>

Wie der Chindsgistart den Alltag verändert

Wenn das erste Kind der Familie in den Kindergarten kommt, ändert sich nicht nur für das Kind Vieles. Auch der Alltag der ganzen Familie wird umgekrempelt. Ein Rückblick

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, bald sind meine Maxis keine ABC-Schützen mehr, sondern gestandene 2.Klässlerinnen. Wir sind im Schulalltag angekommen, haben uns an Hausaufgaben und Thek-Packen gewöhnt. Nun steht ein neuer Abschnitt bevor: Midi kommt in den Kindergarten.

3 Jahre ist unser erster grosser Chindsgi-Start nun schon her. Die Veränderung in unserem Alltag, ja in unserem Leben, war grösser als ich es für möglich gehalten hätte. Plötzlich hatte unser Alltag eine feste Struktur, der ich folgen musste. Spontan um halb 12 Uhr einkaufen zu gehen, war kaum mehr möglich. Traf ich mich morgens mit Freundinnen, musste ich die Uhr genau im Blick haben. Denn wenn die Maxis vom Kindergarten nach Hause kamen, war langes Warten aufs Mittagessen ein No-Go. Und auch im Koch-Endspurt befand ich mich mit Vorteil nicht mehr - meist musste ich mindestens einer Tochter erst mal in rekordverdächtigem Tempo aus Jacke und Schuhe helfen, damit sie es noch rechtzeitig aufs WC schaffte. Oft galt es zudem, erste Sorgen, Früste oder Begeisterungsstürme abzufedern, um danach ein halbwegs gesittetes Mittagessen zu ermöglichen. Und dann waren da noch die in Flur und Küche grossflächig verteilten Schuhe, Jacken, Chindsgitäschlis und -Bändel, die ein zu spät erfolgendes Tischdecken in einen Hindernislauf verwandelten.

Noch stressiger gestaltete sich jeweils die erste Stunde nach dem Aufstehen, wenn ich meine Maxis dazu bringen musste, pünktlich das Haus zu verlassen. Kaum zu glauben, wie lange sich so ein Frühstück hinziehen kann. Und wie unglaublich viel Zeit ein Kind benötigen kann, um sich Schuhe und Jacke anzuziehen. Plante ich für diesen letzten Schritt genügend Zeit ein, war genau an diesem Tag das Kind garantiert turboschnell fertig und ärgerte sich darüber, noch 10 Minuten in der Küche schwitzen zu müssen (da unsere Maxis per Schulbus in den Kindergarten im Nachbarort transportiert wurden, war es wenig sinnvoll, sie viel zu früh loszuschicken…). Oft stritten die Mädchen sich dann auch noch im letzten Moment darüber, wer von mir noch eine Flechtfrisur verpasst bekam, da die Zeit selten für beide reichte.

Dafür kann ich mich noch gut daran erinnern, wie fassungslos ich war, als um 8 Uhr morgens bereits der Frühstückstisch abgeräumt, die Betten gemacht und auch die beiden Kleinen fixfertig angezogen und bereit für den Tag waren. Da wir vor dem Chindsgistart selten vor 9 Uhr an diesem Punkt waren, hatte mein Tag eine Stunde dazugewonnen…
Den strukturierteren Alltag erlebte ich einerseits als anstrengend, da mir die bisherige Flexibilität und der Raum zur Spontanität fehlten. Andrerseits stellte ja grade die Strukturlosigkeit für mich in der Kleinkindphase oft eine Problem dar. Dieses fiel nun weg. Seit meine Ältesten im Schulsystem sind, ist es für mich weit weniger essentiell, meine Tage mit Besuchen und Aktivitäten zu verplanen.

Doch nicht nur unser Tagesablauf hatte sich verändert. Urplötzlich war ich zur Managerin mutiert, musste mit Terminen für Exkursionen und Sporttage jonglieren, an Bibliotheksbesuche und Fotografentermine denken (war das ein Drama, als eine der Maxis eines Tages UNFRISIERT vor den Fotografen treten musste!). Die Planung von Arztbesuchen und Verabredungen wurde ungleich komplizierter, Hobbys kollidierten manchmal unerwartet mit Spezialanlässen im Chindsgi. Wollten die Mädchen sich zum Spielen verabreden, musste ich den Mittagsschlaf der Kleinen, Bringen und Holen meiner Tochter und allenfalls den Besuch eines Spielgspänlis bei der anderen Tochter koordinieren.

Meine Maxis hatten plötzlich massenhaft Erzählstoff - sie hatten ja erstmals einen Alltag, an dem ich nicht teilnahm. So entstand plötzlich regelmässig Streit am Esstisch, wer nun mit Erzählen an der Reihe sei. Ich empfand es jedoch auch immer als Privileg, mitteilsame Töchter zu haben, so dass ich meist recht gut auf dem Laufenden war über all das, was in ihren Kindergartenklassen lief.

Nun steht also der nächste Kindergarten-Start bevor. Er wird meinen Alltag nicht so stark umkrempeln wie der letzte Start. Aber ich bin dennoch gespannt darauf, wie sich die Beziehung von Midi und mir verändern wird, wie Midi sich im Kindergarten entwickelt, und welchen Einfluss dieser Neustart auf die Beziehung der Mädels untereinander haben wird.

Was ich inzwischen im Bezug auf solche Neustarts gelernt habe: Es wird wohl bis zu den Herbstferien dauern, bis Midi so richtig angekommen sein wird in ihrem neuen Alltag. Für mich bedeutet das, für den Zeitraum zwischen Sommer- und Herbstferien so wenig Zeit wie möglich zu verplanen, um Midi zu Hause viel Ruhe ermöglichen zu können - und um meine eigenen Kräfte zu sparen, falls auch ich in dieser Zeit stärker gefordert werden (es gibt wenig Anstrengenderes, als ein überfordertes und erschöpftes Kind aufzufangen, zu stärken und auszuhalten)…




Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und bald 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Freut sich auf eine ganz neue Erfahrung im Mama-Dasein: Zum ersten Mal überhaupt wird sie nach den Sommerferien Vormittags jeweils nur noch ein einziges Kind zu Hause haben...

0 Kommentare