>

Sag: "Entschuldigung"!

Eltern fordern von ihren Kindern oft vehement, dass sie sich entschuldigen. In solchen Situationen sieht man meist ein betretenes Kind, dass auf die geforderte Entschuldigung wartet, und ein beschämtes, schmollendes Kind, welches das geforderte Wörtchen nicht über die Lippen bringt - oder dann erfolgt die Entschuldigung halbherzig und lieblos.
Wie viel Sinn macht es also, ein Kind aufzufordern, sich zu entschuldigen?


Ich habe soeben mein Fitnesstraining beendet, fühle mich körperlich grad noch knapp in der Lage meine schwere Sporttasche zu schultern. Während mich Mini in der Kinderhüte enthusiastisch begrüsst, werde ich von Midi gleich wieder weggeschickt. Sie sitzt mit anderen Kindern am Tisch und malt. Und das gedenkt sie auch weiter zu tun.

Ich bin müde, möchte nach Hause, fordere Midi bestimmt auf, die Buntstifte hinzulegen und mitzukommen. „Du kannst dein Bild ja zu Hause fertig malen“, schlage ich vor. „Nei!“. Ein Farbstift fliegt durch die Luft. In ihrer Wut hat Midi nicht wirklich bewusst gezielt, trifft mit ihrem Geschoss aber ein anderes Mädchen direkt ins Gesicht. Dessen Wange färbt sich rot.

Auch das noch! Ohne gross nachzudenken, konfrontiere ich mein erschrockenes Kind mit der nachdrücklichen Aufforderung, sich sofort beim anderen Kind zu entschuldigen. Was meine Tochter verweigert. Hätte ich mir auch denken können, auf diese Art von Druck hat sie schon immer mit Gegendruck reagiert. Zudem scheint ihr die Situation echt peinlich zu sein.

Midi schmollt also, ich fordere weiter. Und merke selbst, das ist der falsche Weg. Trotzdem, aus der Nummer komm ich jetzt nicht mehr raus. Und schliesslich tut dem getroffenen Mädchen die Wange weh, das will ich wieder gutmachen. Aber ob die letztlich doch erfolgte, erzwungene Entschuldigung, die meine Tochter mit abgewandtem Gesicht und zusammengepressten Zähnen mehr knurrt als ausspricht, tatsächlich dazu beiträgt, dass das andere Mädchen sich besser fühlt?

Wieder zu Hause, geht mir diese Geschichte noch lange nach. Weshalb habe ich diese Entschuldigung so vehement eingefordert? Was wollte ich damit erreichen? Was habe ich tatsächlich erreicht?

Der Grund für meine Aufforderung ist wohl vielschichtig. Zum einen ist es mir auch persönlich wichtig, meine Fehler einzusehen und mich dafür zu entschuldigen. Ich wünsche mir das auch von meinen Mitmenschen. Es gibt für mich wenig Unangenehmeres als Menschen, die sämtliche Fehler überspielen, herunterspielen oder auf andere schieben. Entsprechend wünsche ich mir auch, dass meine Töchter lernen, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen - aber dass man dazu stehen und sie wenn nötig und möglich auch wieder gut machen sollte.
Ausserdem gilt es bei uns als äusserst unhöflich, sich nicht zu entschuldigen. Meine Töchter sollen unbedingt lernen, höflich zu sein!  
Und schliesslich: Wie würde ich vor anderen Erwachsenen dastehen, wenn ich meinen Kindern ein solches Verhalten einfach durchgehen liesse? Wenn ich eins nicht will, dann als antiautoritäre Mutter gelten, die ihrem Sprössling alles durchgehen lässt.

Um ehrlich zu sein, diese letzte Motivation dürfte in der geschilderten Situation ziemlich stark gewesen sein. Erziehungsmassnahmen zu ergreifen aus Angst, was andere von mir denken könnten - nicht gerade das Verhalten einer vorbildlichen Mutter, fürchte ich…

Was die nachdrückliche Aufforderung, sich zu entschuldigen, angeht: Das werde ich aus mehreren Gründen künftig versuchen, zu vermeiden. Zum einen habe ich meiner Tochter angesehen, dass sie selber über das Passierte erschrocken war. Sie hat sich geschämt, auch ohne mein Eingreifen - und ich habe sie zusätzlich erniedrigt. Zum anderen: Welchen Wert hat eine erzwungene Entschuldigung? Lernt ein Kind dadurch tatsächlich etwas? Und fühlt das andere Kind sich dadurch besser?

Überhaupt bin ich inzwischen zum Schluss gekommen, dass ich meine Kinder zu oft auffordere, sich zu entschuldigen. Wenn sie sich gegenseitig ärgern oder weh tun, beispielsweise, oder auch wenn sie sich mir gegenüber daneben verhalten. Diese erzwungenen Entschuldigungen kommen in der Regel halbherzig und oft lieblos daher. Oder als reine Floskel - wie bei Mini, die manchmal bewusst etwas Verbotenes tut und wenn ich sie dabei ertappe, ganz schnell ihr „Dschungelung“ ruft. Als wäre das ein Zauberwort…

Dabei wünsche ich mir ja, dass die kleinen Übeltäter ihr Verhalten aus eigenem Antrieb bereuen und es wieder gut machen wollen. Vielleicht muss das ja zu Beginn auch nicht immer mit einer verbalen Entschuldigung sein. Vielleicht reicht auch ein Streicheln und Umarmen, ein: „Heile, heile, säge…“, oder eine Zeichnung zur Wiedergutmachung. Ich möchte sie vermehrt darauf hinweisen, dass sie mit ihrem Verhalten jemanden verletzt haben (körperlich oder seelisch), dass das nicht in Ordnung war und dass sie etwas dagegen unternehmen sollten - vielleicht auch erst nach einer Bedenkzeit, vielleicht auch mit meiner Hilfe.

Wenn sie bei fremden Kindern jegliche Kooperation verweigern, dann kann ich mich stellvertretend für sie entschuldigen, möglichst ohne meine Kinder dabei blosszustellen („Tut mir wirklich leid, dass dir das so wehgetan hat! Gehts wieder?“). Und weiterhin mit gutem Vorbild voran gehen, mich immer wieder ehrlich bei meinen Kindern entschuldigen, wenn ich mich selbst nicht richtig verhalten habe. Dadurch lernen sie vermutlich ohnehin am meisten.




Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Erinnert sich noch immer gut daran, wie einst eine Kindergartenlehrerin von ihr ein "Entschuldigung" einforderte und sie dieses wochenlang nicht über die Lippen brachte...

Wie helft ihr euren Kindern dabei, sich zu entschuldigen? Ist das für euch überhaupt wichtig? Oder machen eure Kids das von ganz alleine?

0 Kommentare



Passwort vergessen?






kommentieren

Bitte anmelden um Kommentare zu erfassen.