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Gerechtigkeit gibt es nicht!

Wenn Gottis oder Göttis gerne Adventskalender basteln, bringt das Eltern mitunter in eine schwierige Situation. Was, wenn ein Kind mit einem Kalender beschenkt wird, während das andere leer ausgeht? Soll man ausgleichend eingreifen, oder das Schenken von Adventskalendern und ähnlichen Geschenken gleich ganz unterbinden?
Manches spricht auch dafür, eine solche Ungerechtigkeit schlicht stehen zu lassen - und den Kindern helfen zu lernen, damit umzugehen.


„Das isch aber nid fair“ - seit unsere Maxis ihn aussprechen können, ist das vermutlich der am öftesten gesagte Satz bei unseren Töchtern (in verschiedenen Variationen - „das isch gemein“, „das isch nid gerächt“ zähle ich auch dazu). Das ging phasenweise so weit, dass beim Frühstück Sätze fielen wie: „Aber sie hät doch gest scho d Confi zerst gha! Das isch gemein!“.

Eine Zeit lang führte ich im Kopf mehrere Listen parallel zueinander. Wer ist an der Reihe mit dem Auswählen der Gutenachtgeschichte, wer darf im Auto im beliebteren Kindersitz sitzen, wer muss im Elternschlafzimmer Mittagspause machen… Die Anzahl möglicher Ungerechtigkeiten wurde länger und länger, die Fettnäpfchen, die es zu umrunden galt, mehrten sich. Bis mir irgendwann der Kragen platzte. Ich setzte mich also mit den Maxis hin und erklärte ihnen, dass ich in Zukunft nicht mehr zur Listenführung bereit war. In Zukunft wollte ich einfach entscheiden, wer grad an der Reihe war - und allfällige Ungerechtigkeiten sollten wir allesamt aushalten lernen.

Wir lernten es tatsächlich. Doch dann kamen neue potentielle Ungerechtigkeiten. Maxi 1 durfte mit Gotti auf den Flohmarkt. Maxi 2 drehte durch. Also sorgte ich dafür, dass Maxi 2 bald darauf ihrerseits mit ihrem Gotti etwas unternehmen durfte. Andere Male sagte ich Aktivitäten ab aus Angst vor der heftigen Reaktion des benachteiligten Zwillings.

Dann kam der Kindergarten - wir schickten die Maxis bewusst in getrennte Klassen. Damit nahmen die Ungerechtigkeiten natürlich so richtig überhand. Wie oft gab es Tränen, wenn etwa eine Klasse Schlittschuhlaufen ging, die andere aber nichts Besonderes unternahm. Ich vermute, bis heute wären die Maxis in der Lage, detailliert aufzulisten, wie oft welche Klasse beispielsweise schlitteln ging, ein Schultheater besuchte oder auch schon nur im Kindergarten Guezli backen durfte.
Es gab auch Tränen, wenn eines der Mädchen krank war und deswegen mit den kleinen Schwestern zu den Grosseltern durfte, weil ich arbeiten musste - und die Gesunde nicht mitdurfte. Oder umgekehrt wenn eines der Mädchen krank war und deswegen nicht wie die Andere in den Kindergarten durfte…

Ich habe selbst einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und so versuchte ich lang, all diese Ungerechtigkeiten irgendwie auszugleichen. Mit einem Trostprogramm beispielsweise. Manchmal brachte mich das dann allerdings ziemlich ins Rudern - wenn kurz darauf nämlich die grade noch benachteiligte Maxi ihrerseits zum Beispiel an ein Geburtstagsfest eingeladen war. Da stand ich dann bereits vor der nächsten Ungerechtigkeit, die es auszugleichen galt - und hab mich oft geärgert, dass ich nicht einfach abgewartet hatte.

Inzwischen sind zudem Midi und Mini in einem Alter, in dem auch sie Anteil an der „innerfamiliären Gerechtigkeit“ haben wollen. Bei vier Kindern alles ausgleichen zu wollen, sprengt definitiv den Rahmen. Also kamen mein Mann und ich irgendwann zum Entschluss, Ungerechtigkeiten in Zukunft mit unseren Töchtern gemeinsam auszuhalten. Schliesslich gehören sie zum Leben dazu. Und wir tun unseren Mädchen keinen Gefallen, wenn wir ihnen nicht beibringen, mit dem Frust über Ungerechtigkeit umzugehen.

Ich muss mich allerdings immer wieder dazu zwingen, nicht doch einzugreifen. Wenn eines der Kinder ein superteures Weihnachtsgeschenk kriegt beispielsweise. Oder als Einzige keinen Osterhasen. Oder wie grad aktuell nur ein Kind einen eigenen Gschänkli-Adventskalender bekommt, die anderen mit dem Familienadventskalender, in dem im Wechsel für jedes Kind etwas zu finden ist, vorlieb nehmen müssen. Da flippen die übrigen Kinder aus. Und ich kann sie verstehen - das ist tatsächlich nicht fair. So wie auch für das Kind, welches in diesem Fall im Vorteil ist, oft nicht alles fair ist.

Also heisst es einmal mehr: Diesen Frust müssen wir aushalten, die Kids und ich. Das Einzige, was ich tun kann und will, ist, meine Töchter in ihrer Trauer ernst zu nehmen, sie aufrichtig zu trösten - und mir selber immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass ich sie damit rüste für eine leider oft ungerechte Zukunft.






Michelle Boss
, 34, Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter im Alter von 7, 7, knapp 4 und knapp 2einhalb), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch.

2 Kommentare



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Montag, 28.11.2016, 08:35

Angela Rohner

Liebe Michelle Danke für Deine vielen lässigen Berichte; ich lese die so gerne. Gerechtigkeit bei den Kids, das ist ein Thema, das beschäftigt uns wahrscheinlich ewig so auch im Teenageralter und wohl auch noch, wenn Sie gross sind. Meine Eltern sagen es immer noch, dass mein Bruder und ich gleichviel bekommen, obwohl ich finde, je nach Familiensituation und Phase braucht es verschiedene Hilfe, so zum Beispiel Kinder hüten, finanziell usw. aber auch da ertappe ich mich, wie ich es registriere, wie oft mein Mami die Töchter meines Bruders hüten geht, dabei waren unsere Jungs so viel bei ihrem Nani. Nun zu unseren Jungs, bei uns sind es im Moment andere Ungerechtigkeiten, wann bekam der Bruder das erste Handy oder den Computer? Es ging soweit, dass einer von unseren Jungs die Quittung heraussuchte, da ging es um das 1. Handy und Computer, ca. 2 Jahre zurück, und rechnete, wie alt sein Bruder dann war. Wir finden, sie sind verschieden und in der Entwicklung an einem anderen Ort und der eine kann gut mit Medien umgehen und beim anderen ist es sehr anstrengend und wir haben nicht die Energie, da konsequent dranzubleiben. Auch der Jugendlohn ist da ein Thema, da bekommt es der eine nicht so früh wie der andere, weil er ja gar nicht alleine lädele geht. Und vor allem der Medienkonsum zu Hause ist ein grosses Thema. Unsere Kids waren in der Schule immer in sehr verschiedenen Phasen. Und da sind wir toleranter, wenn einer mal wieder Luft nach oben hat dann darf er mehr, mit dem der andere nicht umgehen kann, er hätte noch viel "Ufzgi", ist jünger und der Bruder gamet im Nebenzimmer, das ist immer noch sehr schwierig. Grüessli Angela

Montag, 28.11.2016, 21:46

Redaktion

Danke, Angela, freut mich zu hören! Und danke vor allem auch für deinen Input, ich seh schon, ich steh da erst am Anfang eines groooossen Themas ;-) Hat mich jetzt grad nochmal drin bestärkt - es ist schlicht nicht möglich immer gerecht zu sein. Und es ist auch nicht immer sinnvoll, wie deine Beispiele zeigen... Dann können meine Töchter und ich uns ja wirklich gleich jetzt schon dran gewöhnen, dass wir allesamt immer mal wieder kleinere und grössere Ungerechtigkeiten resp. den Frust darüber aushalten müssen! Liebi Grüess Michelle