>

Kinder hinterlassen Spuren

Man sieht uns Müttern an, dass wir Kinder geboren haben. Manchen von uns vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber eine Schwangerschaft hinterlässt an jedem Körper kleinere oder grössere Spuren. Viel grösser sind allerdings die Spuren, die nicht auf den ersten Blick zu sehen sind. Die Mutterschaft verändert auch unseren Charakter - und wer wollte darauf verzichten?

„Was, 4 Kinder haben Sie? Das sieht man Ihnen aber nicht an!“. Der Interviewgast meint das als Kompliment, und ich fühle mich auch etwas geschmeichelt, um ehrlich zu sein. Obwohl ich weiss, dass der Mann sich irrt. Gewaltig sogar.

Meine vier Töchter haben deutlich sichtbare Spuren an meinem Körper hinterlassen - und zwar von Kopf bis Fuss. Obwohl, mein Kopf ist wohl am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen, wenn man mal von den ersten grauen Haaren absieht (aber die kann ich wohl schlecht meinen Kindern in die Schuhe schieben). Ansonsten aber… Ich musste sämtliche Schuhe entsorgen (und ich hatte eine Menge davon!), weil meine Füsse dauerhaft um eine Schuhgrösse gewachsen sind - von der Kleidergrösse fang ich gar nicht erst an. Ich habe eine lange Kaiserschnittsnarbe und eine unschöne Narbe am Rücken von einer notfallmässigen Bandscheibenoperation in der zweiten Schwangerschaft, Schwangerschaftsstreifen und eine veränderte Beinstellung (wohl verursacht durch eine übermässige Lockerung der Bein- und Beckenbänder).

Noch gravierender sind die unsichtbaren Veränderungen. Vieles in meinem Körper funktioniert nicht mehr gleich wie früher. Mein Rücken wird wohl meine Schwachstelle bleiben und mich zu lebenslänglichem Krafttraining zwingen (nicht grade meine Lieblingsdisziplin), meine „Schlottergelenke“, mit denen ich auch früher schon gewisse Probleme hatte, sind noch instabiler geworden, meine gerade Bauchmuskulatur weist einen breiten Spalt auf, den ich vermutlich irgendwann werde operativ schliessen lassen müssen, ich vertrage manche Lebensmittel nicht mehr so gut wie früher…

Bevor ich Kinder hatte, dachte ich, dass sich durch Schwangerschaften allenfalls die Körpermitte verändern würde. Dass Schwangerschaften einen Körper so grundlegend verändern können, auf die Idee wäre ich niemals gekommen. Ich kenne Frauen, deren Sehvermögen sich durch die Schwangerschaften verändert hat, die eine andere Haarstruktur bekommen haben, die allergisch auf Wein geworden sind (wirklich, sowas gibts!) oder massive Probleme mit dem Beckenboden haben. Über all diese Sachen reden wir kaum. Stattdessen setzen wir uns in den Kopf, so schnell wie möglich wieder unsere alte Figur zurückzuerlangen und auszusehen, „als wäre nichts gewesen“.

Es IST aber etwas gewesen. Etwas Grossartiges, Wundervolles. In unserem Körper ist neues Leben entstanden. Ein kleiner Mensch ist in uns gewachsen. Hormone haben dafür gesorgt, dass unser Körper dieses Menschlein akzeptierte, dass unsere Bänder sich lockerten um Platz zu schaffen. Unsere Organe haben sich verschoben, wurden zusammengequetscht und von kräftigen Babyfüssen und -fäusten malträtiert - und haben dennoch weiter brav ihren Dienst getan.

Wenn man sich das alles genau vor Augen hält: Warum sollte das alles keine Spuren hinterlassen? Warum sollte man unserem Körper nicht ansehen, was er alles geleistet hat? Und warum sollten wir diese Spuren nicht mit Stolz tragen - schliesslich zeugen sie von einer schier unglaublichen Leistung und zeigen, wie unglaublich stark und anpassungsfähig unser Körper ist.

Und ausserdem: Die körperlichen Spuren der Schwangerschaft sind ja nur eine Seite der Medaille. Die grossen Veränderungen, sie kommen eigentlich erst nach der Geburt. Und sind nicht so ohne Weiteres sichtbar. Denn Kinder verändern uns nicht nur körperlich. Ich habe mich charakterlich in den vergangenen bald 8 Jahren ganz gewaltig verändert. Habe Kräfte mobilisiert, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte. Habe Nerven wie Drahtseile (na ja, jedenfalls verglichen mit früher), bin erheblich geduldiger geworden (wobei Geduld noch immer nicht meine grösste Stärke ist), und habe gelernt, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Vor allem aber habe mich selber extrem gut kennengelernt. Ich weiss genau, an welchen Schwächen ich arbeiten sollte, sehe aber auch, wie ich ständig dazulerne. Und das Wissen um meine eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten (von denen einige erst durch meine Mutterschaft zutage gefördert wurden) sowie die Erfahrung, dass schöne Theorien in der Praxis oft nicht aufgehen, haben mich erheblich gnädiger gemacht und mich gelehrt, nicht allzu vorschnell zu urteilen.

So sehr mich die körperlichen Spuren meiner Schwangerschaften oft ärgern, so sehr freue ich mich über die durch meine Töchter verursachte Reifung meines Charakters. Für diese Spuren bin ich dankbar, und ich würde sie auf keinen Fall missen wollen. Gäbe es eine Art Reset-Knopf, mit denen ich meinen Körper auf Vor-Mutter-Zustand zurücksetzen könnte, der aber zugleich auch sämtliche charakterlichen Spuren löschen würde - ich würde ihn nicht drücken. Auf keinen Fall.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2einhalb und 7einhalb Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Mag Veränderungen - auch wenn sie über die an ihrem Körper nicht immer glücklich ist.

0 Kommentare



Passwort vergessen?






kommentieren

Bitte anmelden um Kommentare zu erfassen.