>

Handys auf dem Spielplatz - ein No-Go?

Unfälle von Kindern auf Spielplätzen häufen sich - und die unachtsamen Eltern sind schuld. In etwa so wurde kürzlich in einer Gratiszeitung berichtet. Insbesondere wurde betont, wie oft Eltern sich mit ihrem Handy beschäftigen, statt sich auf ihr Kind zu konzentrieren. Sind Handys auf dem Spielplatz also völlig fehl am Platz?

Um es gleich vorweg zu nehmen: So eindeutig ist die Sache dann doch nicht. Selbst im erwähnten Artikel sind die zitierten Experten sich alles andere als einig. So sehen manche Fachleute sogar eher eine Überbehütung mancher Kinder als Ursache für den Anstieg an Unfällen. Weil viele Eltern ihre Kinder permanent überwachen würden und sofort zur Stelle seien, wenn es brenzlig werde, fehle diesen Kindern ein gesundes Gefahren- und Sicherheitsbewusstsein. Es wäre also gerade zur Unfallprävention wichtig, die Kinder auch unbeobachtet und unüberwacht auf Spielplätzen spielen zu lassen.

Wie so oft wird es letztlich kaum möglich sein, schlüssig zu beweisen, welche Ansicht nun korrekt ist. Was ist nun Ursache und was Wirkung? Eine Frage der Deutung…

Mich hat der Artikel aus einem anderen Grund beschäftigt. Insbesondere die teils heftigen Leserkommentare gaben mir zu denken. Da wird auf all die Rabenmütter eingeprügelt, die sich angeblich nicht für ihre Kinder interessieren und nur an ihrem Handy kleben. „Leider sehe ich immer wieder wie Mütter auf das Handy schauen anstatt sich auf ire Kinder zu schauen (sic!). Da wird nicht mehr gelobt fürs gute Klettern etc.“, ist da beispielsweise zu lesen, oder: „Es ist schlimm wie oft man Frauen oder Männer sieht die in einer Hand den Kinderwagen schieben, in der anderen am Natel sind.“

Sind Eltern automatisch Rabeneltern, wenn sie sich mit ihrem Handy beschäftigen? Ich erinnere mich gut an die Zeiten, in denen es unmöglich war, mit meinen Kleinkindern im gleichen Raum ein halbwegs vernünftiges Telefonat zu führen. Jedes meiner Kinder hatte eine Phase, in der es empört das Telefon für sich beanspruchte („au Hoi säge!“), vehement meine Aufmerksamkeit einforderte („Maaaami, hör uf Schwätze!“), meine Unaufmerksamkeit bewusst nutzte um Grenzen zu überschreiten (Maxi2 räumte mal einen ganzen - grossen - Blumentopf mit Erde aus, während ich ein geschäftliches Telefonat führte, welches ich unmöglich unterbrechen konnte) oder schlicht aus irgend einem Grund schrie wie am Spiess. Musste ich dringend ein Telefonat führen (gerade geschäftliche Telefonate lassen sich ja nicht auf die Schlafenszeit der Kinder verlegen) packte ich deswegen meist die Kleinen in den Kinderwagen, schnappte mein Handy und führte mein Gespräch unterwegs. Wie oft haben sich wohl unterwegs Leute innerlich an den Kopf gefasst und sich gewundert über die unachtsame, lieblose Mutter?

Auf den Spielplatz hingegen gehe ich klar meinen Kindern zu Liebe. Eine alternative Beschäftigung meinerseits ist da nicht eingeplant. Allerdings habe ich schon oft erlebt, dass meine Kinder bald ganz vertieft in ihr Spiel waren. Sie dann zu unterbrechen und mich „einzumischen“ liegt mir fern - und solange sie meine Hilfe weder benötigen noch einfordern setze ich mich dann in der Regel irgendwo in Rufweite hin. Dabei ist mir durchaus schon langweilig geworden. So sehr ich meine Kinder auch liebe - ihnen stundenlang zuzuschauen beim Sandkuchen backen oder Verkäuferlis spielen (dafür wurde der Spielplatz von meinen Töchtern liebend gern genutzt) stellt für mich kein vollwertiges Nachmittagsprogramm dar. In solchen Situationen kommt es durchaus vor, dass ich das Handy zücke und die Zeit nutze, um Mails zu beantworten oder mich durch die für mich relevanten Nachrichtenportale und Blogs zu lesen.

Vielleicht hat eine Mutter grade eine Stunde lang vorgelesen und eine halbe Stunde lang Velo fahren geübt mit dem Nachwuchs, oder ein Vater hat mit seinem Kind auf dem ganzen Weg zum Spielplatz Pferdchen gespielt - ist es ernsthaft lieblos, wenn diese Eltern dann von ihrem Kind erwarten, sich nun eine Zeit lang allein zu beschäftigen?

Andere Mütter oder Väter haben vielleicht eine furchtbar anstrengende Nacht hinter sich, sind todmüde und mit den Nerven am Ende. Oder ihre Kinder quengeln schon den ganzen Tag und sie brauchen dringend eine Pause. Dafür mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen und sich dort eine kurze Auszeit zu nehmen, scheint mir allemal besser, als sie vor dem TV zu parkieren (obwohl ich auch das nicht in jedem Fall verkehrt finde - aber das ist ein anderes Thema).

Und um nochmal auf das Thema „Unfallverhütung“ zu sprechen zu kommen: Ich stand schon direkt neben meiner Tochter, als sie plötzlich ausrutschte, die Treppe herunterfiel und sich böse Prellungen holte. Und ich habe eine andere Tochter angeschaut, während sie eine dumme Bewegung machte, sich den Kopf stiess und sich so ein Loch im Kopf zuzog. Selbst wenn wir permanent aufmerksam sind und unsere Kinder überwachen - nicht jeder Unfall lässt sich vermeiden. Das ist eine Tatsache, mit der wir leben müssen.




Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Verbringt durchaus hin und wieder zu viel Zeit am Handy - insbesondere seit sie diesen Blog mitverantwortet und deswegen viele andere Blogs und Internetseiten zu Familienthemen liest.

0 Kommentare



Passwort vergessen?






kommentieren

Bitte anmelden um Kommentare zu erfassen.