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Klasseneinteilungen - eine emotionale Sache

In vielen Gemeinden sind kürzlich die Klasseneinteilungsbescheide in die Briefkästen geflattert, anderorts stehen sie noch aus. Diese Einteilungen sind für Eltern oft eine emotionale Sache, insbesondere wenn sie anders ausfallen als erhofft.
Doch muss deswegen stets munter auf die Verantwortlichen geschimpft werden? Ein Plädoyer für etwas mehr Vertrauen…


Gerade erst flatterte die Kindergarten-Einteilung unserer Midi ins Haus. Inzwischen habe ich schon einige Male die gespannte Aufregung in den Tagen vor der Bekanntgabe einer neuen Einteilung erlebt. Den täglichen Spurt zum Briefkasten, die Enttäuschung, wenn der ersehnte Brief wieder nicht angekommen war, die freudige Erregung, wenn ich den Brief dann endlich in Händen hielt. Und ja, ich kenne auch das flaue Gefühl im Magen, die Enttäuschung, wenn die erfolgte Einteilung nicht meinen Hoffnungen entsprach.

Unsere Maxis waren in den Kindergarten im Nachbardorf eingeteilt worden, mussten mit dem Schulbus dorthin transportiert werden, obwohl sich der nächste Kindergarten in nicht mal 10 Minuten Fussdistanz befindet. Das hat mich damals echt geärgert. Die Maxis selbst allerdings waren begeistert. Jeden Tag Bus fahren! Wir waren bald begeistert von der wunderschönen Lage des Kindergartens direkt am Waldrand, dem tollen Spielplatz, der familiären Atmosphäre. Unsere Kinder haben zwei tolle Jahre in diesem Kindergarten verbracht, hatten beide richtig gute Lehrerinnen (sie gingen in getrennte Klassen) und waren richtig traurig, nach zwei Jahren Abschied nehmen zu müssen.

Auch bei der Schuleinteilung habe ich kurz geschluckt, bin aber heute sehr zufrieden mit den Klassen und Lehrerinnen der Maxis.

Nun also die nächste Einteilung. Und wieder keine Freudensprünge. Bei uns im Quartier gibt es eine ganze Gruppe von Mädchen, die im Sommer in den Kindergarten kommen. Wir waren davon ausgegangen, dass unsere Midi zumindest mit einigen von ihnen in der selben Klasse landen würde. Dem ist nicht so. Während all diese Mädchen (und auch die meisten Jungs aus unserem Quartier) im von uns aus nächstgelegenen Kindergarten landeten, wurde Midi in einen Kindergarten in einer anderen Ecke des Dorfes eingeteilt. Sie kennt einen einzigen Jungen aus ihrem Kindergarten flüchtig (aber Jungs sind für Midi quasi nicht existent), sonst niemanden. Auch der Weg ist weiter und führt über eine doofe Kreuzung.

Noch während ich die Einteilung überfliege wird mir klar: Ich habe es in der Hand, wie wir alle darauf reagieren. Es ist eine schlichte Entscheidung: Ich kann mich jetzt ärgern und mich und meine Tochter bemitleiden - oder ich konzentriere mich auf das Positive. Denn das gibt es durchaus. Der Kindergarten ist schön mit neu renoviertem Spielplatz, er liegt in der Nähe meiner Eltern, die öfters auf die Mädels aufpassen, Midi bekommt einen Kindergartenlehrer (wie cool ist das denn!) von dem ich bisher ausschliesslich Positives gehört habe. Unter den künftigen 2. Kindergärtlern ist die Schwester von der besten Freundin einer der Maxis - die Chancen stehen gut, dass auch die beiden Juniorinnen sich gut verstehen. Und der Kindergarten liegt auf dem Schulweg der Maxis, so dass sie ihre kleine Schwester ab und zu abholen können (was sie selbst begeistert vorschlagen). Eine kurze Recherche ergibt, dass ein künftiges Gspänli ganz in der Nähe von uns wohnt - es sollte eigentlich gut machbar sein, dass die beiden gemeinsam laufen.

Ich erkläre Midi all diese Dinge - und sie ist sofort begeistert. Kein Wort von den anderen Mädchen, die nicht in ihrer Klasse sind. Hätte ich sie wortreich bemitleidet, ihre Reaktion wäre vermutlich anders ausgefallen…

In den nun folgenden Gesprächen mit anderen Eltern - hauptsächlich Müttern - bin ich immer wieder erstaunt über deren Reaktionen. Meist wird direkt heftig auf Schulleitung und Verwaltung geschimpft. Von Unfähigkeit ist die Rede, von fehlendem Augenmass, davon, dass nicht für die Kinder gedacht werde. Klar habe ich mich auch einen Moment lang gefragt, was wohl den Ausschlag für diese aus meiner Sicht merkwürdige Entscheidung gegeben hat. Allerdings gehe ich davon aus, dass es einen guten Grund dafür gab. Mir ist klar, dass unzählige Faktoren die Schuleinteilungen beeinflussen. Von ausgeglichenen Klassengrössen über ein vernünftiges Mädchen/Jungs-Verhältnis über Geschwisterkinder, die nicht in der selben Klasse landen sollen bis hin zu den zahllosen Gesuchen (die für meinen Geschmack tatsächlich eher zu oft berücksichtigt werden - aber das ist ein anderes Thema). Solange ich nichts Gegenteiliges erfahre (und zwar nicht nur aus der Gerüchteküche), gehe ich davon aus, dass alle Beteiligten diese verschiedenen Faktoren sorgfältig abgewogen und ihr Bestes gegeben haben, um im Interesse aller zu entscheiden. Dass dabei auch Kompromisse nötig sind, ist klar.

Mir scheint aber, dass Eltern oft schon grundsätzlich davon ausgehen, dass Schulbehörden, Schulleitung und Lehrpersonen es nicht gut mit ihnen und ihren Kindern meinen, inkompetent oder auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, ihre Entscheidungen nicht durchdenken. Sie gehen erst mal vom Schlechten aus und lassen sich nur schwer vom Gegenteil überzeugen.

So möchte ich den Menschen nicht gegenübertreten, die sich tagtäglich mit unseren Kindern befassen. Ich habe mich dazu entschieden, davon auszugehen, dass ihnen das Wohl der Kinder - meiner Kinder - am Herzen liegt, dass sie sich mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass die Kinder sich in einem möglichst optimalen Lernumfeld befinden, dass es ihnen gut geht. Ich gehe davon aus, dass sie ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen ausüben. Vom Gegenteil kann mich nur meine eigene, persönliche Erfahrung überzeugen.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und bald 3), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Hat grade ausgerechnet, dass auf sie im Minimum noch weitere 11 Klasseneinteilungsbescheide zukommen - zum Glück mag sie Überraschungen...

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