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Krieg und Terror - Wie helfe ich meinen Kindern, damit umzugehen? (2/4)

Terrorattentate, Krieg – unsere Kinder werden dieser Tage immer wieder mit erschreckenden Meldungen konfrontiert. Sie davor zu beschützen ist kaum möglich – und wohl auch nicht sinnvoll. Wie aber helfen wir ihnen beim Verarbeiten solcher Nachrichten? In einer vierteiligen Serie gibt der Psychotherapeut Didier Kramer Anregungen dazu.
Im zweiten Teil geht es um die Frage, ob Eltern überhaupt mit ihren Kindern über schreckliche Themen wie Krieg und Terror sprechen sollten.


Hände hoch! – Wer wünscht sich für unsere Kinder keine heile Welt? Entsprechend schwer fällt es vielen von uns, mit unseren Kindern über Krieg und Terror zu sprechen. Wieso sollten wir dies dennoch tun?

Die Welt ist nicht heil. Wenn wir über das Leid und die Bedrohung in der Welt sprechen, dann vermitteln wir unseren Kindern bloss die Realität. Damit bereiten wir sie auf das vor, was sie in der Welt erwartet. Sie können dann Nachrichten und eigene schwierige Erlebnisse besser einordnen.

Es geht jedoch nicht darum, das Schreckliche vorweg zu nehmen. Wir sollten sicher nicht so handeln: „Komm mal her, heute sprechen wir über das Schreckliche in der Welt!“ Vielmehr sollten wir gewappnet sein, wenn die Kinder ein Thema aufbringen. Dies geschieht nicht nur in Form von direkten Fragen, sondern auch durch Andeutungen oder Erzählungen. Allenfalls beobachten wir bloss, wie Kinder darüber sprechen oder wie sie etwas im Fernsehen oder ein Bild in der Zeitung gesehen haben. Auf all das sollten wir reagieren.

Wenn Kinder ein Thema aufbringen, beschäftigt es sie bereits. Wenn wir schweigen, ausweichen oder sagen, dass es dafür noch zu klein sei, wird es versuchen, sich selber eine Antwort zu geben. Das Thema wird zudem zum Tabu. Daraus schliesst ein Kind, dass es sich um etwas besonders Schlimmes handelt und es bekommt Angst. Vielleicht fühlt es sich auch beschämt oder schuldig, wenn es darüber gesprochen hat. Denn über Tabus darf man nicht sprechen. Es fühlt sich alleine gelassen und ist überfordert.

Kinder können mit schwierigen Themen umgehen. Sie können jedoch nicht damit umgehen, wenn sie merken, dass wir nicht darüber sprechen wollen.
Viele Eltern wünschen sich, dass das Kind erzählt, was es erlebt hat und was sein Herz bewegt. Damit unsere Kinder dies tun, müssen sie immer wieder Offenheit bei den Eltern erleben. Am einfachsten geht das, wenn wir uns ganz einfach für unser Kind interessieren – und zwar für alles, was sein Leben betrifft.
 
Eltern zeigen gegenüber ihrem Säugling ein starkes Interesse. Was bedeutet das Schreien und die Unzufriedenheit? Ist es müde? Hat es Hunger oder Durst? Es ist selbstverständlich, dass sich dieses Interesse mit dem Älterwerden des Kindes etwas verliert. Denn das Kind wird selbständiger und braucht nicht mehr auf Schritt und Tritt begleitet zu werden. Der bekannte Erziehungsexperte und Buchautor Jesper Juul beobachtete aber, dass das elterliche Interesse an den Seelenregungen ihres Kindes oftmals zu stark abnimmt. Doch die Fragen, wer denn das eigene Kind sei, was es bewegt und wie es mit Inputs aus der Umwelt umgeht, bleiben wichtig. Mit unserem Interesse fürs Kind helfen wir ihm, seine Identität zu entwickeln. Die Eltern spiegeln ihrem Kind sozusagen, wer es ist. Kinder brauchen die konstruktive Auseinandersetzung mit ihren Eltern. Möglicherweise ist also nicht das Thema an sich von Wichtigkeit, sondern mein Interesse an dem, was mein Kind erlebt.

Hier sind nochmals die Gründe, weshalb wir uns auf ein Gespräch über Krieg und Terror mit unseren Kindern einlassen sollten:

- Krieg und Terror sind real – die heile Welt ist es nicht.

- Unsere Kinder werden mit diesen Themen früher oder später konfrontiert – wenn es soweit ist, brauchen sie Unterstützung.

- Die Überforderung unserer Kinder ist wahrscheinlich stärker davon abhängig, ob es uns Eltern gelingt Sicherheit zu vermitteln oder nicht und weniger vom Thema selber. Ernstnehmen ist immer richtig. Bagatellisieren, bloss stellen und tabuisieren hingegen nicht.

- Wenn wir ein Thema tabuisieren, gibt sich das Kind selber eine Antwort. Dazu gehören wahrscheinlich Angst, Schuld oder Scham.

Wer sich für die Beobachtungen von Jesper Juul interessiert, dem empfehle ich sein aktuelles Buch: „Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie“.



Didier Kramer, Dr. phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. Arbeit in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz. Verheiratet und Vater von zwei wunderbaren, noch immer recht kleinen Mädchen.

Im ersten Teil dieser Serie motivierte Didier Kramer Eltern dazu, sich erst über ihren eigenen Umgang mit Angst und Schrecken klar zu werden. Im nächsten Teil geht er der Frage nach, wie wir mit unseren Kindern über Schreckliches wie Krieg und Terror sprechen können. Den Artikel gibt’s in einer Woche.

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