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Mobbing - was tun?



Wird das eigene Kind ausgegrenzt oder geplagt, schmerzt das nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern. Und es verunsichert: Wie kann man sein Kind unterstützen und ihm helfen - und was macht die Situation unter Umständen nur noch schlimmer?
Ein Gespräch mit Schulsozialarbeiterin Steffi Marinello über den Umgang mit Ausgrenzung oder gar Mobbing.

Steffi Marinello, ab wann redest du von Mobbing?

Mobbing wird eigentlich definiert als ein systematisches Ausschliessen von einer Person über längere Zeit. Mir scheint, bei den Kindern wird der Begriff oft voreilig genutzt. Ich rede meist eher von „Ausschliessen“. Wenn die ganze Klasse ein Kind ausschliesst, oder wenn eine Gruppe Kinder ein anderes Kind über einen längeren Zeitraum hinweg plagt, dann rede ich von Mobbing.

Wenn ich als Mutter merke, dass mein Kind geplagt wird - welchen Weg schlägst du vor? Soll ich mich erst mal an die Eltern der Kinder wenden, die gemein zu meinem Kind sind? Oder rede ich besser gleich mit Lehrpersonen oder Sozialarbeitern?

Ich empfehle auf jeden Fall nicht, direkt in eine Dynamik einzugreifen. Eltern sollten nicht auf den Pausenplatz gehen und eingreifen. Das ergibt dann jeweils ganz merkwürdige Konstellationen, die anderen Kinder haben Angst vor den Eltern des geplagten Kindes, und im Nachhinein macht das die Sache für das Kind meist nur noch schlimmer. Zudem ist man oft auch nicht mehr objektiv. Ich merke das als Mutter selber auch, wenn mein Kind geärgert wird, dann bin ich emotional stark engagiert. Dann werde ich unter Umständen zur Löwenmutter und reagiere über.

Mit den Eltern zu reden kann helfen, ein Problem schnell zu lösen, das kommt ganz auf die Situation an. Wird ein Kind in einer Klassensituation - also beispielsweise in der Grossen Pause oder auch auf dem Schulweg – oft ausgeschlossen, finde ich, sollten Lehrer oder Schulsozialarbeiter auch Bescheid wissen. Man kann auch direkt zum Schulsozialarbeiter gehen und sich einfach mal informieren, welche Möglichkeiten es gibt.

Man möchte als Eltern ja auch nicht überreagieren, nicht gleich aus einer Mücke einen Elefanten machen. Besteht nicht diese Gefahr, wenn gleich die Lehrer kontaktiert werden?

Solange das mehr im Sinn einer Information geschieht, finde ich nicht, dass man überreagiert. Es ist sicher gut, wenn man das so kommuniziert, und nicht gleich ultimativ fordert das etwas unternommen wird. Man kann also beispielsweise sagen: „Mein Kind erzählt mir, dass es in der Grossen Pause immer ausgeschlossen wird. Was denken Sie, kann man da etwas machen?“
Wenn man natürlich gleich von Mobbing redet und Massnahmen fordert, ist die Gefahr schon da, dass Lehrer sich im Zugzwang sehen und dann vielleicht eher zu viel unternehmen.
Aber ich finde schon, es ist die Aufgabe der Schule, ein gutes Klassenklima zu schaffen. Deswegen gehört für mich auch der Schulweg dazu. Natürlich liegt der in der Verantwortung der Eltern, aber ich beobachte, dass in Klassen, in denen ein gutes Klima herrscht, auch der Schulweg kein Thema ist (und umgekehrt).

Ich hätte wohl auch Respekt, dass ich die Eltern übergehe, wenn ich mich direkt an Fachpersonen wende…

Man kann dann ja auch die Eltern informieren, dass das ein Thema ist und man sich an den Schulsozialarbeiter wendet. Es geht auch nicht immer darum, dass gleich Schritte unternommen werden. Manchmal geht das geplagte Kind zum Sozialarbeiter und schüttet ihm sein Herz aus, das tut oft schon sehr gut. Und dann überlegt man mit dem Kind, was man jetzt unternehmen könnte.
Ich beobachte zum Beispiel oft, dass Kinder, die geplagt werden, sich nicht gut wehren können. Einem solchen Kind erkläre ich erst mal, wie es sich verbal wehren soll. Ich übe dann beispielsweise mit dem Kind, zu sagen: „Stopp, ich möchte nicht, dass du mir solche Spitznamen gibst, ich mag es nicht wenn du über mich lachst.“ Oft nützt das schon sehr viel, vor allem in der Unterstufe.

Und wenn das nicht reicht?

Als Schulsozialarbeiterin mache ich dem Kind dann verschiedene Vorschläge. Das Kind soll entscheiden, was es möchte und was nicht. Vielleicht nimmt man erst mal ein kleines Grüppchen Kinder zusammen und führt ein Gespräch. Mir ist es auch wichtig, mit Klassen weniger das Negative zu thematisieren. Also nicht in erster Linie zu betonen, dass sie andere Kinder nicht ausschliessen oder plagen sollen. Stattdessen versuche ich gemeinsam mit den Lehrern, die Klassengemeinschaft zu thematisieren und zu stärken.

Nützt es denn etwas, wenn man interveniert?


Eine Intervention ändert die Situation immer und hoffentlich zeigt sie positive Wirkungen. In Fällen von echtem Mobbing ist es aber tatsächlich oft schwierig. Ich habe schon von Fachpersonen gehört, die erzählten, man hätte eigentlich mit dem ganzen Dorf arbeiten müssen, weil da schon so viel vorgefallen ist. Dort wurden bereits die Grossmutter und die Mutter gemobbt. Es gibt auch Situationen, da ist die einzige Lösung für ein Kind umzuziehen oder die Schule zu wechseln. In einem Fachartikel habe ich mal gelesen, dass Mobbing ein Schulproblem sei. Es gebe Mobbing unter den Lehrern, das färbe quasi ab auf die Schüler. Ich glaube wirklich, am meisten bringt es, eine gute Gemeinschaft zu pflegen. Den Kindern beizubringen, dass man füreinander schaut und niemanden alleine lässt.
 
Anmerkung der Redaktion: Der Leserlichkeit zuliebe ist in diesem Artikel von Lehrern und Sozialarbeitern die Rede. Selbstverständlich ist jeweils die weibliche Form mitgemeint.


Was, wenn die eigenen Kinder als Täter oder zumindest Mitläufer bei Mobbing mitmachen? Steffi Marinello gibt auch zu diesem Thema Tipps - in Kürze auf Blog27.





Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, knapp 4 und knapp 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch. Hofft von ganzem Herzen, dass ihre Töchter nie unter Mobbing zu leiden haben werden.

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