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Nicht überfordert - aber erschöpft

Manchmal ist es echt anstrengend, das Leben als Mama oder Papa. Das darf man sich ruhig eingestehen, und zugeben: «Ich fühle mich so richtig erschöpft.»
Der Autorin gelang dieses Eingeständnis erst, als ihr klar wurde: Erschöpft ist nicht gleichbedeutend mit überfordert.


Es war einer dieser Schlüsselmomente, in denen plötzlich der Groschen fällt. Ich führte ein längeres Telefonat mit meiner Freundin, und klagte ihr mein Leid. Darüber, dass ich grade richtig Mühe hatte, genug Energie aufzubringen, um mehr zu tun als nur „meine Kinder am Leben zu halten“. Dass ich den Haushalt kaum auf die Reihe kriegte, dass es mich unglaubliche Überwindung kostete, meinen Töchtern zu erlauben, ein „Gspänli“ zum Spielen zu uns nach Hause einzuladen, dass ich nach Feierabend wie tot aufs Sofa fiel und nicht wieder hochkam.

«Du bist erschöpft», fasste meine Freundin meinen Redeschwall zusammen. Ich widersprach. So schlimm wars doch auch nicht. Ich fühlte mich ja nicht überfordert, ich genoss die Zeit mit meinen Kindern, meisterte meinen Alltag ohne Hilfe - ich kam ja zurecht. «Nein, überfordert bist du nicht», erklärte mir meine Freundin geduldig. «Du machst das prima. Dennoch kannst du doch erschöpft sein - das ist nicht dasselbe.»
In diesem Moment machte es bei mir „Klick“. Richtig - ich war erschöpft! Das mag merkwürdig klingen, aber diese Erkenntnis war für mich eine ungeheure Erleichterung.

Ich hatte schon Zeiten der Überforderung erlebt in meiner Mami-Karriere. Als die Zwillinge noch ganz klein waren, ich ständig eine Hand zu wenig hatte, eigentlich so gut wie immer mindestens ein Baby am Schreien war. Als meine Nächte aus aneinandergereihten 30-Minuten-Powernaps bestanden, unterbrochen von teilweise mehrstündigen Wachphasen. In dieser Zeit ging ich jede Nacht ins Bett und fürchtete mich vor dem nächsten Tag. Ich plante meine Tage im Voraus minutiös, stellte den Staubsauger bereits am Vortag an die am nächsten Tag zu putzende Stelle, kochte oft Abends für den nächsten Tag vor - weil ich mir sonst nicht zutraute, den nächsten Tag zu meistern. Oft fragte ich mich, ob ich wohl besser nicht Mutter geworden wäre, weil ich das Leben als Mutter ja offenbar nicht beherrschte. DAS war meine Definition von überfordert sein. So habe ich mich ab dem zweiten Lebensjahr der Maxis nie mehr gefühlt.

Nach der Geburt von Midi und später Mini war es mir vielleicht auch deswegen wichtig, mir selbst und meiner gesamten Umgebung zu zeigen - ich packe das. Ich bin nicht überfordert. Ich bin eine Powermom. Ich komme zurecht, auch ohne Hilfe.

Zum Zeitpunkt des erwähnten Telefonats war Mini grade etwa ein Jahr alt. Sie schlief aufgrund eines - zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostizierten - Refluxs nachts sehr schlecht, war tagsüber ein ausgesprochen lebhaftes Kind, das keine Grenzen respektierte (ich weiss, Einjährige tun das allgemein noch kaum - aber glaubt mir, da gibts unterschiedliche Stufen!) und mich deswegen stark forderte. Midi war grad in ihrer (im Rückblick erfreulich kurz anhaltenden) Trotzphase, und die Maxis stritten sich quasi nonstop. Die Situation war also ganz objektiv betrachtet echt anstrengend. Ich hatte sozusagen jedes Recht der Welt, mich erschöpft zu fühlen!

Und das tat ich dann auch. Die Situation wurde dadurch nicht anders. Aber ich fühlte mich so viel besser, als ich mir selbst eingestehen konnte - ich bin richtig erschöpft. Und das ist ok!






Michelle Boss
, 34, Königstochter (so nennen ihre Töchter Menschen, die an Gott glauben), Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch

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