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Hungrige Kinder aufs Essen warten lassen - darf man das?

„Wer nicht isst, was auf dem Tisch steht, der wartet halt bis zur nächsten Mahlzeit“. Mit dieser Richtlinie sorgte kürzlich eine Kita für Schlagzeilen.
Darf man Kindern zumuten, eine Weile lang hungrig zu sein?


„Hungern in der Kinderkrippe“ - unter diesem reisserischen Titel erhebt der „Blick“ kürzlich gemäss eigenen Angaben „happige Vorwürfe“ gegen eine Kinderkrippe. Das Problem: Der Menu-Plan (welcher sich an einem anerkannten, gesunden Ernährungskonzept orientiert) sei zu konsequent umgesetzt worden. „Assen die Kinder nicht, was auf dem Tisch stand, mussten sie hungern“, heisst es im Artikel. Soll heissen, die Kinder bekamen keine Alternative angeboten, sondern mussten warten bis zur nächsten Mahlzeit.

Ob diese Reglementierung einer Kita angemessen ist oder nicht, dazu will ich mich an dieser Stelle nicht äussern. Der Blick-Artikel zitiert als Quelle einen Artikel der BZ Basel, welcher etwas ausführlicher berichtet - wer die beiden Artikel vergleicht, sieht übrigens gut, wie der Blick mittels blosser Verkürzung einige Dinge ganz anders aussehen lässt. Doch auch der Quelltext ist zu wenig ausführlich, um ernsthaft beurteilen zu können, wie die Lage in der beschriebenen Kita tatsächlich ist.

Was ich allerdings spannend fand, waren die Kommentare zum Thema „Kinder hungern lassen“ (wobei in diesem Zusammenhang ja von „hungern“ keine Rede sein kann - die Kinder sind halt einfach hungrig). Der Mamablog des Tagesanzeigers hat den Artikel ebenfalls aufgegriffen, und insbesondere dort fanden sich einige ziemlich empörte Kommentare. Wenn ein Kind ein paar Stunden auf eine Mahlzeit warten muss (weil es die davorgehende Mahlzeit verschmäht hat), dann kommt das für Viele offenbar schon fast einer Misshandlung nahe. Wie gesagt geht es mir hier nicht um die Erziehungsmassnahme „das Kind Hunger fühlen lassen“, sondern eher allgemein darum, dass wir es kaum mehr aushalten, die Bedürfnisbefriedigung unserer Kinder aufzuschieben.

Während in vielen Ländern der Welt Kinder überglücklich wären, wenn sie auch nur einmal am Tag so richtig satt wären (von drei sättigenden Mahlzeiten am Tag können ja ohnehin unfassbar viele Menschen nur träumen), scheint es bei uns ein Problem zu sein, wenn Kinder ab und zu mal so richtig Hunger haben. Wir bringen unseren Kinder nicht mehr bei, es auszuhalten, wenn ein Bedürfnis eine Weile lang unbefriedigt bleibt (das gilt nicht nur für Essen und Trinken, sondern auch in vielen anderen Bereichen). Stattdessen greifen wir beim kleinsten Hungergefühl der Kleinen zu Darvida und Co, haben stets eine Wasserflasche zur Hand.

In Spielgruppe, Kindergarten und Schule haben manche Kinder Znüniboxen dabei, mit deren Inhalt locker eine Hauptmahlzeit bestritten werden könnte. Dafür picken sie dann in ihrem Mittagessen nur lustlos herum und haben zwei Stunden später bereits wieder Hunger (so haben mir das zumindest mehrere Mütter berichtet). Als meine Tochter mir erklärte, sie wolle in der Grossen Pause spielen und habe keine Zeit zum Essen, brachte ich es kaum über mich, ihr fortan keinen Znüni mehr mitzugeben - obwohl sie das selbst so gewünscht hatte. Was, wenn sie eines Tages doch plötzlich Hunger hatte? Wie würde sie dann die verbleibenden Schulstunden durchstehen, wie den 1 km langen Heimweg meistern?

Dabei lehrt uns die Wissenschaft ja, dass der menschliche Körper gar nicht dafür gemacht ist, permanent Nährstoffe zugeführt zu bekommen. Unser Stoffwechsel mag längere Pausen zwischen den Mahlzeiten (hab ich jedenfalls grad kürzlich wieder gelesen), und auch wir Erwachsenen sind oft nicht mehr in der Lage, Appetit von Hunger zu unterscheiden.

Weshalb also machen wir so ein Drama um ein paar Stunden „Nahrungsentzug“? Haben wir allen Ernstes das Gefühl, unsere Kinder seien nicht in der Lage, etwas Hunger auszuhalten? Und tun wir ihnen einen Gefallen damit, wenn wir sie nicht lehren, auch mit solchen negativen Gefühlen klarzukommen?

Ganz abgesehen davon, dass ein Essen nie besser schmeckt als dann, wenn es sehnsüchtig mit knurrendem Magen erwartet wurde. Und wie unvergleichlich ist das Gefühl, nach einer anstrengenden Turnstunde in die Garderobe zu stürzen und endlich am Wasserhahn den brennenden Durst zu stillen? Auch um diese Glücksmomente bringen wir unsere Kinder, wenn wir ihnen nicht zutrauen, die vorhergehenden Tiefs durchzustehen.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Mag es gar nicht, wenn ihr Magen in den unpassendsten Moment laut knurrt (isst aber trotzdem selten zwischen den Mahlzeiten)...

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