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Als Mutter den Job verfehlt?

Wer nur ungern haushaltet, bastelt, vorliest oder mit Kindern spielt, hat es als Mutter oft nicht leicht. Schliesslich besteht der Alltag zumindest mit kleineren Kindern zum grossen Teil aus genau diesen Tätigkeiten…

Kürzlich habe ich nur so aus Spass mal versucht, einen Stellenbeschrieb für Mütter zusammenzustellen. Folgendes kam dabei heraus:

Aufgaben
- tägliches Kochen gesunder und vielseitiger Mahlzeiten, die dem Geschmack verschiedener Kinder entsprechen
- regelmässiges Putzen, Wäsche waschen, Bügeln, sehr häufiges Aufräumen
- regelmässig neue Bastelprojekte für Kinder kreieren oder recherchieren und anschliessend durchführen
- dem Alter der Kinder entsprechende, vielseitige Aktivitäten planen und durchführen, dabei auf genügend Bewegung und frische Luft achten.
- Lösungen erarbeiten, die den Bedürfnissen (u.a. moralische Unterstützung, Sicherheit, Hilfe, Wachstum, Wissen, Wohlbefinden, Struktur,  Konstanz, Disziplin, Bestätigung, Beweglichkeit, Ruhe) aller Kinder gerecht werden
- Bearbeiten einer Grosszahl von Projekten, Lieferungen, Forderungen, Beschwerden, Kritik und besonderer Bestellungen von Kindern und aussenstehenden Personen wie Lehrpersonen, Freunde der Kinder, Nachbarn
- medizinische Pflege kranker Kinder
- Planung und Koordination der verschiedenster Aktivitäten aller Familienmitglieder (inkl. rechtzeitiges Organisieren aller benötigter Materialen), Transport organisieren.
- Hilfe bei Hausaufgaben aller Schwierigkeitsgrade

Anforderungen
- sehr hohe Belastbarkeit, Fähigkeit trotz wenig Schlaf viel zu leisten, körperliche Fitness
- Bereitschaft zu 100-Stunden-Wochen und Verzicht auf Pausen
- Kreativität, Flexibilität, Ausdauer
- Talent zum Krisenmanagement und zur Improvisation
- Geduld und die Fähigkeit, nichts persönlich zu nehmen
- gute Organisation, Fähigkeit zu vorausschauender Planung
- gute psychologische/pädagogische Kenntnisse und/oder die Bereitschaft, sich regelmässig weiterzubilden, gute medizinische Kenntnisse
- Naturverbundenheit, Freude an Outdoor-Aktivitäten, Spass an Bewegung
- Freude an Bastelarbeiten
- Unternehmungslustigkeit
- Keine Scheu vor Konflikten
- Freude am Umgang mit Kindern aller Altersstufen

Wenn ich ehrlich bin - für einen solchen Job hätte ich mich niemals beworben! Und wenn, dann hätte ich ihn garantiert nicht bekommen. Ich bin kein besonders häuslicher Typ, habe es nie gemocht, zu haushalten. Zum einen bin ich echt chaotisch, zum anderen in diesem Bereich wohl auch einfach faul. Ich fand es schon immer schwer, mich zum Aufräumen und Putzen zu motivieren. Mir gefallen schön dekorierte Wohnungen und Häuser - aber ich habe schlicht kein Händchen dafür. Als Hausfrau bin ich also eigentlich nicht sonderlich geeignet, lediglich das Kochen liegt mir.

Ich bin ein Kopfmensch, bin zielstrebig und strukturiert, arbeite am besten unter Zeitdruck und mag es, unter Hochdruck an einem Projekt zu arbeiten, welches dann auch irgendwann abgeschlossen ist. Im Alltag mit Kindern eher hinderliche Neigungen und Eigenschaften - viel eher gefragt wäre beispielsweise die Fähigkeit, sich treiben zu lassen, einen Zustand einfach auszuhalten (und vielleicht sogar geniessen zu können), ohne gleich eine Änderung anzustreben, und auch ohne Druck von Aussen genug Motivation für Leistungen aufzubringen (wir Mütter setzen uns zwar oft selbst unter Druck, aber kein Mensch zwingt uns dazu, genau heute mal wieder die Fenster zu putzen oder den Keller auszumisten).

Ich habe es schon immer gehasst, zu basteln, Handarbeit war mit Abstand mein schwächstes Schulfach. Ich bin auch nicht besonders sportlich. Meine Sportart war immer das Reiten - damit habe ich aber aus verschiedenen Gründen aufgehört, bevor ich Kinder hatte. Ballsportarten liegen mir gar nicht, Inline Skates bin ich zuletzt als Teenager gefahren, Schlittschuh gelaufen bin ich erst dreimal in meinem Leben. Gesellschaftsspiele spiele ich nur unter Zwang oder Gruppendruck. Und auch Rollenspiele mit meinen Kindern spiele ich eher ungern. Am schlimmsten aber im Bezug auf meine Eignung als Mutter: Ich war nie ein grosser Kinder-Fan. Sie haben mich auch nie gestört, nur halt nicht interessiert. Teenager lagen mir als junge Erwachsene viel eher. So bedeutete es auch als Mutter Jahre lang Stress pur für mich, auf fremde Kinder aufzupassen.

Das klingt jetzt alles sehr negativ. Ich halte mich dennoch nicht für eine schlechte Mutter, wirklich nicht. Und ich bin gerne Mutter - sonst hätte ich ja auch kaum vier Kinder. Selbstverständlich habe ich auch meine Stärken als Mutter. Ich bin sehr belastbar und komme auch mit wenig Schlaf aus, rede ausgesprochen gerne und viel mit meinen Töchtern und halte mich auch für eine gute Zuhörerin, bin feinfühlig, dabei aber gar nicht ängstlich. Ausserdem bin ich eine gute und ausdauernde Vorleserin und baue mit meinen Töchtern gerne auch komplizierte LEGO-Konstruktionen. Vor allem aber liebe ich meine Töchter von Herzen, gebe mein Bestes um ihnen eine glückliche, geborgene Kindheit zu schenken und sie gleichzeitig auszurüsten für das Leben, das auf sie zukommt, reflektiere mich selber und meine Erziehungsmethoden immer wieder.

Aber es fiel mir zu Beginn nicht leicht, in meine Rolle als Mutter hineinzufinden. An Vieles habe ich mich mit den Jahren gewöhnt - so stört es mich heute überhaupt nicht mehr, fremde Kinder zu beaufsichtigen (Tagesmutter werde ich dennoch kaum je werden), ich halte das Haus gut in Schuss (wenn auch nach wie vor oft das Chaos regiert), habe schon Vieles mit meinen Töchtern gebastelt und ihnen sogar schon Loop-Schals und Mützen genäht. Ich habe mich mit dem ganz anderen Arbeitsrhythmus als Mutter arrangiert, habe Wege gefunden um mich selbst zu motivieren, kann mich aber auch einfach mal treiben lassen. Ich verbringe ausgesprochen gerne Zeit mit meinen Töchtern. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, in einem hohen Pensum arbeiten zu gehen und nicht mehr so hautnah dran zu sein am Alltag meiner Mädchen.

Und dennoch bleibe ich dabei: In seiner Ganzheit entspricht der Job einer Mutter zumindest kleiner Kinder nicht so ganz meinen Fähigkeiten und Neigungen.
Damit bin ich nicht allein. Ganz und gar nicht. Und es gibt für dieses Problem wohl keine einfache Lösung. Vielleicht werde ich in der Teenagerphase dafür Vorteile haben gegenüber Müttern, die ihre Stärken eher dort haben, wo ich meine Defizite habe - und umgekehrt.

Zumindest arbeitet die Zeit da klar für mich. Schon jetzt merke ich, wie sich manche Probleme von alleine lösen. Bei meinen Grossen beschränkt sich meine Aufgabe bei Bastelarbeiten inzwischen meist auf das Auftreiben der Materialen. Der Alltag ist mit Schule und Hobbys der Kinder bereits wesentlich durchgetakteter und strukturierter als auch schon - und noch sind Midi und Mini nicht mal im Kindergarten.

Die Lösung läge also vielleicht einfach nur darin, mich auf das Positive zu fokussieren, die vielen wundervollen Momente mit meinen Kinder zu geniessen - und die schwierigen Momente auszuhalten, mir dort Unterstützung zu suchen wo ich meine „Chnörz“ habe (vielleicht gerade von Müttern, die genau da ihre Stärken haben und die ich umgekehrt mit meinen Stärken unterstützen kann). Insbesondere aber versuche ich mich immer wieder daran zu erinnern: In keinem Job der Welt wäre ich Tag für Tag, Stunde für Stunde nur überglücklich. Unangenehme Aufgaben gehören zum Leben einfach dazu, und viele Millionen von Menschen arbeiten in einem Job, der weit entfernt ist von ihrem Traumjob. Was auf den Job der Mutter für mich dann doch nicht zutrifft. Denn der Kern meiner Aufgabe - meine Kinder zu begleiten auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben - ist schlicht wundervoll.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Findet nach wie vor dass die Entscheidung, Mutter zu werden, trotz aller unangenehmer Aufgaben eine der besten Entscheidungen ihres Lebens war.

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