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Rückbildung - den Körper wieder ins Lot bringen


Für viele Frauen ist es eine lästige Pflicht nach Schwangerschaft und Geburt: Das Rückbildungs-Turnen. Dennoch sollte nicht darauf verzichtet werden, denn es verhilft nicht nur zu einer besseren Körperhaltung und beugt damit Schmerzen vor, sondern verhindert auch mögliche Spätfolgen wie Gebärmuttersenkung oder Inkontinenz.
Im Interview führt die Hebamme und Rückbildung-Trainerin Jolanda Garzotto aus, welche Vorteile die Rückbildung hat.



Jolanda Garzotto, wie wichtig ist es, dass Frauen nach der Geburt ein Rückbildungs-Turnen besuchen?

Mir scheint das sehr wichtig. Schwangerschaft und Geburt belasten den Körper der Frau, insbesondere den Beckenboden. Muskeln, Sehnen und Bänder werden geschwächt. Das führt oft zu einer schlechten Körperhaltung und dadurch zu Schmerzen.
Nach Schwangerschaft und Geburt fragen viele Frauen sich plötzlich: „Huch, wo ist denn nun mein Mittelpunkt?“, weil der sich ja nun wieder verschiebt. Es ist wichtig, durch das Rückbildungsturnen wieder die eigene Mitte zu finden.
Zudem tut es den frischgebackenen Müttern auch einfach gut, einmal Zeit für sich zu haben und den eigenen Körper wieder zu spüren.

Welche Folgen kann es haben, wenn man die Rückbildung auslässt?

Wie schon erwähnt kann es Beschwerden im Becken- und Rückenbereich geben. Eine schwache Beckenbodenmuskulatur kann aber auch langfristig zu einer Blasenschwäche führen. Viele Frauen haben im Alter oder schon direkt nach der Geburt Mühe damit, den Urin zurückzuhalten. Man kann sich den Beckenboden vorstellen wie eine Hängematte, die alle unsere Organe hält. In der Schwangerschaft und bei der Geburt ist die Belastung für den Beckenboden natürlich sehr hoch und bei der Geburt werden die Beckenbodenmuskeln zudem extrem gedehnt. Es kommt auch vor, dass sich später Gebärmutter, Blase oder Darm senken, wenn der Beckenboden nicht mehr so stabil ist - das führt zu Beschwerden. Wenn man die Muskeln in der Rückbildung trainiert wird der Beckenboden aber wieder fest.

Bei einem Kaiserschnitt ist die Belastung für den Beckenboden ja weniger gross… kann man sich die Rückbildung dann sparen?

Es gibt Gynäkologen, die die Rückbildung nach eine Kaiserschnitt unnötig finden. Zu Unrecht, wie ich finde. Die ganze Belastung des Beckenbodens in der Schwangerschaft hatten diese Frauen ja auch, und auch ihre Körperhaltung veränderte sich durch das Gewicht des Kindes. Zudem klagen viele Frauen über Nacken- und Rückenverspannungen durch das Herumtragen des Kindes und das Stillen. In der Rückbildung werden diese Muskeln deswegen meist auch trainiert. Ich mache extra Übungen für die Schulterpartie.

Unterscheidet sich ein Rückbildungsturnen denn von der üblichen Gymnastik?

Auf jeden Fall. In der Rückbildung trainiert man gezielt bestimmte Muskeln. Ich lehre die Rückbildung nach Pilates, dort werden insbesondere die tiefen Muskeln stark gebraucht. In einer üblichen Gymnastikstunde bewegt man sich halt einfach, das ist ein Unterschied.
Wenn man das möchte kann man aber gut auch in ein „normales“ Pilatestraining gehen. Die Trainerinnen wissen, welche Übungen Frauen nach der Geburt noch nicht machen sollten - beispielsweise sollte man erst ca 6 Monate nach der Geburt wieder sit-up Übungen für die geraden Bauchmuskeln machen. Ich würde einfach unbedingt die Trainierin informieren, dass man erst kürzlich geboren hat.

Angenommen, ich hab die Rückbildung damals ausgelassen und Jahre später treten Beschwerden auf - ist der Zug dann abgefahren, oder lässt sich auch nachträglich noch etwas „retten“? 

Also ich habe eine Zeit lang bei einem Urologen gearbeitet, da kamen nicht nur Männer, sondern auch Frauen mit Nieren- und Blasenproblemen. Viele ältere Frauen hatten Probleme mit Wasserlösen und waren inkontinent. Das erste was man jeweils versuchte, war, die Beckenbodenmuskulatur wieder zu trainieren. Damit hatte der Arzt recht gute Erfolge. 

Würdest du denn empfehlen, beispielsweise auch nach 5 Jahren noch eine Rückbildung zu besuchen, oder müsste das dann ein spezifisches Training sein?

Na ja, die Versicherung bezahlt vermutlich nach 5 Jahren nicht mehr, aber wenn du merkst, dass dein Beckenboden einfach nicht „verhebed“, wenn zB bei jedem Niessen oder wenn du auf den Bus rennst „ein Sprutz abgeht“, dann würde ich auf jeden Fall empfehlen entweder spezifisches Beckenbodentraining zu machen oder tatsächlich nochmal in die Rückbildung zu gehen.

Der Verein Stägetritt bietet regelmässig Rückbildung-Gymnastikkurse mit Jolanda Garzotto an. Alle Informationen dazu gibt's hier






Michelle Boss
, 34, Königstochter (so nennen ihre Töchter Menschen, die an Gott glauben), Ehefrau, Mutter (4 fabelhafte Töchter zwischen 2 und 7 Jahren), freie Radioredaktorin, Ungern-Bastlerin aber begeisterte LEGO-, Puzzle- oder Möbel-Zusammenbauerin, Vielleserin und -Vorleserin, Beziehungsmensch