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Wahrheit und Lüge - der grosse Seiltanz

Lügen geht gar nicht. Nicht in unserem Haushalt. Und das werden wir unseren Kindern schon früh beibringen. So zumindest dachte ich es mir lange. Bis ich herausfinden musste, dass gar nicht die Kinder das Problem sind. Sondern ich.

Nein, ich lüge meine Mädchen nicht vorsätzlich an. Und doch erwische ich mich immer wieder, wie ich auf der Grenze zwischen Wahrheit und Lüge balanciere. Wenn meine Älteste mir frech ins Gesicht sagt, dass ich ihr etwas nicht verbieten darf, dann habe ich auch schon mal gekontert: „Doch! Ich bi s Mami, ich derf alles!“ Und wir wissen alle, dass das nicht stimmt. Nicht mal ansatzweise.

Diese Woche beschäftigte mich die ganze Frage rund um die Wahrheit mal wieder besonders. Vor einiger Zeit ist uns ein Teddybär abhanden gekommen. Natürlich nicht irgendein Teddybär. Sondern DER Teddybär. Viola. Das liebste Kuscheltier unserer Ältesten und eines der wenigen Kuscheltiere, bei denen es sogar mich reut, wenn sie verloren gehen. Wochenlang haben wir danach gesucht. Und irgendwann habe ich aufgegeben. Und eine neue Viola bestellt. Eine Woche später war sie da. Sie kam per Post und Elea öffnete das Päckli voller Neugierde, ohne zu wissen, was drin war. Ihre Freude war riesig. Sie jubelte regelrecht und führte einen Freudentanz auf. Aber nach dem ersten Sturm der Euphorie kam dann die grosse Frage. Woher kommt Viola? Ich muss gestehen, ich wollte meine Tochter nicht enttäuschen, wollte ihr die Freude an ihrem „heimgekehrten“ Kuscheltier nicht nehmen. Also flüchtete ich in die Welt der Fantasie. Viola sei wohl in den Ferien gewesen und hätte den Postweg nachhause genommen.

Erst als ich ihr die Erklärung aufgetischt hatte, fragte ich mich, ob das nun Fantasie oder Lüge war. Ein unangenehm schlechtes Gewissen schlich sich bei mir ein. Umso dankbarer war ich, als kurze Zeit später Elea die Geschichte selbst ansprach und mich mit grossen Augen fragte: „Mami, isch das e noii Viola?“ „Ja.“ „Isch die ander verlorä gange?“ „Ja…“

Sie trug es mit Fassung und herzte die neue Viola dennoch liebevoll. Ich staunte. Und traute mich etwas später nachzuhaken, ob es denn ok sei, dass sie nun eine neue und nicht die alte Viola hätte. Ja, alles wäre ok, versicherte sie mir. Ah, super! Wie der Hammer traf mich da ihre Reaktion: „Nei, Mami. Das isch nöd super. D Viola isch verlore gange. Das isch schad!“

Ich ziehe den Hut vor meiner Dreijährigen, die mir in diesem Moment gerade sehr weise vorkam. Nun, da sie so gefasst mit Verlust, Ersatz und der Wahrheit umgehen kann, scheint sie mir bereit für ein Haustier. Wie ich das meinem Mann beibringe? Mit viiiiiel Fantasie…










Janine Wassmer
, verliebte Ehefrau, begeistertes Meitli-Mami (2, bald 3 Mädchen), leidenschaftliche Schreiberin (Blog, Moderationen, Lieder, Einkaufslisten, Tagebücher - alles was sich halt schreiben lässt), Radiomoderatorin und Hobbyköchin (je mehr Gänge desto genussvoller)

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