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Kranke Kinder - Mami am Anschlag

Sind mehrere Kinder gleichzeitig krank, befinden sich Mütter in Extremsituationen. Insbesondere, wenn sie auch noch selber vom gleichen „Chäfer“ geplagt werden. Oft wären dann schon kleine Hilfestellungen eine riesige Erleichterung.
Nur: Sind wir auch bereit, Hilfe anzunehmen?


Noch im November schrieb ich auf diesem Blog darüber, weshalb ich eine Angina als willkommene Pause betrachtete. Das gilt nicht für jede Erkrankung, im Fall. Hätte ich der Grippe vielleicht besser im Voraus schon ausgerichtet…

Sie überfiel mich vor zwei Wochen mit voller Wucht - und gänzlich ohne Gefühl für gutes Timing. Das erste Elterngespräch von Maxi2 stand an (kann man auch mit 39,5 Grad Fieber absolvieren… hab ich für euch getestet!), ein strenges Wochenende mit Proben für die grosse Ballettaufführung von Midi, Maxi1 und Maxi2, ein Interview für diesen Blog… Das war der Grippe alles wurscht.

Und noch schlimmer, sie war unbarmherzig genug, sich auf sämtliche nicht geimpften Familienmitglieder zu stürzen. Wir fielen wie die Dominosteine, und nach ein paar Tagen waren alle vier Kinder krank. Mami auch - theoretisch. Praktisch war Mami dennoch diejenige, die Kinder bei Lehrern, Schulweggefährten und Hobbys abmeldete, Medizin im Akkord verabreichte, Tees aufbrühte und zum grössten Teil wieder wegschüttete, vernünftiges Essen kochte das dann kaum gegessen wurde, CDs einlegte, improvisierte Massenlager auf dem Wohnzimmerboden organisierte (wie sonst sollte man vier kranke Kinder auf nur einem Sofa unterbringen?), Taschentücher verteilte (und viel zu oft von den unmöglichsten Orten aufpickte und entsorgte), Fieber mass (und dem Impuls widerstand, das Thermometer gegen die Wand zu schmeissen), Hustenbonbons aus dem Papier pulte, nächtliche Hustenattacken abwehrte, die Folgen von von selbigen ausgelöstem nächtlichen Erbrechen beseitigte und Patienten bei Schmerzen, Langeweile und Trauer tröstete („Ich vermisse meine beste Freundin soooo fest!“ - „Das ist gemein, vor zwei Jahren hab ich den Schulpolizisten verpasst, jetzt das Schlitteln. Immer verpasse ich alles!“ - „Nachher muss ich das alles nachholen. Das schaff ich nie!“ - „Ich WILL aber in die Spielgruppe!“).

Da ich meine Töchter an den verschiedensten Orten für die verschiedensten Dinge abmelden musste, wusste irgendwann gefühlt das halbe Dorf über unsere missliche Lage Bescheid. Jede Mutter weiss ohne viele Worte, was es bedeutet, vier kranke Kinder gleichzeitig zu betreuen. Und so kamen bald die ersten Hilfsangebote. Man bot mir an, für mich einkaufen zu gehen oder Medikamente zu besorgen, oder mir zumindest zur Aufmunterung ein Gipfeli vorbeizubringen (manchmal sind es ja tatsächlich genau diese ganz kleinen Gesten, die helfen, den Tag durchzustehen!). Ich lehnte alles ab.

Dabei wäre ich tatsächlich froh gewesen um Hilfe. Mit vier hoch fiebernden Kindern einzukaufen ist so gut wie unmöglich, ganz abgesehen davon, dass ich mich die ersten Tage selbst kaum auf den Beinen zu halten vermochte. Und Medizin verbrauchten wir flaschenweise.
Trotzdem flitzte ich lieber in günstigen Momenten rasch selber in den nahen Dorfladen um das Nötigste zu besorgen, nahm nur einmal notgedrungen das Angebot meines überaus mitfühlenden Papas an, für mich Medikamente und Lebensmittel zu besorgen.

Im Nachhinein frage ich mich: Wieso eigentlich? Wieso war ich nicht in der Lage, eines der vielen Hilfsangebote anzunehmen? Ist es denn eine Schande, in einer solchen Extremsituation nicht alles alleine zu schaffen? Hätte ich umgekehrt nicht auch gerne meine Freunde in einem solchen Moment unterstützt? Fand ich es nicht selbst schon schwierig, dass meine Hilfe abgelehnt wurde, obwohl ich das Gefühl hatte, eigentlich wäre mein Gegenüber doch froh darüber gewesen?

Mir scheint, in unserer Gesellschaft ist es ein wichtiger Wert, „selber z’schlag zcho“. Wir sind Macher, wir packen das. Und wir Mütter sowieso - wir haben immer alles im Griff. Wir sind Powerfrauen, und das müssen wir uns selber und allen um uns rum permanent beweisen.

Ich wünsche mir Gemeinschaften, in denen wir ohne Hemmungen auch einmal schwach sein dürfen, in denen wir ehrlich sagen dürfen: „Ich kann grad nicht mehr. Bitte helft mir!“. Und in denen diese Hilfe dann auch zur Verfügung steht.

Dazu kann ich selber zweierlei beitragen. Ich kann hilfsbereit sein, mit offenen Augen durch meinen Alltag gehen und achtsam sein für die Nöte meiner Mitmenschen. Und ich kann mich selber dazu überwinden, Schwäche zuzulassen und dazu zu stehen. In meinem Umfeld fehlt es meist nicht an Hilfsangeboten - ich steh mir vielmehr selbst im Weg. Für die nächste Grippe wäre das mein erklärtes Ziel: Hilfe dankbar anzunehmen, vielleicht sogar aktiv darum zu bitten.
Ich hoffe nur, ich komme frühestens im Herbst dazu, auf dieses Ziel hinzuarbeiten!





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Ist extrem erleichtert, dass nach zwei Wochen nun endlich wieder der Alltag eingekehrt ist und sie Fieberthermometer und Medizin wieder im Schrank verstauen kann.

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