinen Preis der Welt.

  • Nicht während der Pausen essen, sondern im Auto. Krümelt, klebt - aber hält die Kinder wunderbar bei Laune. Inzwischen packe ich jedem Kind einen Rucksack mit Sandwiches und Leckereien, die sie miteinander teilen können. In der Regel schneide ich Obst und Gemüse klein, daneben gibts aber immer auch ein paar Snacks, die es bei uns sonst selten gibt. Sehr praktisch sind Lollis, die halten schön lange beschäftigt. Allerdings sollten unbedingt genügend Feuchttücher bereitliegen, sonst wirds eklig. Von denen gibts allerdings bei uns nur einen pro Kind und Fahrt und daneben kaum mehr Süsses, ich will ja nicht, dass den Kindern dann statt von der Fahrt vom Essen schlecht wird…

  • Mit tiptoi-Büchern (und Kopfhörern!) können unsere Kinder sich oft lange beschäftigen. Toll sind auch diese Stickerbücher, bei denen die Kinder eine Menge Sticker in vorgefertigte, passende Bilder einkleben können. Malen mögen unsere Kinder nicht so gern im Auto, weil sie es hassen, wenn sie durch unvermitteltes Rütteln danebenmalen. Diese Tätigkeiten eignen sich allerdings nur für Kinder, denen nicht schlecht wird - oder die wie unsere Medikamente nehmen.

  • Ganz wichtig sind genügend Hörspiel-CDs. Ich hole vor Ferien immer neue aus der Bibliothek, die sind dann doppelt spannend. Streit beugen wir einigermassen vor, indem immer Reihum entschieden wird, was nun gehört wird. Inzwischen haben wir auch ausrangierte Handys, auf die ich Hörspiele geladen habe - die können dann mit Kopfhörern gehört werden.

  • Das gute alte „Ich sehe was, was du nicht siehst“ funktioniert im Stau super. Sonst eher nicht, weil die Objekte, die erraten werden sollen, oft bereits wieder ausser Sicht sind, bevor jemand sie errät. Auch gemeinsames Singen (jeder darf mal ein Lied wünschen), andere Ratespiele wie Personenraten oder das gemeinsame erfinden einer Geschichte (jemand beginnt mit dem ersten Satz. Dann wird immer der Reihe nach ein weiterer Satz dazuerfunden) vertreiben die Zeit ganz gut.

  • Meine beiden jüngeren Töchtern mögen Schleich- und andere Gummifigürchen. Die nehmen wir oft mit ins Auto, damit lässt sich auch im Sitzen prima spielen - und die Grossen machen meist plötzlich auch mit. Auch Playmobil- oder Legofiguren sind dafür gut geeignet.

  • Wenn wir pausieren, geben wir den Kindern die Gelegenheit, sich kurz aber kräftig auszutoben. Wo kein Spielplatz vorhanden ist, sind zumindest kurze Wettrennen oder Ähnliches möglich. Zu viele Pausen sind für uns aber eher kontraproduktiv, weil die Fahrt dadurch gefühlt umso länger wird für die Kinder. Wir versuchen, jeweils mindestens zwei Stunden am Stück zu fahren (es sei denn, jemand muss dringend zur Toilette).

  • Damits nicht ganz so unbequem wird, haben wir inzwischen meist jede Menge „Polstermaterial“ dabei. Das können kleine Kissen sein, Wolldecken, Gurtpolster, Nackenrollen oder Nackenstützen - unsere Töchter haben da unterschiedliche Vorlieben. In Kinderläden oder im Internet findet man alle möglichen Produkte fürs Autofahren.

  • Manchmal reicht es auch, eine Quengelphase einfach auszusitzen. Hin und wieder müssen die Kids einfach mal Dampf ablassen (je nach Temperament kann das echt mühsam auszuhalten sein, ich weiss!), danach gehts oft schon wieder besser.

Wem das alles wenig bringt, dem gehts wie uns… Wir fahren deswegen auch nicht oft allzu weit weg, versuchen bei längeren Fahrten eine Nacht irgendwo Zwischenstation zu machen - und für nächstes Jahr trage ich mich mit dem Gedanken, es mal mit dem Zug zu probieren.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und bald 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Mag lange Stillsitzen auch überhaupt nicht und hampelt ständig im Sitz herum - aber immerhin schreit sei dabei nicht.

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