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Von der Schwierigkeit, ein grosses Geschwister zu werden

Wenn aus kleinen Kindern plötzlich grosse Geschwister werden, ist das für sie ein einschneidendes Erlebnis. Dass es vielen von ihnen schwer fällt, sich in die neue Rolle einzufinden, ist eigentlich nicht weiter erstaunlich. Gastautorin Karin Handschin versetzt sich einfühlsam in ihre Lage.

Mama hat sich verändert. Ihr Bauch ist gross geworden und ständig sprechen Papa und sie von einem Baby, das da drin ist. Manchmal nimmt Mama meine Hände und legt sie auf ihren Bauch. Sie sagt, dass das Baby meine Hände spüren und meine Stimme hören kann. Dann schaue ich jedesmal unter ihren Pullover, wo ich jedoch überhaupt nichts entdecke ausser Mama’s Bauchnabel. Ich habe ihr schon so oft gesagt, dass sie das Baby doch endlich mal rausnehmen soll, damit ich es anschauen kann. „Das geht nicht. Wir müssen warten bis es selber herauskommt“, sagt sie dann immer.
Manchmal werde ich traurig, wenn ich mit Mama herumtoben möchte und sie nicht kann. Sie sagt, dass sie müde sei und ich vorsichtig mit ihrem Bauch sein muss. Ehrlich gesagt, macht mich das manchmal auch ganz schön wütend. Gleichzeitig geniesse ich es, mit Mama zusammen zu sein, denn sie nimmt sich plötzlich so viel Zeit für mich. Wir schauen uns ganz viele Bilderbücher an einem Stück an. Sie hat mir sogar ein neues Buch geschenkt. Da hat es eine andere Mama mit dickem Bauch drin.
Gestern haben wir Mama’s Freundin besucht. Sie hat ein ganz kleines Baby zuhause. Es hat mir nicht gefallen, dass Mama es auf den Arm genommen hat. „Das ist meine Mama!“ habe ich laut gerufen.
Kommt heute unser Baby? Mama hat gesagt, es kommt bald. Was heisst eigentlich bald?

Einen Monat später...
Papa hat mich bei Grossmama abgeholt. Ich habe bei ihr geschlafen, da Mama und Papa ins Spital gefahren sind. Sie haben gesagt, dass das Baby jetzt kommt. Ich war etwas überrumpelt.
Nun fahre ich mit Papa zu Mama. Ich freue mich sie zu sehen, denn ich habe sie vermisst. Und Papa sagt, dass das Baby auch da ist. Es ist ein Junge. Ich darf ihn auch anschauen.
Als wir das Zimmer betreten, wird mir etwas mulmig zu Mute. Mama liegt in einem komischen Bett und sieht auch etwas ungewohnt aus. Sie lacht mich an und winkt mich zu sich. Eigentlich würde ich am liebsten zu ihr rennen, traue mich jedoch nicht so recht. Papa nimmt mich an der Hand und wir gehen gemeinsam zum Bett. Erst jetzt sehe ich das Baby auf Mamas Arm. Wer ist das? Und wo ist eigentlich Mama’s grosser Bauch hin? Ich fühle mich unsicher und möchte Mama jetzt gerne ganz nahe sein, doch sie kann mich nicht halten, da sie ein Baby auf dem Arm hält. „Das ist meine Mama!“ denke ich und verstecke mich hinter Papa...

Einen Monat später...
Unsere Familie hat sich verändert. Wir haben nun ein kleines Baby zuhause und ich bin die grosse Schwester. Ich weiss zwar nicht, was grosse Schwester sein heisst, doch nennen mich jetzt alle so. Manchmal darf ich das Baby im Arm halten. Ich möchte am liebsten mit ihm herumrennen und spielen. „Das geht nicht. Du musst warten, bis es grösser wird“, sagt meine Mama.
Manchmal werde ich traurig, wenn ich mit Mama ein Buch anschauen möchte und sie keine Zeit hat. Sie sagt, dass sie das Baby wickeln oder stillen muss. Manchmal schreit es auch so laut, dass wir unsere Worte gar nicht verstehen. Ehrlich gesagt, macht mich das manchmal auch ganz schön wütend. Können wir das Baby nicht wieder zurück in das Spital bringen, damit wir es so schön haben können wie vorher? Dann müsste ich auch nicht so oft und lange warten wie jetzt. Und Mama würde nicht so schnell wütend werden, wenn ich etwas noch nicht kann oder etwas nicht will.
Gleichzeitig geniesse ich es, meinen Bruder im Arm zu halten oder beim Wickeln zu helfen. Ich bekomme auch ganz viele Geschenke und Grossmama ist oft zu Besuch. Das ist schön.


Kommen dir diese drei kurzen Episoden bekannt vor? Ja? Oder hat es sich bei dir ganz anders zugetragen, als dein zweites Kind zur Welt gekommen ist? Wie auch immer sich die Ankunft des zweiten Kindes bei dir gestaltet hat, finde ich es so oder so spannend, sich in die Rolle des älteren Geschwisters zu versetzen. Denn nicht nur für uns Eltern ist die Ankunft eines weiteren Kindes ein aufregendes Ereignis, welches mit vielen Emotionen verbunden ist, sondern auch für das grössere Geschwisterkind. Die grosse Veränderung, welche ein kleines Baby in eine Familie bringt, aus der Sicht des grossen Bruders oder der grossen Schwester zu betrachten, hilft enorm, um ein Verständnis und Feingefühl für die sensible Phase zu entwickeln, in welcher sich die grossen (jedoch oftmals noch sehr kleinen) Geschwister befinden und dabei ihr Verhalten besser einordnen zu können. Denn die Kinder werden zwar über Nacht zu grossen Geschwistern, jedoch werden sie nicht über Nacht gross und reif. Ihre Rolle ändert sich innert weniger Stunden, doch ihr Verhalten passt sich nicht automatisch der neuen Situation an. Im Gegenteil. Die neue Rolle ist nicht nur mit freudigen Gefühlen verbunden, sondern sehr oft auch mit Unsicherheit und Ängsten, was wiederum das Verhalten der Kinder stark beeinflusst.
Ich finde es enorm wichtig, Geschwister sehr sorgfältig und bewusst auf die Ankunft eines weiteren Familienmitgliedes vorzubereiten und sie - wo immer möglich und soweit die Kinder das überhaupt schätzen - ab Geburt einzubeziehen.
Wenn es schon für uns Eltern eine grosse Herausforderung ist, ein neues Baby in die Familie zu integrieren, wie viel herausfordernder muss es für ein Kind sein, die Situation einzuordnen?





Karin Handschin
, 1981, verheiratet und Mutter von 4 Söhnen (2008, 2010, 1012, 2014), Geburtsvorbereiterin und Trageberaterin, wünscht sich, dass ihre Tage mindestens 3 Stunden länger wären, um all ihre vielen Ideen umsetzen zu können und gleichzeitig genug Zeit zu haben, um neben dem Haushalt ihren Kindern Geschichten ohne Ende vorlesen und mit ihnen viel Zeit in der Natur verbringen zu können.

Wer noch tiefer in die Thematik eintauchen möchte, kann sich exklusiv am 6.12.2016 ein Interview mit Karin Handschin anschauen, welches im Rahmen des Onlinekongresses „Glückliche Babys und Kleinkinder“ ausgestrahlt wird. Um den Link zu erhalten, ist eine kostenlose Anmeldung nötig.
Das Interview ist nur an diesem einen Tag abrufbar. Auf diesem Blog folgt bald ein weiterer Beitrag zum Thema - dort wird Karin Handschin konkrete Tipps zum Umgang mit werdenden oder frischen Geschwisterkindern geben.

Karin Handschin bietet in Winterthur regelmässig Geschwisterkurse für werdende Geschwister an. Weitere Informationen gibt es hier

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