>

Wenn schlaflose Babys die Eltern zu extremen Massnahmen treiben

Wenn Babys Nachts schlecht schlafen, ist die Verzweiflung bei den übermüdeten Eltern gross. So gross, dass manche zu extremen Mitteln greifen und zweckentfremdete Medikamente verwenden. So war es kürzlich in einer Gratiszeitung zu lesen.
Diese Eltern unreflektiert zu verurteilen, ist der falsche Weg.


„Eltern stellen Babys mit Medikamenten ruhig!“ so titelte kürzlich die Gratiszeitung 20 Minuten in ihrer Online-Ausgabe. Im Artikel ist von Eltern die Rede, die ihr Baby mit zweckentfremdeten Medikamenten ruhig stellen würden, also beispielsweise Hustensirup oder Allergiemittel verabreichten, welche müde machen. Auch Schlafmittel, welche für kleine Kinder nicht geeignet seien, würden demnach verabreicht.

Fachleute werden zitiert, welche vor dem Missbrauch von Medikamenten warnen. Und dann folgt der Hinweis - ebenfalls von Experten - die „Toleranz für schreiende Babys“ habe abgenommen. Was oft daran liege, dass die Mütter früh und mit hohen Stellenprozenten in den Job zurückkehren würden. Die seien dann nicht mehr fit für die Arbeit, wenn sie nicht zum Schlafen kämen.

Der Kommentar ärgert mich. Es mag Mütter geben, deren Hauptproblem es ist, dass die schlaflosen Nächte ihre Arbeit negativ beeinflussen. Doch viele - sehr viele - Mütter und Väter leiden aus ganz anderen Gründen. Wer über Wochen und Monate hinweg zu viel weniger Schlaf kommt, als er eigentlich benötigen würde, der fühlt sich nicht einfach nur müde. Schlafmangel kann viele, teils schwerwiegende Folgen haben. Konzentrationsmangel, eingeschränkte Leistungsfähigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, verminderte Stressresistenz, Gewichtszunahme oder -verlust und Depressionen sind nur einige davon.

Es ist also ganz objektiv betrachtet nicht verwunderlich, dass viele Eltern verzweifelt nach einer Lösung suchen, wenn ihr Baby sie so gar nicht zu Schlaf kommen lässt. Auch nicht berufstätige Mütter leiden unter all diesen Symptomen - und auch nicht berufstätige Mütter sollten den Tag hindurch leistungsfähig sein. Ein Baby und unter Umständen zusätzlich grössere Geschwisterkinder zu betreuen ist anstrengend, erfordert körperliche Leistungsfähigkeit und psychische Belastbarkeit.

Saloppe Bemerkungen wie die, dass Eltern ihre Babys halt einfach ruhig stellen wollten, oder dass die Toleranz für schreiende Babys abgenommen habe, scheinen mir äusserst ungerecht. Ich bin mir sicher, dass die Mehrzahl der Eltern, die zu Medikamenten greifen, dies in äusserster Verzweiflung tut.

Selbstverständlich ist der Missbrauch von Medikamenten der falsche Weg - das sei in aller Deutlichkeit gesagt! Als Mutter, die Nachts selbst oft hysterisch weinend ein schreiendes Baby in den Armen gewiegt hat, empfinde ich aber hauptsächlich tiefes Mitgefühl für all diese Eltern, die sich keinen anderen Rat mehr wissen.

Statt sie zu verurteilen, wäre es wesentlich zielführender, sich dafür einzusetzen, dass übermüdete und erschöpfte Eltern Entlastung finden. Sei es nun durch professionelle Hilfe, durch Angebote wie die Chinderhüeti Bärliland des Vereins Stägetritt, oder auch durch ganz persönliches Engagement. Das Baby der Nachbarin auf einen Spaziergang mitnehmen, damit die Mutter sich ein Stündchen erholen kann… Beim Mittagessen die doppelte Menge kochen, damit die Bekannte mit dem Neugeborenen sich das Kochen sparen kann… Oder einer Zweifachmutter Zeit mit ihrem Baby verschaffen, indem das grössere Geschwisterkind zu sich nach Hause eingeladen wird… Oft braucht es nicht viel, um jemanden etwas zu entlasten!






Michelle Boss
, 34, Königstochter (so nennen ihre Töchter Menschen, die an Gott glauben), Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch

0 Kommentare



Passwort vergessen?






kommentieren

Bitte anmelden um Kommentare zu erfassen.