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Das Kreuz mit den Erziehungsratgebern

Noch nie war es einfacher, Informationen zu finden. Das gilt insbesondere auch für Erziehung. Im Bücherladen reiht sich Erziehungsratgeber an Erziehungsratgeber, im Kiosk liegen verschiedenste Magazine auf, die sich an Eltern richten, im Internet finden sich Erziehungsblogs, facebook-Gruppen, Online-Kurse… Für verunsicherte Eltern ist diese Fülle an Informationen Segen und Fluch zugleich. Wer Rat sucht, der findet ihn, klar. Nur sollte er dann schleunigst aufhören zu suchen. Denn sonst findet er garantiert bald einen Experten, der genau das Gegenteil propagiert.

Als Journalistin tappe ich viel zu oft in die „Informationsfalle“. Und habe längst gemerkt, dass Erziehungsratgeber mich hauptsächlich verunsichern. Denn ganz ehrlich, fast jedes Buch, dass ich bisher gelesen habe, hat mich zumindest teilweise überzeugt. Schliesslich argumentieren sie stets in sich schlüssig. Und doch können sie ja nicht alle recht haben, oder?

Da ist zum Beispiel der viel gepriesene dänische Erziehungsexperte Jesper Juul. Mit Büchern wie „Dein kompetentes Kind“ oder „Leitwölfe sein“ hat er schon Millionen von Lesern weitergeholfen. Er hat den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt, wonach Kinder bereits vollwertige Menschen seien, welche nicht erst geformt werden müssten: “Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv, weil sie die Kinder für ihre Nächsten zu Objekten macht.“

Kinder lernen gemäss Jesper Juul also hauptsächlich durch das Vorbild der Eltern. Dennoch sollen Eltern ihre Kinder führen - gleichzeitig aber ihre Grenzen respektieren. Juul plädiert zudem dafür, den Kindern Verantwortung zu übertragen und sie nicht sie Helikopter dauernd zu überwachen und  zu beschützen. Obwohl mir vieles einleuchtet, habe ich das Gefühl, wenn ich mich ganz nach Juul richte, dann bin ich permanent dabei, mich zu reflektieren, abzuwägen, meine Formulierungen zu überdenken. Irgendwie fehlt mir da dann die Authentizität (die der Autor eigentlich stark einfordert) - und so ein Alltag ist für mich vieles, nur sicher nicht entspannt.

Dann ist da der deutsche Bestseller-Autor Michael Winterhoff. Mit seinem Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, hat er vor bald 10 Jahren die Leser aufgerüttelt. Seine Aussagen stehen so ziemlich im Gegensatz zum Prinzip der Gleichwürdigkeit. Winterhoff beobachtet in seiner Praxis (er ist Kinderpsychiater) immer mehr Menschen, deren psychische Reife etwa auf dem Niveau eines Dreijährigen stagniere. Deswegen seinen sie nicht in der Lage, gesunde Beziehungen aufzubauen und sich angemessen zu verhalten.
Ursache für diese Entwicklungsrückstände sind dem Psychiater zufolge Beziehungsstörungen zwischen Erziehenden (seien dies nun Eltern, Lehrpersonen oder weitere Betreuungspersonen) und Kindern. Er fordert: „Kinder müssen wieder als Kinder gesehen werden. Heute sind wir dazu übergegangen, sie uns als kleine Erwachsene ebenbürtig zu machen und damit restlos zu überfordern.“

Bang! Zwei sich direkt widersprechende Konzepte. Beide leuchten mir ein. Aber sie können nicht beide stimmen. In seinem Buch schreibt Winterhoff, die Psyche des Menschen entwickle sich nicht von allein, sondern „zunächst einmal vor allem auch dadurch, dass die kindliche Psyche ein erwachsenes Gegenüber als Begrenzung der eigenen Individualität wahrnimmt. (…) Mit zunehmendem Alter wird es dann immer wichtiger, dass an die Stelle der Begrenzung das Vorbild tritt, Kinder also psychische Funktionen etwa bei ihren Eltern erkennen und diese durch ständiges Training bei sich selbst reifen lassen können.“

Würde man Juul und Winterhoff direkt miteinander konfrontieren, kämen die beiden vielleicht sogar auf einen gemeinsamen Nenner (einem Interview mit Juul entnehme ich, dass ein solches Treffen bisher nicht stattgefunden hat. Schade eigentlich). Vielleicht missverstehe ich ja auch da und dort etwas. Vielleicht gilt bei kleineren Kinder mehr Winterhoff (dessen Buch sich übrigens nicht als Erziehungsratgeber, sondern mehr als Situationsanalyse versteht), bei grösseren Kindern hat der Ansatz von Juul Berechtigung?

Keine Ahnung, ehrlich nicht. Und es gibt ja noch ganz viele weitere Theorien und Ansätze, manche gehen noch weiter als Juul und fordern, Kinder überhaupt nicht zu erziehen (jede „Regulation“ schade dem Vertrauensverhältnis zum Kind, das setzen von Grenzen sei ein Machtmissbrauch), andere haben ihre ganz eigenen „Tricks“ und Erkenntnisse. Manche Ansätze scheinen mir auch nur in einer Kleinfamilie praktizierbar und für eine Grossfamilie schlicht untauglich. (Wenn mir ein Kind bei einem Trotzanfall zu laut wird, soll ich selbst den Raum verlassen, beispielsweise während der Mahlzeiten? Und alle anderen Kinder leiden dann halt weiter unter dem störenden Kind, und erst noch ohne meine Unterstützung? Hm…)

Deswegen - je mehr ich lese, desto verunsicherter werde ich, desto mehr hinterfrage ich mich. Ein Problem, welches schwierig zu lösen ist. Einfach keine Ratgeber mehr lesen, keine Kurse besuchen? Und wohin wende ich mich dann, wenn konkrete Fragen auftauchen? Wie soll ich entscheiden, welchem Konzept ich Glauben schenke?

Manchmal denke ich, das Leben war einfacher, als sich noch alle einig waren, wie „erziehen geht“, und man noch nicht mal auf die Idee gekommen wäre, sich dazu Informationen zu beschaffen. Einfacher zumindest für uns Eltern. Für die Kinder allerdings… Wenn man manchen Theorien glaubt, dann muss das für die Kinder schlicht furchtbar gewesen sein.




Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Geht inzwischen im Bücherladen immer mit geschlossenen Augen am Regal mit Erziehungsratgebern vorbei. Nur blöd, dass die manchmal auch anderswo aufliegen...

Seid ihr auch hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Konzepten und Experten? Oder gibt es einen Ratgeber, der euch überzeugt?

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