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Dem Himmel nah - in 48 Kehren

Man nennt sie die ‚Königin der Passstrassen’ – das Stilfserjoch mit einer Passhöhe auf majestätischen 2757 Höhenmeter. Per Velo eine Stärkeprüfung der Extraklasse.
 
Nicht das erste Mal fahre ich in einer Gruppe Rennradfahrer durch Prad im Südtirol Richtung ‚Strada del Passo dello Stelvio’ – und vermutlich auch nicht das letzte Mal. Ein unvergleichliches Kribbeln im Bauch. Es gilt 1844 Höhenmeter auf knapp 25 Kilometer Passstrasse zu bezwingen. Bin ich fit genung? Wie gross wird das Leiden? Wie wird es sein, die körperlichen Grenzen zu erreichen? Wie wird der Moment, auf der Passhöhe anzukommen?
 
Jede 180-Grad-Kehre ist beschildert. Wobei man die erste – Nr. 48 – die meiste Zeit vergeblich sucht. Es gäbe Touristen, welche diese Tafel als Souvenir abschrauben und nach Hause nehmen würden. In den ersten Kehren hat man noch genügend Luft, sich unter Rennradkameraden solche Geschichten zu erzählen. Bald zieht die Steigung aber an und das Geplauder verstummt. 

Das gleichmässige Geräusch geschmierter Ketten und Ritzel lässt seine leise Melodie erklingen. Nun bildet sich eine stimmungsvolle Symphonie aus rhythmischen Atmen und mechanischem Surren. In Kombination mit der frischen Bergluft und den sanft wärmenden ersten Sonnenstrahlen entfaltet sich ein weiteres Bouquet an Emotionen. Die Kette bleibt auf dem zweitgrössten Ritzel. Einen Rettungsring – den 1. Gang - spare ich mir auf. 

Das 80-Seelen-Dorf Trafoi unterbricht den ersten Teil der Kehren. Ein Junge läuft ein Stück nebenher und bietet mir eine Banane an, die ich dankbar annehme. Ein natürlicher Energiespender, welchen ich den klebrigen Gels vorziehe, deren ausgesogenen Verpackungen bereits den Strassenrand zieren. Es ist Zeit zur Nahrungsaufnahme, denn je länger der Anstieg und die körperliche Anstrengung dauert, umso mehr vergeht die Lust nach Essen. Das lässt sich schwer beschreiben – ist aber spannend zu erleben. Meine Geheimwaffen sind Appenzeller-Biberli. Mit ihrem hohen Brennwert stellen sie machen Powerriegel in den Schatten. Kauend geht’s weiter. 

Die Passstrasse windet sich den locker bewaldeten Berg hoch, bis bei Kehre 33 der Rhythmus ändert und sich die Strasse langezogen dahin schlängelt. Hier fühlt sich die Steigung strenger an. Es zieht sich endlos bis zur nächsten Serie von Kehren. Die kürzlich erworbene Apple-Watch versucht mir weiss zu machen, mein Puls liege bei 70 Schlägen. Die Vitalzeichenmessung scheint den kalifornischen Hightechspezialisten noch nicht ganz gelungen. Wenige Minuten später erliegt das technische Wunderwerk fehlender Energie – offensichtlich haben die ständigen Pulsmessungen die Batterie leer gesogen. Auch gut. Die Gadgets versagen - es lebe die pure Muskelkraft!  Wohl ein weitere Aspekt, der eine solche Tour reizvoll macht: die Dinge werden einfach. Es geht ums Durchhalten. Der Alltag ist weit weg. Durchbeissen – nicht weit denken. Das Ziel ist klar: hoch auf die Passhöhe. Gleichzeitig unbeschreiblich intensive Eindrücke: die Aussicht, Gerüche, Geräusche und die Signale des Körpers. Ein fantastisches Bouquet. 

Die Waldgrenze liegt längst hinter uns, ein herrliches Bergpanorama hat sich eröffnet. Gleichzeitig legt die freie Sicht auch die mächtige Wand offen, an welcher die Passstrasse hochklettert. 

Kehre 14 – nun schmerzt jede Pedalumdrehung. Die Gedanken werden weniger. Keine Energie mehr für Stolz und Eitelkeit – die Kette gleitet dankbar aufs höchste Ritzel. Der 1.Gang fühlt sich bis Kehre 12 entlastend an. Dann ist der Effekt verpufft. Es ist nur noch streng. Einer der Leidensgenossen keucht einen dummen Spruch im Sinne von „wir machen das ja alle freiwillig“. Witzig. Hilfreich. Ich schwöre mir irgend etwas mit „nie wieder“...  

Der Blick nach unten motiviert. Da gibt es Sportler, die sich noch wesentlich weiter unten abmühen. Besser nicht nach oben sehen.  Der Wechsel auf einstellige Kehrenzahlen lässt hoffen, doch es vergeht eine Ewigkeit bis Kehre 5. 

Die Gasthöfe der Passhöhe werden sichtbar. Die soliden Mauern der letzten Kehren wirken majestätisch aber nicht mehr unüberwindbar. In diesen Kehren geschieht etwas Merkwürdiges: die scheinbar kraftlosen Muskeln lassen Beschleunigung zu. Das Bezwingen der letzten Rampe kitzelt jede Reserve der tauben Beine wach. Nun geht es rasch. Wie in einem Zeitraffer blitzen die Strassentafeln, die Passhöhe, Restaurants, geparkte Motorräder, kichernde Touristen, Fotokameras und Souvenirshops auf ... alles bedeutungslos. Der Gefühlscocktail aus Erleichterung, Müdigkeit, Stolz und Dankbarkeit füllt mich komplett aus. Ich bin meinem Schöpfer unbeschreiblich nahe, der mich diese Intensität und Grenzerfahrung erleben lässt.

Das Empfinden hält an. Weit hinaus über die genussvolle Abfahrt zum leisen Kribbeln beim Gedanken, diese oder eine vergleichbare Passfahrt wieder einmal in Angriff zu nehmen. Lust auf eine solche Erfahrung? Schreib mir!
 
Motivierende Veranstaltungen mit autofreier Strecke am Stilfserjoch: 
http://www.dreilaendergiro.at
http://www.granfondostelviosantini.com  
http://www.stelviobike.eu







Reto Wüthrich, anfangs 40, Christ, Ehemann, Familienvater (Sohn + Zwillingstöchter), Geschäftsführer, Radsportler, Motorradfahrer, Redbull-Trinker, Mac-Jünger, Langduscher, Serienjunkie und Fleischliebhaber

2 Kommentare



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Sonntag, 18.09.2016, 16:46

Georg Radecke

Schon zwei Mal bin ich mit dem Töff über das Stilfser Joch gefahren (ging natürlich wesentlich ringer...). Wunderbar! Es ist immer wieder herrlich, aus einem heissen Tal in die kühle majestätische Alpenwelt hinauf zu kommen! PTL!

Dienstag, 6.09.2016, 14:58

Beat Ungricht

komme richtig mit den Berg hoch. cool geschrieben.