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Krieg und Terror - Wie umgehen mit traumatisierten Kindern? (4/4)

Terrorattentate, Krieg – unsere Kinder werden dieser Tage immer wieder mit erschreckenden Meldungen konfrontiert. Sie davor zu beschützen ist kaum möglich – und wohl auch nicht sinnvoll.
Wie aber helfen wir ihnen beim Verarbeiten solcher Nachrichten? In einer vierteiligen Serie gibt der Psychotherapeut Didier Kramer Anregungen dazu.
Im vierten Teil: Vor weitere Herausforderungen werden wir gestellt, wenn unsere Kinder sich mit traumatisierten Kindern anfreunden und diese mit nach Hause bringen. Wie geht man mit ihnen um?

Was macht ein Wolf, wenn er sich bedroht fühlt? Er kämpft. Was macht ein Hase, wenn er sich bedroht fühlt? Er flüchtet. Was macht ein Käfer, wenn er sich bedroht fühlt? Er stellt sich tot.

Bei Gefahr reagieren wir Menschen sehr ähnlich. Solange wir uns wehren können, kämpfen wir, sonst flüchten wir. Ist beides nicht mehr möglich, erstarren wir.

Im Notfall sind diese Reaktionen sinnvoll und retten unser Leben. Doch es kommt vor, dass wir auch Tage, Wochen oder gar Jahre später – wenn wir gar nicht mehr bedroht sind – immer noch mit Kampf, Flucht oder Erstarren reagieren.

Sajid ist 12 Jahre alt und kam vor acht Monaten als Flüchtling alleine in der Schweiz an. Seine Eltern leben nach wie vor in Afghanistan. Auf der Flucht wurde er von Männern geschlagen. Einer dieser Männer hatte einen Schnauz. Als Sajid auf dem Boden lag und versuchte, sich mit angezogenen Beinen vor den Schlägen zu schützen, schrien die Männer ihn mit lauten Stimmen an.

Heute bekommt Sajid immer wieder starkes Herzklopfen und zittrige Beine und er wird wütend. Erst nach und nach versteht er, dass diese Reaktionen sehr ähnlich sind, wie damals auf der Flucht. Und noch viel später entdeckt er, dass ein Schnauz, ein böser Blick oder laute Stimmen diese Reaktionen bei ihm auslösen können. Einmal war seine Reaktion besonders heftig und er verlor völlig die Kontrolle über sich, als er sich beim Versteckspielen am Boden zusammen kauerte.
 
Dinge, die die Macht besitzen, gefühlsmässige Erinnerungen mit Körperreaktionen, wie Herzklopfen, Schwitzen oder zittrigen Beinen in uns zu wecken, nennt man Trigger (dt: Auslöser). Trigger sind den Betroffenen nicht immer bewusst und sie stehen auch nicht immer in klar erkennbarem Zusammenhang mit der ursprünglichen Bedrohung. Aber sie lösen in unterschiedlicher Intensität immer das Notfallprogramm mit Kampf, Flucht oder Erstarren oder einer Mischung davon aus.

Wer viel Gewalt durch andere Menschen erfahren hat, wird zudem misstrauisch. Auch gut gemeinte Gesten und Angebote können als Bedrohung wahrgenommen werden. Dies geschieht nicht selten laut oder gar aggressiv (Flucht), aber auch mit Rückzug (Flucht und Erstarren).
Sebastian lädt Sajid, den neuen Flüchtlingsjungen aus der Schulklasse, zu sich nach Hause ein. Zunächst läuft alles gut und die Kinder spielen friedlich miteinander. Plötzlich jedoch beginnt Sajid zu schreien und schlägt auf Sebastian ein. Der Vater von Sebastian schreitet selbstverständlich sofort ein und erhebt seine Stimme, um Sajids Schreien zu übertönen. Dabei schaut er ernst und versucht die beiden Knaben zu trennen. Sajid wird nun noch wütender und schlägt auch auf Sebastians Vater ein.
 
Wie sollen Sebastians Eltern in dieser Situation reagieren? Wiederholt sich eine solche Szene, will Sebastian sicherlich bald nicht mehr mit Sajid spielen. Sebastians Entscheidung wäre seinen Eltern wahrscheinlich auch recht. Aber genau das hilft Sajid nicht. Er braucht Sebastian und seine Eltern als Freunde.

Zuerst hilft es uns Eltern, uns vor Augen zu führen, dass diese Reaktionen sinnvolle Überlebensstrategien waren. Immerhin hat Sajid es damit alleine bis in die Schweiz geschafft. Wer von uns kann so etwas von sich behaupten? Dieses Verhalten geschieht weder absichtlich, noch böswillig.
 
Sobald ein Trigger das Notfallprogramm auslöst, kann Sajid nicht mehr zwischen Vergangenheit (als er wirklich bedroht wurde) und Gegenwart (wo er in Sicherheit ist) unterscheiden. Deshalb müssen Sebastians Eltern Sajid daran erinnern, wo er ist: „Sajid, du bist in Sicherheit. Sebastian ist dein Freund aus der Klasse.“ Damit Sajid das glaubt, muss er merken wo er ist: „Sajid, siehst du die grünen Vorhänge dort? Schau, die roten Blumen auf dem Tisch“. Es geht also um Orientierung im Hier und Jetzt. Ungünstig ist, Augenkontakt zu erzwingen, da dies bedrohlich wirkt.
Wir sind es uns gewohnt, falsches Verhalten zu bestrafen. Bei traumatisierten Kindern dürfen wir dies allerdings nicht tun. Sebastians Vater kann sich überlegen, wie Sajid die Situation wieder gut machen kann, ohne dass er dabei gedemütigt wird. Der Fokus der Wiedergutmachung liegt dabei auf der Beziehung der beiden Knaben. Vielleicht mit einer Zeichnung als Entschuldigung für Sebastian. Vielleicht bäckt Sebastians Vater mit Sajid einen Kuchen zur Versöhnung.

Sajid sollte nicht aus dem Zimmer geschickt werden. Dies würde seine Erwartung von dem, was er schon so oft erlebt hat, erfüllen: Die Beziehung zu ihm wird erneut abgebrochen. Wenn es nötig wird, dass Sajid aus einem Konflikt weggebracht wird, dann sollte er unbedingt begleitet und nicht alleine gelassen werden. Auch dann sollte Sajid Orientierung gegeben werden: „Komm mal mit. Wir gehen da rüber, damit du dich etwas beruhigen kannst. Dann besprechen wir, was gerade passiert ist.“

Eine tragfähige Beziehung hat für traumatisierte Menschen das stärkste Heilungspotential. Dies ist jedoch eine grosse Herausforderung und braucht einen langen Schnauf. Denn immer wieder wird gerade diese heilende Beziehung angegriffen. Ganz im Sinne von: „Lieber ich greife dich an, bevor du mich angreifst (denn das kenne ich nur zu gut)“.
 
Hier nochmals das Wichtigste für den Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen im Alltag:

- Bei Bedrohung reagieren wir Menschen ähnlich wie Tiere mit Flucht, Kampf oder Erstarren.
- Selbst wenn die Gefahr gebannt ist, können so genannte Trigger (dt: Auslöser) an die vergangene Bedrohung erinnern. Dann wird das Notfallprogramm automatisch reaktiviert und Betroffene reagieren in unterschiedlicher Stärke mit Kampf, Flucht oder Erstarren (oder einer Mischung davon).
- Zum Notfallprogramm kommt häufig ein starkes Misstrauen dazu, selbst wenn Gesten und Angebote gut gemeint sind.
- Das Notfallprogramm läuft weder absichtlich noch in böser Absicht ab.
- Ist das Notfallprogramm aktiviert, hilft
(1) Orientierung im Hier und Jetzt und
(2) in der Beziehung zu bleiben.
- Statt Bestrafung sollte eine Geste der Wiedergutmachung ermöglicht werden mit dem Fokus auf die Beziehung und ohne jemanden zu demütigen.
- Beziehung leben ist für traumatisierte Menschen sehr heilend. Jedoch werden gerade diese Beziehungen aufgrund von grossem Misstrauen immer wieder angegriffen. Das braucht einen langen Atem.



Didier Kramer, Dr. phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. Arbeit in einem kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulatorium. Verheiratet und Vater von zwei wunderbaren, noch immer recht kleinen Mädchen.

In den ersten drei Teilen dieser Serie motivierte Didier Kramer Eltern dazu, sich erst über ihren eigenen Umgang mit Angst und Schrecken klar zu werden, führt aus, weshalb es seiner Ansicht nach wichtig ist, mit Kindern auch über solche Themen zu reden, und gibt Tipps, wie man das am besten macht.

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