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Das Kreuz mit dem Perfektionismus

Ein aktuell heiss diskutierter Artikel schimpft auf „Übermütter“, die nach aussen hin perfekt wirken wollen. Dabei ist die Hauptmotivation vieler dieser Mütter nicht, perfekt zu wirken. Sie wollen perfekt sein.

In einem Artikel der SonntagsZeitung vom vergangenen Sonntag schimpft die Autorin auf die «immer perfekten, nimmermüden, sich aufopfernden Übermütter», von denen es angeblich viele gäbe. Sie wirft diesen Müttern vor, den ganzen Tag Theater zu spielen. «Hauptsache ihr habt keine Schwäche gezeigt und die anderen Mütter denken: „Wow, so wie die hätte ich das nie geschafft.“»

Ganz abgesehen davon, dass der Artikel unglaublich bissig geschrieben ist und sich mittels Mütter-Bashing über Mütter-Bashing beklagt, zielt er meiner Meinung nach am Kern der Sache vorbei. Die Autorin hat eine Sache nicht begriffen: Viele dieser „Übermütter“ wollen nicht in erster Linie perfekt wirken. Sie wollen perfekt sein. Wenn sie ihre Häuser auf Hochglanz polieren und jeden Tag verplanen, dann wollen sie damit nicht Eindruck schinden, sondern alles richtig machen. «Gute Mütter machen/schaffen/vermeiden…» - so lauten ihre Mantras.

Klar, manche Mütter stülpen diese Ansprüche auch gleich allen Müttern um sich rum auf und kritisieren diese unnötig. Aber meist sind Mütter am aller Kritischsten mit sich selber. Sie wollen auf allen Ebenen funktionieren. Dazu ignorieren sie ihre eigenen Grenzen, ihre Erschöpfung, ihre Bedürfnisse - und oft genug auch die wahren Bedürfnisse ihrer Kinder. Welches Kind würde schon eine perfekt saubere Wohnung einer Stunde spielen mit Mama vorziehen? Und welches Kind hätte lieber eine sich pausenlos für sie aufopfernde, aber entnervte Mutter anstelle einer entspannten Mutter, welche sich ab und zu auch Zeit für sich nimmt?

Welch merkwürdige Blüten unser Perfektionismus bisweilen treibt, hab ich mir grade erst wieder selber bewiesen.

Die letzten Monate fühlte ich mich total erschöpft. Wir hatten diesen Winter echt Pech, was unsere Gesundheit anging - auf eine Angina meinerseits folgte die (echte) Grippe, die meine vier Töchter und mich gleichzeitig ins Bett zwang, dann bei allen Kindern die Wilden Blattern, dann eine langwierige Magen-Darm-Grippe - und dazwischen immer mal wieder beim einen oder anderen Kind ein hartnäckiger Husten, der sich insbesondere auf die Nächte auswirkte.

Ich wunderte mich also zunächst nicht über meine Erschöpfung. Nach ein paar „gesunden Wochen“ allerdings war ich der Meinung, inzwischen sollte ich mich erholt haben. Ich fühlte mich aber nicht fitter, sondern empfand je länger je mehr meinen Alltag als total anstrengend, konnte mich für Vieles nur sehr schwer aufraffen und stellte unser gesamtes Familiensystem in Frage (sollte ich besser aufhören, zu arbeiten und zu bloggen? Eine fixe Betreuung für meine Töchter organsieren, um auch mal Zeit für mich zu haben? Mir anderweitig Entlastung suchen?). Zugleich wunderte ich mich über mich selber - objektiv gesehen war mein Alltag doch eher weniger anstrengend als noch vor ein, zwei Jahren - schliesslich war bald auch meine Jüngste mit ihren knapp 3 Jahren „aus dem Allergröbsten raus“.

Ein routinemässiger Arztbesuch förderte dann zu Tage: Meine Eisenspeicher sind komplett leer, die Schilddrüsenwerte schlecht (Letzteres ist nicht so dramatisch wie es sich anhören mag. Ich habe eine chronische Schilddrüsenunterfunktion und ersetze die Schilddrüsenhormone medikamentös - dass ich die Medikation anpassen muss, kann schon mal vorkommen).

Merkwürdigerweise war ich total erleichtert. Für meine Erschöpfung gab es also einen Grund! Und der liess sich relativ einfach beheben… Als ich das einer guten Freundin gegenüber äusserte, meinte diese: „Na ja, du hättest auch sonst genug Grund, erschöpft zu sein! Ist ja klar, ist dein Alltag mit 4 Kindern anstrengend.“

In diesem Moment machte es bei mir „Klick“. All das, was ich gerade auch in diesem Blog immer mal wieder predige - glaube ich das tatsächlich? Dass wir Mütter gnädiger mit uns sein sollten, dass es ganz natürlich ist, an seine Grenzen zu stossen? Dass das Dasein als Mutter total anstrengend sein kann? Das wir nicht perfekt sein müssen?
Wieso gestehe ich anderen Müttern ihre Erschöpfung zu, mir selber aber nicht? Wieso fühle ich mit anderen Müttern in anstrengenden Phasen mit, werde mit mir selber aber nur ungeduldig? Und wieso bin ich ernsthaft erleichtert, wenn ich meine Erschöpfung mit ein paar Pillen beheben kann und mich deswegen also nicht „erholen muss“? Bin ich so überheblich, zu glauben, dass ich allein all das problemlos schaffen müsste, was die allermeisten Mütter - wie ich weiss - so oft an ihre Grenzen bringt?

Ich glaube, genau das ist das Kernproblem des „Mutter-Perfektionismus“. Wir wollen alles richtig machen, wollen in Erziehung und Haushaltsführung glänzen, dabei noch toll aussehen und entweder beruflich erfolgreich sein oder uns zumindest aktiv in Vereinen, in der Schule oder anderswo engagieren. Und wir wollen das auch noch problemlos machen, entspannt, quasi nebenher. Neben all dem Stress, den wir uns machen, gestehen wir uns also nicht einmal die damit einhergehende Erschöpfung oder Überforderung zu. Hätte ein Chef solche Ansprüche an uns - wir hätten längst gekündigt...





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2einhalb und 7einhalb Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch.

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