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Unerwartete Momente des Glücks

Das Leben kann so schnell vorbei sein - das wird uns in diesen Tagen einmal mehr bewusst. Gerade deswegen ist es so wichtig, auch die kleinen Momente des Glücks wahrzunehmen und zu geniessen. Diese entstehen oft in unerwarteten Situationen - manchmal sogar mitten im grössten Stress...

Es ist einer dieser Anlässe, an dem teilzunehmen ich mir niemals zugetraut hätte, wäre mir im Voraus bewusst gewesen, worauf ich mich da einlasse. Der Kinderchor meiner beiden Grossen schliesst das Chorjahr mit einem Weihnachtssingen für die ganze Familie ab. Zu einem Zeitpunkt allerdings, zudem unsere Familie infolge längerer Arbeitszeiten seitens Papa üblicherweise noch nicht komplett ist. „Kein Problem, das schaff ich auch alleine“, denke ich im Voraus. Und stelle mir ein gemütliches Beisammensein vor, bei dem wir alle irgendwie rumstehen, die traditionellen Weihnachtslieder schmettern und vielleicht sogar ein paar Guetzli verdrücken.

Eine komplett falsche Vorstellung, wie sich zeigen soll. Der Singsaal ist ganz klassisch bestuhlt, es wird als schön brav in der Reihe gesessen (ein Ding der Unmöglichkeit für Mini). Es werden auch keineswegs die simplen Gassenhauer a la „Oh Tannenbaum…“ gesungen. Stattdessen erarbeiten wir gemeinsam unbekannte Lieder oder singen anspruchsvolle Weihnachtslieder wie „Gloria in excelsis Deo“, selbstverständlich mehrstimmig. Was grandios klingt, ehrlich!

Nur sind meine ohnehin müden Kinder schlichtweg überfordert. Die Grossen sind enttäuscht, weil sie die Lieder nicht kennen. Midi langweilt sich. Mini sorgt selbständig für Unterhaltung, indem sie unter Stuhlreihen durchkriecht, Purzelbäume macht (zwischen den Stuhlreihen!), das Aussehen der Chorleiterin lauthals kommentiert („Mami, die hät kein Schal a!“. „Mami, die hät lustigi Brülle!“.) und den Stuhl laut kreischend herumschiebt. Ich bändige, halte zurück, tröste, ermuntere.

Nach einer Dreiviertelstunde bin ich verschwitzt und mit den Nerven am Ende. Wir dürfen die Stühle nun zurückstellen, die Grossen sammeln sich nochmal zum Chor, die letzten paar Lieder werden im Stehen gesungen. Immerhin, denke ich, da fällt es nicht so auf, wenn die Kleinen herumtoben. Nur mögen die jetzt nicht mehr toben. Beide liegen auf dem Boden, rutschen auf dem Rücken herum, stossen dabei zusammen, stehen sich gegenseitig mit Winterstiefeln auf kleine Finger oder auf die langen Haare. Midi rollt sich zusammen und weint, ich nehme sie auf den Arm.

Dann - das letzte Lied. Endlich doch noch ein altbekanntes: „Oh du fröhliche“.
Meine Mädchen versammeln sich um mich, die Maxis halten Mini von beiden Seiten an der Hand, Midi kuschelt sich in meinen Arm, Maxi2 lehnt sich an mich, wir schauen uns an und singen miteinander.

Und plötzlich ist er da. Dieser völlig unerwartete Moment. Wie aus dem Nichts überrollt mich eine Woge von Rührung und ein Gefühl des Glücks. Wie dankbar ich bin, diese vier wundervollen Mädchen in meinem Leben zu haben! Diese Mädchen, die liebevoll, gesund und voller Leben sind. Diese vier kleinen Menschen, die mir manchmal alles abverlangen - sie sind, gemeinsam mit ihrem Vater, das grösste Geschenk meines Lebens.

Gerade in diesen Tagen, in dem all diese furchtbaren Dinge geschehen, und das nicht nur weit weg; in diesen Tagen, in denen einem wieder bewusst wird, wie vergänglich das Leben ist - gerade in diesen Tagen ist es so wertvoll, diese kleinen, stillen Momente des Glücks bewusst wahrzunehmen und zu geniessen. Ich kämpfe tatsächlich gegen die Tränen und versuche den Augenblick festzuhalten, ihn ganz tief in mir drin zu verschliessen, abzuspeichern für die Zeiten, in denen ich es dringend benötige.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, 4 und 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Ist froh, das Weihnachtssingen inzwischen hinter sich zu haben - aber auch sehr dankbar, dass sie mit ihrer Familie hingegangen ist.

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