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Sag "Entschuldigung", denn sich schämen ist gesund!

Welchen Sinn macht es, sein Kind aufzufordern, sich zu entschuldigen? Diese Frage stellten wir letzte Woche. Psychotherapeut Didier Kramer hat eine klare Meinung zu dieser Frage: Es macht sehr viel Sinn.
Warum Kinder sich entschuldigen sollen, und weshalb es ok ist, wenn Kinder sich deswegen schämen.


Wir reden selten über Scham, obwohl „sich schämen“ in Beziehungen von grosser Bedeutung ist. Ob wir uns schämen und wie sehr wir uns schämen, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Schämen sich unsere Kinder zu stark, müssen wir sie unterstützen, sich weniger zu schämen. Schämen sich unsere Kinder kaum, wenn Scham angebracht wäre, müssen wir sie unterstützen, sich mehr zu schämen. Scham hilft uns nämlich zu merken, ob die Beziehung zu unseren Mitmenschen in Ordnung ist.

Eltern haben also die Aufgabe, die Scham ihres Kindes zu verstärken oder zu vermindern: Nehmen wir das Beispiel von Midi aus dem letzten Blog-Artikel «Sag: "Entschuldigung"». Sie verletzt (unabsichtlich) ein anderes Kind und schämt sich offensichtlich dafür. Ihre Scham muss also vermindert werden. Dennoch wäre es nicht richtig, die Situation stehen zu lassen oder Midi gar zu beschwichtigen, dass alles nicht so schlimm sei. Es ist wichtig, dass Kinder für ihr (Fehl)verhalten Verantwortung übernehmen müssen. Nur so lernen sie, sich in andere einzufühlen. Midi muss um Entschuldigung bitten und dies muss mit Beharrlichkeit von ihr verlangt werden. Die Mutter kann eine Brücke schlagen, damit Midi die eingeforderte Entschuldigung auf eine würdige Art umsetzen kann.

Beispielsweise bewährt sich eine einfache Wahl: „Du darfst dem Kind die Hand geben und Entschuldigung sagen oder ihm über den Kopf streicheln und Entschuldigung sagen“. Falls genügend Zeit vorhanden ist – und Beharrlichkeit erfordert meist Zeit – kann eine Wahlmöglichkeit auch sein, dass Midi gleich eine Zeichnung für das Mädchen macht und sich damit beim Mädchen entschuldigt. Vielleicht hilft Midi auch das Angebot, dass man mitkommt, um sich zu entschuldigen: „Willst du lieber alleine gehen oder soll ich mitkommen?“

Es gibt eine schädigende Beschämung und eine nützliche Beschämung. Die erste ist verletzend und erniedrigend. Sie missbilligt langfristig und verurteilt die ganze Person. Schädigende Beschämung grenzt aus und bricht die Beziehung ab. Für diejenigen, die in dieser Weise beschämen (z.B. die Kinder, die andere mobben), ist es emotional nicht belastend, da sie selber keine Scham empfinden. Wenn also die Mutter Midi gesagt hätte, sie sei ein böses Mädchen, weil sie andere Kinder verletze, dann wäre dies eine schädigende Beschämung. Midi würde sich ausgegrenzt und in ihrer ganzen Person langfristig verurteilt fühlen.

Nützliche Beschämung will das Gegenüber belehren und verändern. Sie missbilligt den Anderen für kurze Zeit. Es geht dabei nur um das betroffene Verhalten und nicht um die ganze Person. Ziel ist, dass die Beziehung wieder hergestellt wird. Der Beschämende – im Beispiel also die Mutter – erlebt selber ebenfalls Scham, was emotional belastend ist und damit keine einfache Aufgabe darstellt. Zum Beispiel würde die Mutter sagen: „Du hast dem Mädchen mit deinem Stift weh gemacht. Das ist nicht richtig. Ich möchte, dass du dich dafür entschuldigst.“ Damit wird lediglich Midis Verhalten missbilligt und nicht sie als ganze Person. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Kind extra geschlagen hat oder ob ihm etwas aus Versehen passiert ist, denn passiert ist es ohnehin.

Zudem wird Midi die Möglichkeit eingeräumt, ihre Scham zu reduzieren, indem sie sich entschuldigt. Nachher war nämlich alles wieder gut. Die Beziehung zur Mutter und die Beziehung zum anderen Mädchen stimmten wieder. Midi ist wieder in die Gesellschaft integriert. Zudem lernte Midi durch die Reaktion der Mutter (einmal mehr), dass anderen weh tun nicht gut ist. Die Entschuldigung selbst bedeutet nochmals ein Akt der Beschämung, reduziert die Scham letztlich aber, weil es auf eine würdige Art geschieht.

Und die nachhallenden Gedanken mit dem Gefühl der eigenen Scham der Mutter? Wenn die Mutter einen anderen Blick auf (nützliche) Beschämung des Kindes werfen kann, gelingt es ihr sicherlich, auf ihr Verhalten sogar stolz zu sein. Sie hat ihre Midi gelehrt, Verantwortung zu übernehmen und es ihr ermöglicht, nach einem Fehler wieder Teil der Gesellschaft zu werden.

Und was hilft die (beschämte) Entschuldigung dem Mädchen, das den Stift abbekommen hat? Mag sein, dass jemand anderes dieses Mädchen besser trösten kann als Midi. Aber entschuldigen kann sich nur Midi. Die Eltern können sie dabei lediglich unterstützen. Denn Midi ist die Urheberin des Stiftwurfes und damit des Schmerzes. Eine Entschuldigung – oder auch eine Wiedergutmachung – ist also unumgänglich, um den Schmerz beim getroffenen Mädchen zu lindern und die Beziehung wieder zu kitten.



Didier Kramer, Dr. phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. Arbeit in einem kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulatorium. Verheiratet und Vater von zwei wunderbaren, noch immer recht kleinen Mädchen.

Dieser Artikel stützt sich auf: Weinblatt, U. (2013). Die Regulierung des Schamgefühls bei intensiven Eltern-Kind- Konflikten. Familiendynamik, 38(1), 62–71.

Als weiterführende Lektüre zum Thema «Wahl als Erziehungswerkzeug» empfiehlt Didier Kramer "Erziehung mit Liebe und Vision: Herzensbeziehungen eingehen statt Machtkämpfe austragen" von D. Silk & B. Johnson (GloryWorld-Medien)

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