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Krieg und Terror - Wie rede ich mit meinen Kinder darüber? (3/4)


Terrorattentate, Krieg – unsere Kinder werden dieser Tage immer wieder mit erschreckenden Meldungen konfrontiert. Sie davor zu beschützen ist kaum möglich – und wohl auch nicht sinnvoll. Wie aber helfen wir ihnen beim Verarbeiten solcher Nachrichten? In einer vierteiligen Serie gibt der Psychotherapeut Didier Kramer Anregungen dazu.
Im dritten Teil gibt er Tipps, wie Eltern mit ihren Kindern über Krieg und Terror sprechen können.


In der Notfallpsychologie empfiehlt man, den Kindern Fakten zu vermitteln. Diese sollten altersentsprechend, beispielsweise mit kurzen und einfachen Sätzen präsentiert werden, ohne dass falsche Hoffnung aufkommt. Dies könnte auch eine wichtige Faustregel für ein Gespräch mit unseren Kindern über Krieg und Terror sein.

Wenn ein Kind ein Thema aufbringt, ist es nicht nötig, gleich einen ausgefeilten Monolog mit allen Antworten zur Beschaffenheit des Bösen zu halten. Meistens ist es ein guter Einstieg, wenn wir uns interessieren und dem Kind eine Frage stellen:

- „Wer hat dir das erzählt?“
- „Was denkst du, warum das so ist?“
- „Macht es dir Angst, das zu hören?“ - „Was macht dir Angst?“

Fragen helfen unseren Kindern, weiterzudenken. Uns Eltern helfen sie, herauszufinden, was unser Kind erlebt hat, was es schon weiss und wie es darüber denkt. Wenn wir unser Kind überschätzen, besteht die Gefahr, dass wir es überfordern. Unterschätzen wir es, werden wir seiner Welt nicht gerecht und lassen es womöglich mit seinen Fragen und Fantasien alleine.

Es ist immer richtig, Kinder ernst zu nehmen. Allerdings stellen die Fragen und Aussagen meistens nur die Spitze eines Eisberges dar. Fantasien, Gedanken und Gefühle von Kindern gehen meist viel tiefer. Äusserungen und Fragen sind wie offene Türen, durch die man eintreten darf, um die Tiefe unter der Eisbergspitze zu erkunden. Ebenso sind geschlossene Türen zu respektieren. Es ist normal, dass Kinder die Tür während einem Gespräch wieder schliessen. Nur Geduld! Irgendwann öffnet unser Kind seine Herzenstür wieder. Dann werden wir überrascht sein, wieviele Gedanken es sich in der Zwischenzeit gemacht hat.

Es ist ok, nicht auf alle Fragen oder zu allen Themen eine Antwort bereit zu haben. Ich darf sagen, wenn ich etwas nicht weiss. Kinder merken ohnehin, wenn wir unsicher sind oder wenn wir von einer Antwort nicht überzeugt sind.

Um mit Kindern über ein Thema zu reden, ist konkretes Anschauungsmaterial oft hilfreich. Wenn solches nicht gerade zur Hand ist, kann ich auch später auf das Thema zurück kommen: „Willst du mal schauen? Ich habe ein Bild von einem Dorf und einer Landschaft aus Afghanistan gefunden. Vielleicht sieht es etwa so aus, wo dein neuer Schulkollege herkommt.“ Google Earth kann beispielweise einen guten Eindruck von einem Land oder den Dimensionen der Strecke einer Flucht geben.

Bilder aus der Tagesschau oder aus Kriegsfilmen überfordern Kinder. Diese Bilder sind voller Emotionen, ohne dass Kinder sie wirklich verstehen. Es kann passieren, dass unsere Kinder solche Bilder später vor ihrem inneren Auge immer wieder sehen – unkontrolliert. Das ist sehr belastend. Wenn wir mit unseren Kindern über Krieg und Terror sprechen wollen, müssen wir neutrale Bilder nutzen und keine Bilder, die Gefühle wie Angst und Schrecken auslösen. Wenn wir nur Bilder ohne Menschen darauf aussuchen, sind wir auf der sicheren Seite.

Wenn wir solche Bilder im Internet suchen, sollten die Kinder nicht dabei sein. Machen Sie den Versuch: Geben Sie auf Google „Krieg“ ein und überlegen Sie, welche Bilder Angst und Schrecken auslösen und sich ins Gedächtnis ihres Kindes einbrennen könnten, so dass es sie nicht mehr los wird.

Bedenken Sie also Folgendes, wenn Sie mit Ihrem Kind über Krieg und Terror sprechen:

- Geben Sie neutrale Informationen auf möglichst altersentsprechende Art und Weise, um nicht Angst oder Schrecken bei Ihrem Kind auszulösen.
- Es ist ok, nicht auf alle Fragen Antworten zu haben.
- Sie dürfen auch später auf Fragen zurückkommen.
- Stellen Sie interessierte Fragen, um ihr Kind noch besser kennen zu lernen und das Kind zum Denken anzuregen.
- Wenn Sie wollen, dass Ihr Kind wieder mit seinen Fragen und Sorgen zu Ihnen kommt, sollten Sie nicht darüber lachen.
- Seien Sie geduldig, wenn Ihr Kind ein Gespräch beendet und vertrauen Sie darauf, dass es weiter denkt und bei Bedarf wieder zu Ihnen kommt.

Wer gerne mit Hilfe von Büchern mit seinen Kindern reden möchte, dem empfehle ich zwei tolle Bilderbücher:
Kirsten Boie und Jan Birke: "Bestimmt Wird Alles Gut"
Claude K. Dubois: "Akim Rennt"



Didier Kramer, Dr. phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. Arbeit in einem kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulatorium. Verheiratet und Vater von zwei wunderbaren, noch immer recht kleinen Mädchen.

In den ersten beiden Teilen dieser Serie motivierte Didier Kramer Eltern dazu, sich erst über ihren eigenen Umgang mit Angst und Schrecken klar zu werden, und führt aus, weshalb es seiner Ansicht nach wichtig ist, mit Kindern auch über solche Themen zu reden. In einer Woche folgt der letzte Teil dieser Serie. Darin gibt es Tipps, wie wir mit traumatisierten Kindern (zB Schulgspänli unserer Kinder) umgehen können.

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