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Mütter und ihre (Vor-)Urteile

Benehmen Kinder sich nicht der Norm entsprechend, gelten sie meist als schlecht erzogen - was bedeutet, dass die Eltern schuld sind. Insbesondere Mütter sind mit Urteilen übereinander schnell zur Hand und halten Probleme bei der Erziehung für hausgemacht. Auch blog27-Autorin Michelle Boss ertappt sich hin und wieder bei solchen Vorurteilen. Dabei hat sie die eigene Erfahrung doch eigentlich gelehrt: So einfach ist die Sache mit der Erziehung oft nicht…

Wenn es eine Sache gibt, die mich die Mutterschaft gelehrt hat, dann diese: Von Aussen ist es immer einfach, über andere zu urteilen - ist man selber betroffen, sieht Vieles ganz anders aus. Wir Mütter haben oft fixe Meinungen zu Erziehungs-Themen.

Das Kind mit Fertig-Babybrei füttern? Machen nur die Faulen. Mit Baby kuscheln, bis es einschläft, und das Kleinkind Nacht für Nacht ins eigene Bett lassen? Inkonsequent. Das Vorschulkind selbständig zum Kinderturnen laufen lassen? Verantwortungslos. Oder alles in umgekehrter Richtung…

Mit solchen Urteilen sind Mütter schnell zur Hand. Ich auch. Ganz ehrlich - in den vergangenen Jahren ertappte ich mich öfter dabei, wie mir solche Gedanken durch den Kopf schossen. Insbesondere, wenn andere mit Schwierigkeiten kämpften, wo ich die Sache im Griff zu haben meinte, schlichen sich oft überhebliche, abschätzige Gedanken ein.

So assen meine Maxis die ersten drei Jahre so ziemlich alles, was man ihnen vorsetzte. Und darauf war ich stolz! Schliesslich hatte ich alles richtig gemacht. Hatte jedes Gemüse, das ich finden konnte, irgendwann mal in den Brei geschmuggelt (von Aubergine über Fenchel bis hin zu Avocado - da liess ich glaubs wirklich nichts aus). Kochte so vielseitig und abwechslungsreich wie nur eben möglich (und sass in der Folge oft Abende lang vor dem Menuplan der nächsten Woche…). Liess die Kinder nicht zwischen den Mahlzeiten snacken - es gab die Hauptmahlzeiten, Znüni und Zvieri - und sonst keinen einzigen Cracker… Ging mit gutem Beispiel voran und zeigte bei jedem Essen Begeisterung (als fast-alles-Esserin fiel mir das auch nicht allzu schwer). In der Tat, auf meine Essens-Erziehung bildete ich mir was ein. Und dann - wie aus dem Nichts - ass Maxi 1 kaum noch Früchte, mochte nichts mehr mit Kruste oder mit „schludriger“ Konsistenz. Noch schlimmer Maxi 2 - die ass ein paar Monate lang fast gar nichts mehr, ausser Brot und Früchten. („Nein Mami, ich mag keine Nüdeli! Nur Penne und Spaghetti!“) Da half dann keine Erziehung, keine Strategie mehr.

Als dann Midi und später Mini zur Welt kamen, ertappte ich mich immer öfter dabei, wie ich ein quengeliges Kleinkind mit Essen ruhig stellte… Ein Apfelschnitz da, ein Darvida dort…
Und auch meine Menupläne sind längst nicht mehr so ausgefeilt wie früher. Ein heikler Esser ist die Schuld der Eltern? Nie mehr würde ich so eine Behauptung aufstellen!

Ich könnte weitere Beispiele aufzählen, wie ich davon ausging, das mir genehme Verhalten meiner Kids sei mein eigener Verdienst. Und plötzlich merkte - so einfach ist die Sache nicht. Was bei drei Kindern funktioniert, führt beim vierten überhaupt nicht zum Ziel… Und ein Verhalten, welches ich bei zweien nur mit grösster Mühe und Not etablieren konnte, kam bei zwei anderen von ganz alleine.

Wenn wir ehrlich sind zu uns selber, machen wir Mütter vermutlich alle ganz ähnliche Erfahrungen. Wer nicht grade ausschliesslich super-pflegeleichte Musterkinder hat, der wird im Laufe des Erziehungsalltags doch automatisch etwas demütiger. Wir können unsere Kinder nicht einfach steuern wie ein Auto. Sie sind, wie sie sind! Das entbindet uns nicht von unserer Aufgabe, sie zu erziehen, aber Erziehung funktioniert nun mal nicht so, dass man „en Stutz“ einwirft und ein perfektes Kind herauskommt…

Warum also, frage ich mich, kommen trotzdem immer wieder Vorurteile hoch, wenn andere Eltern von ihren Kämpfen und Problemen berichten? Warum glauben ich, die Lösung für ihre Probleme parat zu haben? Warum halte ich die Probleme anderer Eltern so oft für hausgemacht, während ich mich meinen eigenen Kämpfen hilflos ausgeliefert fühle?

Ich würde mir vermehrt echtes Verständnis füreinander wünschen. Dass es uns gelingt, einander einfach mal zuzuhören, unsere Sorgen gegenseitig ernst zu nehmen, und keine vorschnellen Urteile zu fällen. Die Einstellung von anderen Müttern kann ich dabei kaum beeinflussen - aber an meiner eigenen Haltung möchte ich arbeiten!





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Ist schon gespannt, auf welches ihr bisher noch nicht bekannte Erziehungsproblem sie wohl als Nächstes stossen wird...

Ertappt ihr euch auch hin und wieder bei solchen (Vor-)Urteilen? Oder habt ihr euch schon darüber geärgert, wie andere Mütter meinten, zu wissen, was ihr anders machen solltet?

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