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Ferien mit Kindern - wie auch die Eltern sie geniessen

Das Wort „Ferien“ gebrauchen Eltern kleinerer Kinder meist nur mit Anführungszeichen. Von Erholung kann oft keine Rede sein. Trotzdem können Ferien auch in dieser Phase schön und sinnvoll sein…

Unseren allerersten Urlaub mit Kindern werde ich wohl nie vergessen. 8 Monate waren unsere Zwillinge alt, als wir zu einer Woche Ferien im Tessin aufbrachen. Die Woche war der reinste Horror. Die Kinder schliefen viel zu wenig, waren übermüdet und dauerquengelig, und wir hatten noch nicht die Erfahrung gemacht, dass es sich mit kleinen Kindern oft nicht lohnt, das eigene Programm durchzuziehen. So reisten wir einen Tag nach Como und waren mit unserem grossen Kinderwagen nicht wirklich Strassen-Café-kompatibel, machten eine Schifffahrt und wurden beide seekrank (in dieser Situation den Babys ihren Brei zu löffeln erwies sich dann als echten Kraftakt) und besuchten Swiss Miniature, wo wir wegen der Labyrinth-artigen Wege, welche dauernd wieder die Richtung ändern, permanent die Sonnenschirme der Buggys neu ausrichten mussten. Nach einer Woche waren wir ferienreif…

In den folgenden Jahren wurden unsere Urlaube allmählich besser, wobei ich Jahre lang nie und nimmer das Wort „erholsam“ in den Mund genommen hätte. Durch Versuch und Irrtum haben wir inzwischen Einiges darüber gelernt, was wir dazu beitragen können, dass Ferien für uns Eltern nicht zum Frust werden. Dadurch ist es inzwischen so, dass ich mich trotz vier Kindern in unseren Ferien jeweils erhole - irgendwie.

Da wären zunächst einmal die eigenen Erwartungen: Mit kleinen Kindern darf ich nicht Erholung im herkömmlichen Sinn erwarten, sonst werde ich höchst wahrscheinlich enttäuscht. Körperlich sind Ferien meist genau so anstrengend wie der Alltag zu Hause. Oft ist man schlechter ausgerüstet als zu Hause, die Kinder schlafen unter Umständen schlecht in der ungewohnten Umgebung, sensible Kinder sind oft quengelig und anstrengend, weil ihnen die Sicherheit des gewohnten Alltags fehlt. Mental können Ferien dennoch erholsam sein. Allein der Tapetenwechsel tut mir persönlich immer extrem gut. Ich kann in Ferienunterkünften problemlos Staubsauger und Besen in der Ecke stehen lassen, Dreck stört mich dort überhaupt nicht. Auch mit Chaos kann ich ausserhalb meiner eigenen vier Wände gut leben - Ende Ferien wird ja eh alles wieder in die Koffer verpackt und die Sache hat sich.

Wichtig ist es für uns auch, unsere Ferien nicht zu überladen. Auch wenn wir uns in einer Umgebung befinden, in der es massenhaft tolle Sachen zu entdecken gäbe - wenn für unsere Kinder der Bach grad neben der Haustür spannender ist, dann macht es wenig Sinn, permanent auf Achse zu sein. Wir sind extra 8 Stunden ans Meer gefahren, die Kids finden aber den Pool dort viel spannender? Dann gibts halt nur jeden zweiten (oder dritten) Tag Strand. Die Kinder dorthin zu zwingen, hat zumindest bei uns wenig Sinn - wenn sie dort dann nur quengeln, ist das für uns dann auch kein Genuss. Dann machen wir es lieber so, dass wir uns zwischendurch mal aufteilen, und einer von uns ein, zwei Stündchen ganz alleine den Strand geniessen kann. Davon haben alle mehr…

Inzwischen haben wir auch einiges darüber gelernt, welche Art von Ferien für uns als Familie gut funktionieren und welche weniger. Wandern mögen zwei Drittel unserer Familie überhaupt nicht - Ferien in den Bergen sind deswegen nur bedingt sinnvoll. Dafür sind all unsere Kinder unermüdliche Wasserratten. Es ist für uns also wichtig, ein Gewässer oder ein Schwimmbad in der Nähe zu haben - dann haben wir gute Chancen auf zufriedene Kinder (und wir Erwachsene mögen das Wasser im Übrigen auch sehr gerne, das Programm ist für uns dann also kein grosses Opfer). Bei nicht ganz so wetterfesten Destinationen schauen wir darauf, dass in der Nähe auch Schlechtwettervarianten zur Verfügung stehen - weit Auto fahren mag bei uns in den Ferien nämlich keiner, vor allem wenn wir schon eine lange Hinfahrt hinter uns bringen mussten. Andere Familien, die ich kenne, geniessen vor allem die Skiferien mit ihren Kids, weswegen sie ihren Haupturlaub auf den Winter legen und im Sommer nur wenig unternehmen. Andere Freunde mögen gemeinsames Velofahren, Wanderferien, Städtetrips, Vergnügungsparks…

Auch die Art der Unterbringung ist nicht unwichtig. Für uns kommen Hotels schon aus Kostengründen mit 4 Kindern eher nicht in Frage. Halbpension haben wir aber auch in Ferienwohnungen schon das eine oder andere Mal dazu gebucht. Meist hat sich das für uns aber eher als Stress erwiesen. Von den vorgegebenen Essenszeiten abhängig zu sein, ist für uns eher schwierig, zumal diese sich oft gar nicht mit unserem Rhythmus decken. Zudem ist es grade mit müden oder quengeligen Kindern erheblich stressiger, im Restaurant zu sitzen als am eigenen Esstisch. Inzwischen wählen wir meist eine Mischform: Wir kochen selber, gehen aber ab und zu auch ins Restaurant (jedenfalls wenn wir im Ausland sind, in der Schweiz ist uns das eher zu teuer) oder holen uns Pizza nach Hause. Ich kenne aber viele Familien, die Halbpension lieben - da hilft nur selber ausprobieren. Auch ob man Campingplätze, Reka-Dörfer oder Familienhotels mag, ist definitiv Geschmackssache, und hängt wie so Vieles nicht zuletzt auch vom Alter der Kinder ab.

Zusammengefasst empfiehlt es sich meiner Erfahrung nach, die Ferien um die Bedürfnisse der Kinder herum zu planen. Zumindest, solange die einigermassen kompatibel sind mit den Bedürfnissen der Eltern. Ihr Eltern hasst Wandern? Dann lasst es sein, auch wenn die Kids es lieben sollten (solls geben). Grosse Menschenmassen sind euch ein Gräuel? Dann würde ich von Vergnügungsparks eher abraten. Badeferien findet ihr stinklangweilig (selbst mit furchtlosen Kleinkindern, die ihr den ganzen Tag vor dem Ertrinken retten müsst!)? Findet etwas anderes, was eure Kinder mögen und für euch auch ok ist. Ich würde nur davon abraten, an den eigenen Lieblingsplänen festzuhalten, wenn das euren Kindern total stinkt. Dann ist Stress vorprogrammiert, und ihr könnt euer Wunschprogramm dann doch nicht geniessen. Mit grösseren Kindern lohnt es sich, im Voraus gemeinsam zu überlegen, was welchem Familienmitglied besonders wichtig ist, und wie sich diese Verschiedenen Wünsche unter einen Hut bringen lassen - von diesen Kindern kann man dann auch erwarten, dass sie sich am einen Tag fügen, wenn sie dafür am nächsten Plan ihren Willen kriegen.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und bald 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Fand Badeferien bevor sie Kinder hatte immer todlangweilig, und ist selbst wohl am Erstauntesten darüber, wie toll sie die jetzt findet...

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