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3 Jahre Bistro gate27

Seit 3 Jahren gibt es das Bistro gate27, einen Arbeitszweig des Vereins Stägetritt. Der Betriebsleiter Nikos Kapelis berichtet im Interview von der turbulenten Anfangsphase, über die spannende Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden aus der Arbeitsintegration und weshalb er nach 3 Jahren in vielerlei Hinsicht bereits am Ziel seiner Träume ist.


Nikos Kapelis, du bist Fotograf - wieso hast du vor 3 Jahren die Stelle als Betriebsleiter des Bistro gate27 übernommen?


Ich habe schon vor dem Fotografiestudium in der Gastronomie gearbeitet, habe mir teilweise auch so mein Studium finanziert. Insgesamt arbeite ich schon etwa 15 Jahre in der Gastronomie, und es hat mir immer Spass gemacht. Allerdings wurde ich vor ein paar Jahren immer erfolgreicher als Fotograf, und es war schwierig, die vielen Aufträge, meine Familie (ich habe zwei Jungs im Alter von 8 und 10 Jahren) und den Nebenjob in der Gastronomie miteinander zu verbinden, und ich hatte mich gerade entschieden, voll auf die Fotografie zu setzen.
Dann kam die Anfrage für das Bistro, und diese Herausforderung hat mich gleich gereizt. Etwas Neues aufzubauen schien mir spannend, und ich fand es auch schön, dass das Bistro letztlich sozusagen das Schaufenster ist für die FEG Winterthur, die mir sehr am Herzen liegt. Also habe ich all meine Pläne über den Haufen geworfen, die Fotografie sehr stark zurückgeschraubt und voll auf meine Zukunft mit dem Bistro gesetzt.

Wie war die Anfangsphase?

Die Pionierphase war spannend. Wir konnten sehr vieles prägen, konnten den Raum gestalten - aber natürlich war das alles auch ein gewisses Risiko. Wir wussten nicht genau, wie viele und welche Gäste wir haben würden. Wir hatten zwar ein Konzept, wussten aber im Voraus nicht genau, ob das so funktioniert. So haben wir auch hin und wieder Dinge ausprobiert - manche haben funktioniert und wir haben sie beibehalten, andere gingen nicht so auf, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Die Aufstellung der Crew mit verschiedenen Arten von Mitarbeitenden war neu für mich. In meinem Team habe ich Freiwillige, feste Angestellte und Leute aus Arbeitsintegrations-Programmen. Es brauchte Zeit, um in diese Zusammenarbeit hineinzuwachsen.

Du hast grade die vielen verschiedenen Leute angesprochen, mit denen du zusammenarbeitest. Das ist bestimmt ziemlich aufwändig, oder?

Es gehört zur Gastronomie-Branche, dass Mitarbeitende kommen und gehen. Aber grade im Bereich der Arbeitsintegration ist das intensiv. Man weiss nie genau, wie lange die Teilnehmenden mitarbeiten können oder wollen - vieles ist unvorhersehbar. Wenn man jemanden einarbeitet und ins Herz schliesst, hofft man jedes Mal wieder, dass sie einem eine Zeit lang erhalten bleiben. Es gibt immer wieder Unvorhergesehenes, das Mitarbeitende aus den verschiedensten Gründen von einem Moment auf den anderen ausfallen. Dann muss man improvisieren und schnell eine Lösung finden, damit der Betrieb trotzdem aufrecht erhalten werden kann. An diese Arbeitsweise musste ich mich erst gewöhnen.

Heute erlebe ich das als eine wirklich schöne Herausforderung. Ich bin nicht der Typ, der hart mit seinen Mitarbeitenden umgeht, habe eine ruhige Art zu führen. Bei den Leuten aus der Arbeitsintegration braucht es ein gewisses Fingerspitzengefühl. Nicht jeder ist gleich belastbar. Ich versuche, die Leute zu motivieren, ihre Stärken auszubauen. Diese Art, mit Menschen zu arbeiten, finde ich extrem spannend.
Von Aussen betrachtet ist es schwer zu merken, wer angestellt ist, wer aus der Arbeitsintegration kommt und wer freiwillig mitarbeitet. Das war mein Ziel, und ich freue mich sehr, dass ich das erreicht habe. Ich bin auch ein Stück weit stolz auf diese Aufgabe. Und wenn etwas Positives passiert bei den Leuten, mit denen ich arbeite, dann freue ich mich riesig!

Schreibt ihr eigentlich schwarze Zahlen?

Das erste Jahr war schwierig, wir sind aber sehr schnell auf Kurs gekommen. Normalerweise sagt man, ein Gastronomiebetrieb braucht etwa 3 bis 4 Jahre, bis er keine Defizite mehr macht. Wir haben das schon im zweiten Jahr geschafft. Das freut mich natürlich riesig. Das wir so schnell erfolgreich waren,  haben wir vielen, kleinen Optimierungsmassnahmen sowie der Anstrengung von sehr vielen Leuten zu verdanken.
Ich würde hier gerne auch insbesondere unsere freiwilligen Mitarbeitenden erwähnen. Wir haben vor 3 Jahren mit einem Team von knapp 10 Leuten gestartet, und sie sind alle immer noch mit dabei. Diese Leute setzen ihre Freizeit ein, teilweise arbeiten sie, kommen über Mittag bei uns arbeiten und gehen dann zurück zu ihrer „normalen“ Arbeitsstelle. Einfach nur, weil sie überzeugt sind vom Konzept des Bistro und es unterstützen wollen. Und immer sind sie motiviert, professionell und gut gelaunt. Das ist alles andere als selbstverständlich! In diesen 3 Jahren ist auch eine grosse Freundschaft mit all diesen Mitarbeitenden gewachsen, ich schätze das extrem.

Auch wenn all die erwähnten Massnahmen und das grosse Engagement so vieler Leute sicher viel zum Erfolg beigetragen haben, gab es auch Vieles, was wir nicht in der Hand hatten. In erster Linie ist unser Erfolg für mich deswegen auch ein Wunder, ein Geschenk von Gott.

Welche Gäste besuchen das Bistro gate27?

Ganz andere Leute, als wir gedacht hatten. Da wir so nah an der Fachhochschule ZHaW sind hatten wir vor allem mit Studenten gerechnet. Stattdessen kamen die Dozenten, Mitarbeitende aus all den Institutionen um uns herum wie Polizei, Bezirksgericht, Staatsanwaltschaft, Architekturbüros, Fremdsprachenschule… Wir haben wirklich tolle Gäste. Viele von ihnen sind zu Stammkunden geworden. Was mich extrem freut, ist dass ich viele von Ihnen in diesen drei Jahren näher kennenlernen durfte. Ich liebe Menschen und verbringe gerne Zeit mit ihnen. Deswegen war es auch mein Ziel, als Betriebsleiter des Bistros Kontakte mit Menschen pflegen zu können, auch persönlichere Kontakte. Dieses Ziel habe ich inzwischen erreicht.
Ein Highlight für mich ist es, wenn ein Stammkunde plötzlich nicht mehr nur mit Arbeitskollegen zu uns kommt, sondern auch mit seiner Frau, seiner Familie. Das freut mich immer extrem.
Im letzten Jahr haben wir ja neu auch den Bankett-Betrieb aufgebaut, und auch in diesem Bereich haben wir schon viele Stammkunden.

Gab es weitere Highlights in den vergangenen drei Jahren?

Es gab ein paar Situationen, in denen Gäste sich näher für Gott interessierten. Beispielsweise kamen schon Leute aus dem nahen Kantonsspital, um bei uns bei einer Tasse Kaffee kurz durchzuatmen, oder Menschen in tiefen Lebenskrisen suchten das Gespräch über Gott. Da haben wir uns gerne bereit erklärt, mit diesen Menschen in der Bibel zu lesen oder zu beten. Deswegen liegt inzwischen auch immer eine Bibel auf im Bistro.
Wir können im Bistro Vorurteile abbauen gegenüber Christen und unserer Kirche, und ihnen zeigen das wir nicht „böse“ sind. Ich bin kein Typ, der offensiv mit seinem Glauben an die Öffentlichkeit geht. Aber es gefällt mir, einfach mit meiner Art den Leuten zu zeigen, wir sind ganz normale Leute, aber wir haben eine Orientierung und etwas, das uns Halt gibt. Gleichzeitig wollen wir den Menschen dienen. Jesus war schliesslich der grösste Diener überhaupt, und das wollen wir auch.
Das Bistro soll quasi der Spiegel der FEG Winterthur sein. Es gibt den Leuten auch eine Anlaufstelle, wenn sie Interesse am Glauben haben. Viele haben Fragen, wissen aber nicht, wohin sie sich wenden sollen. Sie trauen sich nicht so recht in die Kirche, kommen aber gerne mal ins Bistro. Und wenn es ihnen bei uns wohl ist, dann wagen sie manchmal den nächsten Schritt, vielleicht in die 24-Stunden-Kapelle oder auch mal in einen Gottesdienst. Das sind für mich echte Highlights!

Hast du noch Träume für das Bistro?

Hauptsächlich wünsche ich mir noch mehr solche Highlights, wie ich sie eben beschrieben habe. Dass das Bistro ein gutes Schaufenster für die FEG Winterthur sein kann, dass Gäste im Bistro Vorurteile, vielleicht auch Ängste im Bezug auf den christlichen Glauben und die Kirche abbauen können, sich wohl fühlen bei uns, und wenn sie dann mal Fragen haben, genug Vertrauen haben um auf uns zuzukommen.
Vom Auftragsvolumen sind wir eigentlich bereits an unserem Ziel angelangt. Unser Wunsch ist es, auch weiterhin eine hohe Qualität gewährleisten und den persönlichen Kontakt pflegen können.


Das Bistro gate27 ist Montags bis Freitags von 9:00 - 17:00 Uhr sowie Sonntags von 11:15 - 13:30 Uhr geöffnet. Weitere Informationen und den jeweils aktuellen Menuplan gibt's unter www.bistrogate27.ch




Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Kann sich an einige Gespräche erinnern, die sie in den vergangenen 3 Jahren im Bistro gate27 geführt hat - und die sie zu einigen der besten persönlichen Entscheidungen der letzten Jahre motiviert haben.

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