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«Man muss...» - Glaubenssätze in der Kindererziehung

Im Bezug auf das Auf- und Erziehen von Kindern geistern eine Menge Glaubenssätze herum. Sie beginnen meist mit „man sollte“ oder „man darf nicht“ - und werden schnell als absolute Wahrheit angesehen. Zu Recht?

Ich bin ein Mensch, der sich an Regeln hält. Selbst dann, wenn ich deren Sinn nicht so ganz einsehe. So hat es mich Jahre gekostet, bis ich mich überwinden konnte, mein Auto auch mal ausserhalb markierter Parkfelder zu parkieren. Im explizit beschrifteten Fahrverbot wird man mein Auto kaum je finden.

Mein Hang, Regeln einzuhalten, macht mir das Leben als Mutter nicht unbedingt einfacher. Zumal er sich eher unglücklich mit meiner wohl berufsbedingten Recherchier-Wut paart. Im Bezug auf das Auf- und Erziehen von Kindern finden sich insbesondere im Netz massenhaft Regeln - die sich gerne auch widersprechen (darüber hab ich hier schonmal geschrieben). Inzwischen ertappe ich mich öfters selbst dabei, wie ich solche Regeln blind befolge, ohne sie zu hinterfragen. Meist beginnen solche Regeln mit „man“: „Man muss…“, „man sollte…“, „man darf nicht…“

Insbesondere bei meinen zwei Maxis befolgte ich solche Glaubenssätze oft unreflektiert. Man muss Babybrei selber machen - also machte ich für meine Zwillinge kiloweise Babybrei, bis ich schliesslich feststellte, dass sie Obstbrei aus dem Gläschen wesentlich besser assen als jenen, den ich in mühevoller Arbeit selbst zubereitet hatte. Meine Recherchen zum Thema ergaben dann, dass Gläschen oft sogar gesünder und vitaminreicher sind als selbst gemachte Breie. Ich habe dennoch zumindest den Gemüsebrei in der Regel selbst gemacht (auch aus finanziellen Gründen), hatte aber kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich aus Zeitmangel auf die Alternative aus dem Regal zurückgriff.

Grade zum Thema Ernährung gibt es noch massenhaft weitere „man muss“-Sätze. Man muss immer mittags Gemüsebrei, Nachmittags Obst und Abends Getreidebrei reichen - an diesem Grundsatz klebte ich bei den Maxis eisern. Erst bei Midi kam ich auf die Idee, dass man unterwegs ja auch einfach zum Mittagessen einen Obstbrei aus dem Glas füttern und sich damit die ganze, lästige Aufwärmerei sparen könnte. Man muss seinem Kind in Kindergarten und Schule stets einen Znüni mitgeben, der zumindest eine Frucht oder ein Gemüse enthält. Als würde das Kind gleich an Vitaminmangel sterben, wenn es ausnahmsweise nur Darvida im Znüniböxli findet. Man muss sein Kind dazu erziehen, den Teller stets leer zu essen. Oder alternativ: Man darf sein Kind nicht zum Aufessen zwingen, weil das zu Essstörungen führen könnte.

Solche Glaubenssätze gibt es bei Kleinkindern zu nahezu jedem Thema, vom Schlafen übers Tragen bis hin zur Körperpflege. Bei unserer 4jährigen grad aktuell: Man muss sein Kind von Anfang an ans Radfahren ohne Stützräder gewöhnen. Weil es sich sonst was Falsches angewöhnt und das Radfahren dann ohne Stützräder gleich nochmal neu lernen muss. Aber was, wenn ein Kind sich auch nach monatelangem, ausdauernden Mitrennen immer noch fürchtet, frei Rad zu fahren - für das Laufvelo aber inzwischen zu gross ist? In diesem Fall kämpfe ich übrigens immer noch mit mir, und Midi fährt derweil vergnügt Trotti…

Und auch bei den Maxis stehe ich wieder einmal vor einem solchen Glaubenssatz: Man soll die Hobbys der Kinder auf maximal 2 beschränken, wovon eines mit Bewegung und eines mit Musik zu tun haben sollte. Kennt ihr den? Oder geistert der nur in unserem Dorf herum?
Jedenfalls sitzt der bereits tief in mir drin. Die Sache mit den zwei Hobbys, die finde ich eigentlich selbst sinnvoll. Ich will meine Töchter nicht zu stark verplanen, sie sollen auch noch freie Zeit zum Spielen zur Verfügung haben. Aber die Sache mit der genauen Aufteilung… glaube ich das selbst tatsächlich? Gilt das auch für unsere Töchter? Und wenn eine sich nunmal für so gar keine sportliche Betätigung begeistern kann (bei uns zu Hause allerdings gerne und oft auf dem Hof herumtobt)? Oder total Musikbegeistert ist? Oder gerne Theater spielen würde (ist das nun Musik oder Bewegung?), oder Schach (ja wirklich, es gibt Schachclubs für Kinder, hab ich gehört)?

Für Regelgläubige wie mich schadet es jedenfalls nicht, solche Glaubenssätze immer mal wieder zu hinterfragen. Schliesslich will ich unser aller Leben nicht danach ausrichten, wie „man“ etwas machen soll - sondern danach, was für unsere Kinder und für uns als Familie gut ist. Und das muss nicht zwingend deckungsgleich sein mit dem, was „man“ am Besten tun sollte.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Würde sich oft wünschen, sie hätte einen etwas legèreren Umgang mit Regeln...

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