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Kinder mit Burnout - Eltern leben es vor

Wenn Eltern ihren Kindern versichern, Leistungen und Erfolg seien nicht das Wichtigste, zugleich aber selbst vor lauter Arbeit kaum je Zeit für sich finden, ist das eine höchst widersprüchliche Botschaft.
Warum es sich lohnt, sich Gedanken zu machen über die eigene Work-Life-Balance.


In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Fritz&Fränzi“ findet sich ein Artikel über Kinder mit Burnout. Ein Thema, welches seit einiger Zeit öfters diskutiert wird. Der Artikel begibt sich auf umfassende Spurensuche und gibt keine einfachen Antworten. Einen Aspekt fand ich allerdings besonders spannend: Welche Rolle das Vorbild der Eltern spielt.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort berichtet darin, oft seien Kinder widersprüchlichen Botschaften ausgesetzt. «Hauptsache, du bist glücklich», heisse es, oder «Schulnoten sind nicht alles». Nicht selten kämen die gut gemeinten Beruhigungsversuche von Eltern, die selber ein hohes Tempo an den Tag legten, sich über «faule»Arbeitslose beschwerten, unter Zeitmangel litten. «Wir leben Kindern vor, dass Erfolg meist eine zweifelhafte Work-Life-Balance nach sich zieht», wird Schulte-Markwort zitiert. «Väter werden zu Wochenend- Papas, und Mütter haben kaum noch Zeit für sich selbst. Kinder haben ein feines Gespür für Werte und dafür, was uns diese tatsächlich wert sind.»
(Den ganzen Artikel findet ihr auf der Website von Fritz&Fränzi unter dem Titel "Wenn alles zu viel wird". Es lohnt sich, ihn in seiner ganzen Länge zu lesen!)

In Zusammenhang mit Burnout bei Kindern wird oft auf die Rolle der Eltern hingewiesen - meist aber mehr dahingehend, dass Eltern ihre Kinder unter Druck setzen und hohe Leistungen von ihnen erwarten.

Hier findet sich nun ein ganz anderer Ansatz. Was leben wir unseren Kindern vor? Was vermittelt es unseren Kindern, wenn wir viele Überstunden leisten, oft erst spät nach Hause kommen und in Kauf nehmen, nur wenig Zeit mit unseren Kindern verbringen zu können, um uns damit einen gewissen Lebensstandard zu sichern? Welche Schlüsse ziehen sie daraus, wenn wir zusätzliche Hobbys in unseren eh schon engen Terminkalender quetschen, uns freiwillig engagieren, beim Elternmorgen den Besucherkafi organisieren, Nachbarskinder hüten und darüber hinaus ein perfekt ordentliches Haus und einen tiptop gestylten Garten oder Balkon vorweisen können - deswegen aber vor lauter Erschöpfung oft kaum mehr Energie aufbringen können, um die Beziehung zu unseren Kindern zu pflegen? Wenn wir nicht in der Lage sind, uns einfach mal eine halbe Stunde gemütlich aufs Sofa zu setzen, weil wir doch so viel zu tun haben?

Unser Vorbild hat einen grossen Einfluss auf unsere Kinder, das bestreitet ja niemand. Nur erstreckt sich dieses Vorbild halt nicht nur auf Essgewohnheiten oder Höflichkeit, sondern eben auch auf Dinge wie die Work-Life-Balance.

Es tut mir gut, wieder mal daran erinnert zu werden. Und es ermutigt mich, mich einmal mehr mit meinen Werten auseinanderzusetzen. Was ist es mir wert, meinen Kindern zu vermitteln, dass Leistung nicht das Wichtigste ist? Welchen Stellenwert soll frei verfügbare Zeit in meiner Familie haben (das betrifft auch die Hobbys meiner Kinder!)? Muss ich öfters „Nein“ sagen, für mehr Freiräume sorgen?

Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mit meinem Vorbild darauf hinzuwirken, dass meine Töchter einmal in der Lage sein werden, ihre Kräfte gut einzuteilen und auf sich Acht zu geben, so dass sie nicht in ein Burnout geraten.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet die Sache mit dem "Nein-Sagen" echt herausfordernd...

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